Insolvenzen Droht im neuen Jahr eine Pleitewelle?

Insolvente Unternehmen müssen sich ab dem neuen Jahr wieder als zahlungsunfähig melden – mit einer einzigen Ausnahme. Die Insolvenzen waren in der Coronakrise größtenteils ausgesetzt worden. Das führte zu niedrigen Fallzahlen – wohl aber auch zu einem negativen Effekt für die Zukunft. Experten warnen bereits.

Auf Geldscheinen steht ein Stempel mit dem Schriftzug Insolvenz.
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Die Zahl der Insolvenzen ist Schätzungen zufolge in diesem Jahr auf einen historischen Tiefstand gesunken. Dem Inkassodienstleister Creditreform zufolge sank sie deutschlandweit auf knapp 82.000. Das sei ein Minus um 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dabei handelt es sich um Zahlungsunfähigkeiten von Unternehmen, Verbrauchern und Selbstständigen. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Allerdings steigt nach Berechnungen der Forscher aus Halle die Zahl der Unternehmensinsolvenzen leicht an.

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen weniger stark betroffen

Diese allgemeinen Beobachtungen der Analysten treffen noch etwas spezifischer auf die drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu. Im Jahr 2020 waren Schätzungen von Creditreform zufolge die drei Bundesländer weniger stark als andere Länder von Insolvenzen betroffen. In Thüringen waren nur 30 Unternehmen von 10.000 zahlungsunfähig, damit bundesweit am wenigsten. In Sachsen waren es 42, in Sachsen-Anhalt 59.

Für Patrick-Ludwig Hantzsch von Creditreform sind die bundesweiten Zahlen aber keine guten Nachrichten. Denn seiner Meinung nach wurden sehr viele Insolvenzen einfach ins kommende Jahr verschoben. Der Grund: Seit März konnten Unternehmer, deren Firmen zahlungsunfähig waren, auf eine Anmeldung der Insolvenz verzichten und stattdessen versuchen, über staatliche Hilfsgelder oder andere Finanzmittel ihre Unternehmen zu sanieren. Hantzsch erklärt, was er mit "Verschiebung" meint: Zwar sank die Zahl aller Insolvenzen, gleichzeitig aber stieg die Zahl von Insolvenzen betroffenen Arbeitsplätzen sprunghaft an. Hatten 2019 die Insolvenzen noch Auswirkungen auf 218.000 Jobs, waren es 2020 bereits 332.000.

Historischer Tiefstand täuscht über Probleme hinweg

Die Experten bei Creditreform gehen davon aus, dass dieser historische Tiefstand aus diesem Jahr, im kommenden Jahr an Relevanz verlieren wird. "Dabei täuscht die gesunkene Fallzahl über die wirkliche Situation der Unternehmen hinweg. Insbesondere für Gastronomie, Einzelhandel oder die Messe-, Reise- und Veranstaltungsbranche hat die Rezession massive Auswirkungen auf die Liquiditäts- und Finanzlage. Das wird sich ab dem kommenden Jahr dann in den Insolvenzzahlen niederschlagen", schreiben sie in ihrer aktuellen Analyse. Genaue Zahlen könnten aber nicht abgeschätzt werden. Oliver Holtemöller vom IWH sieht das ähnlich: "Einigen Unternehmen dürfte es gelingen, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen und eine Insolvenz zu vermeiden, solange die Ausnahmen gelten. Komplett aufhalten werden die Ausnahmeregelungen und die Unternehmenshilfen die Insolvenzwelle jedoch nicht."

Galeria- Karstadt-Kaufhof
Insolvenzen von großen Unternehmen wie Galeriea Karstadt Kaufhof lösen oft so genannte Flgeinsolvenzen bei deren Geschäftspartnern aus. Bildrechte: dpa

Ein weiteres Problem aus Sicht der Analysten von Creditreform sind die sogenannten Folgeinsolvenzen. 2020 hätten einige große Unternehmen wie Galeria Karstadt Kaufhof, die Friseurkette Klier oder der Finanzdienstleister Wirecard Insolvenz anmelden müssen. Bereits jetzt seien Beteiligte der Unternehmen oder Geschäftspartner von diesen Pleiten betroffen, diese Entwicklung dürfte sich demnach im kommenden Jahr vor allem im Bereich der Zulieferer noch verstärken.

Die Bundesregierung sieht das anders. Bundeswirtschafts- und Finanzministerium hielten dem Mitte Dezember entgegen, dass es für besonders betroffene Branchen Überbrückungshilfen gebe, daher würde die Zahl der Insolvenzen nicht übermäßig steigen. Auf konkrete Nachfragen wollten sich weder das Wirtschafts- noch das Finanzministerium äußern.

Ab Januar alles wieder auf Anfang – mit Ausnahmen

Stattdessen wurde in der vergangenen Woche zusammen mit dem lange geplanten "Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen" die seit März ausgesetzte und im Oktober wieder etwas verschärfte Pflicht zur Insolvenzanmeldung ab Januar grundsätzlich wieder eingesetzt. Darauf hatte sich die Koalition aus SPD und Union am vorvergangenen Wochenende geeinigt. Die Änderungen wurden am vergangenen Donnerstag vom Parlament gebilligt. Allerdings ist hier das Kleingedruckte entscheidend. Demnach sind solche Unternehmen weiter von der Pflicht befreit, die Anspruch auf die sogenannten November- und Dezember-Hilfen haben. Wer also bis Ende des Jahres noch keinen Antrag auf die staatliche Hilfe hat stellen können, der soll weiter von der Pflicht zur Insolvenzanmeldung befreit bleiben.

Für die FDP-Abgeordnete Judith Skudelny kein gutes Zeichen. "Niemand weiß genau, was im kommenden Jahr passiert - aber die Aussetzung jetzt noch ein weiteres Mal zu verlängern, halte ich für falsch. Vor allem Unternehmen in der zweiten Reihe, also zum Beispiel Zulieferer oder Dienstleister, bekommen doch Probleme, wenn sie nicht wissen, ob ihre Kunden noch zahlungsfähig sind oder nicht", so Skudelny im Gespräch mit dem MDR. Außerdem zeige dieser Kompromiss, dass die staatlichen Hilfen für Soloselbstständige und Gewerbe nicht funktionieren würden.

Judith Skudelny
Die FDP-Abgeordnete Judith Skudelny kritisierte die Aussetzung der Insolvenzpflicht bei einem Teil der Unternehmen: Sie stelle eine Gefahr für deren Dienstleister und Zulieferer dar, weil sie nicht wüssten, ob der Geschäftspartner noch zwahlungsfähig sei. Bildrechte: imago images / Future Image

Auch die Grünen kritisierten die Teil-Verlängerung. Sie sehen ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Problemen bei der Auszahlung der November-Hilfen und der Aussetzung der Insolvenzen bis Ende Januar. Manuela Rottmann (Grüne) sagte am Donnerstag im Parlament: "Die Insolvenzantragspflicht ist für die Stabilität der Marktwirtschaft wichtig. Sie ist überhaupt nicht geeignet als Reparaturinstrument für das Scheitern dieser Bundesregierung bei der schnellen Auszahlung von Hilfen." Was Rottmann meint: Das Wirtschaftsministerium hatte vor Parlamentariern eingeräumt, dass es Probleme hat, die Online-Plattform programmieren zu lassen.

"Zombies" bereiten Ökonomen Sorgen

Ein weiteres Problem, das einige Ökonomen im Zusammenhang mit ins kommende Jahr verschobenen Insolvenzen sehen, sind Unternehmen, die zwar noch am Markt aktiv sind, aber nur noch mit Krediten am Leben gehalten werden. Sie erwirtschaften weniger Geld, als sie eigentlich Zinsen auf ihre Kredite zahlen müssten. Fachleute sprechen von sogenannten Zombie-Unternehmen. Zwei aktuelle Umfragen unter Ökonomen zeigen, dass diese fürchten die Zahl der Zombies könnte im kommenden Jahr steigen.

Allerdings warnt die Professorin für Insolvenzrecht von der privaten Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, Franziska Peter, im Gespräch mit dem MDR vor Panik: "Dass wir eine Zunahme von Zombie-Unternehmen haben, ist richtig. Diese Entwicklung sehen wir aber bereits seit 2000. Das heißt, ein Anstieg der Zahl dieser 'Zombies' steht nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Dafür kann unter anderem auch die Nullzinspolitik verantwortlich sein." Gleichzeitig, so die Ökonomin, habe die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht einen gewissen Einfluss auf das Überleben dieser Unternehmen. "In der Pandemie wären diese Unternehmen vielleicht insolvent gegangen, konnten sich aber retten, weil pandemiebedingte Insolvenzen eben ausgesetzt waren. Ob es deshalb aber mit der geplanten Wiedereinsetzung aller Insolvenzen Ende Januar eine Art Nachholeffekt gibt, ist wirklich sehr schwer abzuschätzen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 10. Oktober 2020 | 19:30 Uhr