Experten-Interview Die Corona-Krise und die Wirtschaft: Große Sorgen, aber auch Chancen

Die verhängten Maßnahmen in der Corona-Krise stellen die deutsche Wirtschaft vor eine immense Herausforderung. Die MDR-Wirtschaftsredaktion hat zwei Experten um ihre Einschätzung gebeten: Prof. Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden und Prof. Reint Gropp vom IWH in Halle.

Container auf einem Containerbahnhof
Für die Wirtschaftsexperten Ragnitz und Gropp hat die Corona-Krise auch Chancen – wenn Unternehmen, Freiberuflern und Beschäftigten geholfen wird. Bildrechte: imago images/Sven Simon

MDR-Wirtschaftsredaktion: Wie beurteilen Sie die Verhältnismäßigkeit der gravierenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens und deren Folgen für die deutsche Wirtschaft mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen der Corona-Infektionszahlen in Deutschland?

Prof. Joachim Ragnitz: In der aktuellen Version geht es ja offensichtlich um die Vermeidung einer massiven gesundheitlichen Krise für ganz Deutschland; da muss man es in Kauf nehmen, dass die Wirtschaft stark einbricht. Wichtig ist, dass die mittelfristigen Krisenfolgen minimiert werden, indem man unbürokratisch und schnell Hilfen für die betroffenen Unternehmen und ihre Beschäftigten organisiert. Nicht der zu erwartende massive Rückgang des BIP in diesem Jahr ist das Problem, sondern die Gefahr, dass damit Unternehmen mit funktionierendem Geschäftsmodell aufgeben müssen. Dem muss entgegengewirkt werden – mit Kurzarbeitergeld, gegebenenfalls auch Entschädigungsleistungen für nicht erfasste Personengruppen wie Selbständige und Freiberufler – nach § 56 Infektionsschutzgesetz, mit Liquiditätshilfen – teils rückzahlbar, teils auch als verlorener Zuschuss. Dass damit auch eine massive Neuverschuldung verbunden ist, muss man ebenfalls hinnehmen. Und wie man diese im Nachgang wieder zurückführt, kann man dann diskutieren. Insoweit: Ja, ich halte das für hinnehmbar und wahrscheinlich sogar für alternativlos.

Unbürokratisch und schnell Hilfen für die betroffenen Unternehmen und ihre Beschäftigten organisieren.

Prof. Joachim Ragnitz
Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), steht vor dem Sitz des Instituts in Halle/Saale.
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Prof. Reint Gropp: Meine Sicht in dieser Frage hat sich im Zeitablauf an die neuen medizinischen Informationen angepasst. Ursprünglich schien es etwa so, als würden wir das Kind mit dem Bade ausschütten. Inzwischen denke ich schon, dass einschneidende Maßnahmen gerechtfertigt sind. Die Gründe dafür sind die höhere Sterberate und die höhere Notwendigkeit für Intensivversorgung als bei einer Grippe, die hohe Ansteckungsgefahr und die mögliche Überlastung der medizinischen Infrastruktur. Es bleibt aber zu fragen, ob es nicht doch besser ist – jedenfalls aus wirtschaftlicher Sicht  –, eine hohe Infektionsrate in der allgemeinen Bevölkerung in Kauf zu nehmen bei gleichzeitiger Isolierung von den entscheidenden Risikogruppen. Das wäre wirtschaftlich dramatisch weniger disruptiv und hätte möglicherweise sogar eine niedrigere Sterberate zur Folge. Angesichts der Strategie der Bundesregierung ist es jetzt von entscheidender Bedeutung, zu verhindern, dass es Massenpleiten gibt. Ich denke, größere Unternehmen sollten oftmals ausreichend Reserven haben, um eine Rezession zu überstehen, kleine Einzelunternehmen aber generell nicht, und sie sind auch sonst nicht abgesichert. Wenn es nach Auslaufen der Maßnahmen nicht zu einem "doom loop" kommen soll, also einem sich selbst verstärkenden negativen Kreislauf aus Pleiten und hoher Arbeitslosigkeit, muss die Fiskalpolitik neben der expansiven Geldpolitik möglichst dafür sorgen, dass Kleinunternehmen erhalten bleiben. Dann könnte es im Herbst zu einem Aufholeffekt kommen.

Es ist jetzt von entscheidender Bedeutung, zu verhindern, dass es Massenpleiten gibt.

Prof. Reint Gropp

Manche sprechen schon von einer zu erwartenden 10- bis 15-jährigen Wirtschaftskrise.Sind das realistische Annahmen?

Prof. Joachim Ragnitz: Jegliche Spekulation über die Dauer der verursachten Wirtschaftskrise ist derzeit unseriös. Es ist zu erwarten, dass mit zunehmender Zahl von Ansteckungen eine "Herdenimmunität" einsetzt, und auch, dass mittelfristig Impf- und Wirkstoffe zur Verfügung stehen. Insoweit rechne ich nicht damit, dass die Dauer der Krise so lang sein wird. Aber nochmals: Relevant ist, dass man eine Pleitewelle "gesunder" Unternehmen verhindert.

Relevant ist, dass man eine Pleitewelle 'gesunder' Unternehmen verhindert.

Prof. Joachim Ragnitz

Prof. Reint Gropp: Das halte ich für unseriöse Panikmache. Ich denke, schlimmstenfalls könnte es ähnliche Konsequenzen haben wie die Finanzkrise 2008/2009. Aber wenn die Maßnahmen im Herbst spätestens wieder aufgehoben werden und gleichzeitig die Fiskalpolitik auch mit Garantien die Unternehmen am Leben erhält, sehe ich nicht, warum die Rezession so lange dauern sollte. Ich erwarte eher einen Aufholeffekt nach Ende der Maßnahmen und eine V-förmige Wirtschaftsentwicklung. Man darf aber nicht zu zögerlich in der Fiskalpolitik sein. Das jetzt zu erwartende Paket wird wohl eher nicht ausreichen, wenn die Maßnahmen wie Ausgehverbot länger als zwei Monate dauern.

Ich erwarte eher einen Aufholeffekt nach Ende der Maßnahmen.

Prof. Reint Gropp

Gerade Kleinunternehmer und Freiberufler haben Existenzsorgen. Was ist gerade für diese jetzt wichtig?

Prof. Joachim Ragnitz: Die Unternehmen selber können so gut wie gar nichts tun. Sie können Kurzarbeitergeld für ihre Beschäftigten beantragen und Liquiditätshilfen für die Fortführung des Unternehmens selber. Auch die erwähnten Entschädigungsleistungen sollten gewährt werden. Da ist es wichtig, dass solche Hilfen nicht mit überbordenden bürokratischen Auflagen gewährt werden. Wenn beispielsweise jetzt mehrere Millionen Anträge auf Kurzarbeitergeld bearbeitet werden müssen, darf das nicht monatelang dauern.  

Hilfen nicht mit überbordenden bürokratischen Auflagen gewähren.

Prof. Joachim Ragnitz

Prof. Reint Gropp: Problematisch war, dass schon vor der Corona-Krise viele Unternehmen – und nicht nur kleine – in Schwierigkeiten gesteckt haben. Ein Zeichen dafür war auch der Anstieg in der Beantragung von Kurzarbeitergeld schon vor der Krise und der von vielen erwartete Anstieg der Insolvenzen schon im Januar. Das bedeutet, dass viele Unternehmen schon Anfang des Jahres finanziell recht klamm waren und wenige Reserven hatten, um einige Monate mit geringen oder keinen Umsätzen zu überstehen. Es ist also mit einem dramatischen Anstieg der Insolvenzen zu rechnen, wobei das Fiskalpaket der Bundesregierung das selbst im besten Fall nicht vollständig wird ausgleichen können. Mögliche Insolvenzen aufgrund der Corona-Krise werden sich im April/Mai in der Statistik niederschlagen. Konkret haben die Unternehmen mit einer Internetpräsenz jetzt einen großen Vorteil. Andere Unternehmen sollten die Zeit nutzen, um einen Online-Shop aufzubauen, wenn es irgend geht. Restaurants sollten Lieferservice anbieten etc. Die modernen Vertriebskanäle helfen natürlich etwas in dieser Zeit, und man sollte das Geschäft nicht ganz Amazon überlassen.

Moderne Vertriebskanäle nutzen und das Geschäft nicht ganz Amazon überlassen.

Prof. Reint Gropp

Wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen – wie von einigen ins Spiel gebracht – jetzt eine geeignete Maßnahme? Könnte dies am Ende vielleicht sogar effektiver sein, als die Milliarden-Rettungspakete?

Prof. Joachim Ragnitz: Für derartige ideologisch überfrachtete Diskussionen ist jetzt kein Raum. Man muss den Menschen helfen, die unverschuldet in Not geraten. Da geht es um Entschädigungsleistungen und Einkommenstransfers an jene, deren Einkommen jetzt wegbricht. Darüber würde ich mit mir reden lassen, aber das ist etwas anderes als ein "bedingungsloses Grundeinkommen" für alle, unabhängig von Bedarfen.

Für derartige ideologisch überfrachtete Diskussionen ist jetzt kein Raum.

Prof. Reint Gropp: Ein solches bedingungsloses Grundeinkommen halte ich in der aktuellen Situation für übertrieben. Im Moment reden wir von einer Grundversorgung von zwei Millionen Kleinunternehmern, nicht 80 Millionen Menschen. Ich bin grundsätzlich ein Freund des Grundeinkommens, wenn bestimmte Bedingungen bei der Einführung erfüllt sind. Insbesondere sollte es alle anderen Sozialleistungen wie Hartz IV oder Arbeitslosengeld ersetzen, also einen radikalen Umbau des Sozialsystems darstellen. Gleichzeitig wären wohl große Änderungen bei der Einkommenssteuer nötig. Jetzt aber ist überhaupt nicht der richtige Zeitpunkt, um so etwas einzuführen.

Jetzt ist überhaupt nicht der richtige Zeitpunkt, um so etwas einzuführen.

Prof. Reint Gropp

Vielen Dank für das Interview.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 24. März 2020 | 20:15 Uhr