Verteuerung Wird die Inflation falsch berechnet?

Sie kennen das vielleicht von Ihrem Wochenendeinkauf: Sie stehen an der Kasse und haben das Gefühl, vor ein paar Jahren war der Warenkorb noch deutlich günstiger. Die Teuerungsrate in der Euro-Zone lag vergangenes Jahr offiziell bei 1,2 Prozent. Doch gefühlt steigen die Preise stärker. Nun forscht dazu an der Universität Leipzig ein Wirtschaftswissenschaftler, und der sagt: Mit dem Gefühl liegen Sie nicht so verkehrt. Die offizielle Inflationsrate sei zu niedrig berechnet.

Collage aus einem 50-Euro-Schein, in den der Verlauf eines Aktienkurses eingerissen ist.
An der Supermarktkasse hat man oft das Gefühl, dass man für weniger oder schlechtere Produkte immer mehr bezahlt. Aber ist das eigene Geld wirklich weniger wert als früher? Bildrechte: imago/MDR/Max Schörm

Man kennt ja diese Geschichten: Im Eiersalat sind plötzlich weniger Eier, Nutella enthält jetzt weniger Kakao und im  Frischkäse hat der Hersteller einen Teil der edlen Zutaten durch Bambusfasermehl ersetzt. Produkte werden manchmal schlechter, kosten aber das Gleiche. Bei der Berechnung der Inflation findet sinkende Qualität aber keinen Eingang. Warum eigentlich nicht, fragt Gunther Schnabl, Leiter der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Leipzig:

Gunther Schnabl
Gunther Schnabl kritisiert die aktuelle Inflationsrate. Bildrechte: Gunther Schnabl

"Wir beobachten in vielen Bereichen unseres Lebens, dass sich die Qualität verschlechtert. Die Dienstleistungen werden zurückgefahren beispielsweise. Oder die Möbel sind nicht mehr aus hochwertigen Materialien, sondern aus gepressten Spänen und Ähnlichem. Und das müsste man vielleicht dann auch in der Inflationsmessung berücksichtigen."

Schnabl, laut "FAZ" einer der 100 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands, hat dafür ein starkes Argument. Steigt die Qualität, fließt das nämlich durchaus in die Inflationsberechnung ein. Zum Beispiel bei Computern. Sie werden immer leistungsstärker, beim gleichen Preis. Diese Qualitätszunahme berücksichtigen die Statistiker, eine Qualitätsabnahme dagegen nicht.

Immobilien werden nicht mit eingerechnet

Und noch etwas stört Schnabl an der offiziellen Inflationsrate. Die Verteuerung von Immobilen werde gar nicht eingepreist. Schnabl erklärt:

"Man sagt, dass in Deutschland ungefähr 50 Prozent der Menschen in einer eigenen Immobilie wohnen beziehungsweise eine eigene Immobilie besitzen. Und es gibt immer noch viele junge Leute, die gerne für sich oder ihre Familie eine Immobilie hätten. Und damit ist der Preis der Immobilie sehr entscheidend für die Kaufkraft dieser Menschen."

Schnabl resümiert, würde man sinkende Produktqualität und Immobilienpreise bei der Inflation berücksichtigen, läge diese im Euro-Raum bei mehr als zwei Prozent. Würde man auch noch die Preissteigerung von Aktien einbeziehen, die mancher Bürger zur Altersvorsorge kauft, kämen sogar 3 bis 4 Prozent Inflation heraus.

Produktverschlechterung zu vernachlässigen

Aber sehen das auch andere Wissenschaftler so? Reint Gropp leitet das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle und sagt:

"Also es ist vielleicht auf den ersten Blick überraschend, aber es ist tatsächlich schwierig, die Inflation zu messen. Es gibt da verschiedene Diskussionen zu verschiedenen Aspekten zur Messung der Inflation."

Gropp sagt, es werde schon länger diskutiert, ob Immobilienpreise in die Inflationsrate einfließen sollten. Hier könne er Schnabl verstehen. Dass Produkte auch mal schlechter werden, hält er dagegen für ein vernachlässigbares Phänomen.

Inflationsrate höher als gedacht?

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), steht vor dem Sitz des Instituts in Halle/Saale.
Reint Gropp leitet das Leibnitz-Intitut für Wirtschaftsforschung in Halle und widerspricht Schnabl. Bildrechte: dpa

Dafür würden andere, gegenteilige Effekte in der Inflationsrate nicht berücksichtigt. Gropp erzählt, welche: "Denken Sie nur an all die Dinge, die Sie jetzt umsonst im Internet herunterladen und bekommen können, was früher sehr viel Geld gekostet hat. Also wenn Sie jetzt Informationen brauchen, dann geben Sie das bei Google ein. Früher hätten Sie einen Brockhaus kaufen müssen für sehr viel Geld. Und diese Veränderungen sind natürlich überhaupt nicht reflektiert in der Berechnung der Inflationsrate."

Gropp sieht es anders als Schnabl

Unterm Strich sieht es Gropp genau andersherum als Schnabl. Die offizielle Inflationsrate sei vermutlich höher als die reale Verteuerung des Lebens. Wie nah jeder Einzelne dem offiziellen Durchschnittswert kommt, hängt am Ende stark von den persönlichen Vorlieben ab. Macht man den Eiersalat selbst und verzichtet aufs Haus bauen, verteuert sich das eigene Leben vermutlich tatsächlich nicht mehr als in der offiziellen Statistik. Oder wird sogar günstiger.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Februar 2020 | 05:00 Uhr

14 Kommentare

ElBuffo vor 34 Wochen

Nach "dieser Politik" fragt man doch nicht mir wer sondern mit was oder welche. Spielt doch auch erstmal keine Rolle, wer die macht. Die verdeckte Staatenfinanzierung läuft eben darüber, dass die EZB uneingeschränkt Geld druckt, indem sie Staaten deren Schuldscheine aufkauft. Inzwischen werden keine Zinsen mehr gezahlt, sondern man verlangt welche, weil man schon soviel Geld gedruckt hat. Diese Minuszinsen bezahlen nun u.a. in Deutschland z.B. die Mitglieder gesetzlichen Sozialversicherungen. Die haben alle mehr oder weniger große Liquiditätsreserven. Insgesamt wurden und werden dafür jedes Jahr zig Millionen Euro Zinsen gezahlt. Einen kleinen Hinweis findet man etwa im Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung. Da ist für 2019 von 68 Mio.€ die Rede, die dafür draufgehen. Für dieses Jahr werden 82 Mio.€ und fürs nächste 81 Mio.€ erwartet. (S. 30). Kleine Rechenaufgabe: Wieviele Durchschnittsverdiener müssen da jedes Jahr ihren Beitrag allein dafür abdrücken?

TomTom vor 34 Wochen

Es wäre schön, wenn Sie Ihre Behauptungen irgendwie belegen könnten. Wer täuscht denn da "bewusst" wen? Was glauben Sie, welche finsteren Mächte die "Staatenfinanzierung" organisieren? Was ist da verdeckt? Wer ist "diese Politik"?

TomTom vor 34 Wochen

Warum jetzt wieder dieses Thema? Wann hören Leute wie Sie auf, dieses Thema bei allem unsachlich nach vorn zu stellen? Wenn schon, dann so: Der Deutsche lebt auf Kosten ärmerer Nationen, indem er schön billig kauft, bei Kik und Co. Und noch kommen die Arbeiter(innen) nicht, um sie ihren gerechten Lohn abzuholen. Aber wehe, wenn...