Reint Gropp im Interview "Corona darf die Globalisierung nicht stoppen"

Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), plädiert für Eurobonds, um anderen EU-Ländern aus der Krise zu helfen. Er begrüßt das Hilfspaket der Bundesregierung und mahnt zugleich: Ein zweites oder gar drittes Paket wäre vermutlich nicht mehr so leicht zu stemmen. Die Wirtschaft benötige ein Ausstiegsszenario aus dem Shutdown, sagt Gropp im Interview.

IWH-Chef Reint Gropp
Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Bildrechte: dpa

Herr Gropp, wir haben die zweite Woche hinter uns, in der Cafés, Restaurants und Läden geschlossen sind. Fabriken stehen still, weil der Nachschub aus dem Ausland fehlt. Wie lange hält die deutsche Wirtschaft das noch durch?

Das wissen wir nicht. Aber im Moment ist es natürlich so, dass Mediziner die Wirtschaftspolitik machen. Das ist ein bisschen so, als würde ich operieren.

Das klingt ein bisschen fatalistisch. Deswegen die Nachfrage: Wie können kleine Unternehmen, Restaurants, Künstler durch diese Krise kommen?

Ich denke, mit dem Hilfspaket, das die Bundesregierung diese Woche beschlossen hat, werden diese kleinen und auch größere Unternehmen am Leben gehalten. Das ist wichtig. Aber natürlich hilft das nur ein bis zwei Monate. Danach müssten wir ein neues Paket auflegen, wo dann ein Stück weit das Geld fehlen dürfte. Und es ist auch so: Je länger die jetzige Situation andauert, desto schlechter geht es der Wirtschaft. Wenn wir einen Monat die Wirtschaft schließen, dann verlieren wir vielleicht drei bis fünf Prozent vom Bruttosozialprodukt. Es ist aber nicht so, dass wir, wenn wir zwei Monate die Wirtschaft schließen, sechs bis zehn Prozent verlieren, sondern wir verlieren dann mehr. Es kumuliert sozusagen.

Wenn wir einen Monat die Wirtschaft schließen, dann verlieren wir vielleicht drei bis fünf Prozent vom Bruttosozialprodukt.

Reint Gopp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Ihre Kollegen vom Münchner ifo-Institut sagen, die deutsche Wirtschaft könnte in dieser Krise, je nach Szenario, zwischen sieben und zwanzig Prozent verlieren. Ist das zu pessimistisch oder realistisch?

Während der Finanzkrise ist die Wirtschaft um sechs Prozent geschrumpft. Das waren auch große Zahlen. Damals waren aber die Kleinunternehmer längst nicht so betroffen wie im Moment. Es wird davon abhängen, ob wir jetzt die Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu reduzieren, an die Situation anpassen. Können wir versuchen, das etwas zielgerichteter zu gestalten?

Es weiß ja niemand so genau, wer wirklich gesund ist oder wer den Virus vielleicht sogar schon hatte.

Genau das müssen wir aber wissen. Und dazu brauchen wir Tests. Wir sollten viel Geld dafür ausgeben, dass wir jetzt zeitnah solche Tests bekommen, die schnell durchgeführt werden können. Dann können wir jeden, der eigentlich zur Arbeit gehen müsste, testen. Zeitgleich sollten wir Risikogruppen identifizieren. Das sind eher Ältere und Leute mit bestimmten Vorerkrankungen. Die sollten weiter in Quarantäne bleiben. Aber alle anderen sollten zur Arbeit gehen können.

Wir haben schon über das Hilfspaket gesprochen. Die Politik will dafür die Schuldenbremse lockern. Lange Zeit galt aber: Bloß keine neuen Schulden machen! Wie sehen Sie das?

Ich plädiere schon seit langer Zeit dafür, die Schuldenbremse zu lockern und stattdessen in Bildung oder Infrastruktur zu investieren. Im Nachhinein ist es vielleicht ganz gut, dass wir die Schuldenbremse hatten. Das gibt uns jetzt mehr fiskalischen Raum. Die 156 Milliarden Euro Schulden entsprechen ungefähr 4,5 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das ist ein ordentliches Defizit, aber nichts, was uns Angst machen muss. Aber natürlich ist es so: Wenn wir nächsten Monat wieder so ein Paket auflegen und nochmal 4,5 Prozent aufnehmen und danach nochmal 4,5 Prozent – dann wird es irgendwann wirklich kritisch. Aber noch kann sich der deutsche Staat das Geld nahezu zum Nulltarif leihen.

Und sind die 156 Milliarden Euro gut angelegt?

Das hängt sehr davon ab, wie bürokratisch man jetzt vorgeht. Mein Verständnis war, dass man bei den kleinen Unternehmen sehr unbürokratisch vorgeht. Also: Jeder kann informell einen Antrag stellen und bekommt bis zu 9.000 Euro. Jetzt sieht es aber doch so aus, dass diese kleinen Unternehmen diese Ausgaben auch belegen müssen. Das wird zu Prüfungen führen, zu Verzögerungen. Ich hoffe, das Geld wird schnell ausgezahlt. Das wäre sehr wichtig. Denn wenn die Unternehmen erst einmal pleite sind, wird die Erholungsphase viel länger dauern. Ein Unternehmen, das weg ist, kommt so schnell nicht wieder.

Jetzt hat die Bundesregierung auch angekündigt, dass sich der Staat an großen Unternehmen, die in Schieflage geraten, beteiligen kann. Aber wie soll das funktionieren? Der Staat steigt in Unternehmen ein, die keine Gewinne mehr machen, zahlt aber die Löhne weiter?

Naja, es geht bei dieser Maßnahme hauptsächlich darum, die deutschen Unternehmen vor Übernahmen zu schützen, vor allem aus China. Man will verhindern, dass da ein großer Ausverkauf beginnt. Ich persönlich bin skeptisch, was den Staat als Unternehmer angeht. Wenn überhaupt, sollte das nur in ganz besonderen Fällen vorkommen. Und es sollte klare Regeln geben, wann der Staat aus diesen Unternehmen wieder aussteigt.

Jetzt steht Deutschland vergleichsweise gut da. Andere Länder haben deutlich mehr Infizierte, größere Probleme und vor allem weniger Geld. Es gibt immer wieder die Forderung, Europa müsse das Problem gemeinsam lösen. Es werden gemeinsame Kredite vorgeschlagen, sogenannte Corona-Bonds oder Euro-Bonds. Dann würden alle gemeinsam bei der Krisenbewältigung haften, wenn zum Beispiel Italien Geld bekommt. Was halten Sie davon?

Es wäre jetzt an der Zeit, dass Deutschland seine Blockade-Haltung, was Eurobonds betrifft, aufgibt. Das ist jetzt ein klassischer Fall, in dem die Maastricht-Regeln nicht gelten. Wir sollten versuchen, den Ländern, die viel schlechter aufgestellt sind als Deutschland, ebenfalls zu ermöglichen, ihre Wirtschaft am Laufen zu halten. Daran haben wir als Deutsche auch ein Interesse, weil wir in diese Länder exportieren.

Aber dann haften wir für die lockere Haushaltspolitik der Italiener mit.

Wir sollten versuchen, den Ländern, die viel schlechter aufgestellt sind als Deutschland, ebenfalls zu ermöglichen, ihre Wirtschaft am Laufen zu halten.

Reint Gropp

Wir sind im Euro. Ich glaube, wir wollen auch im Euro bleiben, von dem wir sehr stark profitiert haben. Wie das IWH gezeigt hat, haben wir auch sehr stark von der Schuldenkrise profitiert, weil unsere Zinsen dadurch deutlich niedriger waren, als sie es sonst gewesen wären. Das hat uns Milliarden an Zinskosten eingespart. Und jetzt ist es vielleicht an der Zeit, etwas zurückzugeben.

Wir reden immer über Probleme. Aber bietet die Krise nicht auch Chancen, zum Beispiel in der Digitalisierung? Wir haben jahrelang über Homeoffice geredet. Jetzt probieren wir es mal aus.

Auf jeden Fall. Es gibt eine ganz interessante Studie: Eine Zeit lang war in London eine U-Bahn-Linie ausgefallen und die Leute mussten anders ins Büro kommen. Als die U-Bahn wieder funktioniert hat, sind 80 Prozent wieder mit der U-Bahn gefahren so wie vorher. Aber 20 Prozent haben ihren Weg verändert und verbessert. Und solche Effekte könnte es jetzt auch mit der Corona-Krise geben. Dass es eben einen Schub für Innovation gibt.

Wenn wir wieder T-Shirts in Deutschland produzieren, wäre das wahnsinnig teuer und ineffizient.

Reint Gropp

Jetzt gibt es noch einen anderen Krisen-Effekt: Wegen der Corona-Epidemie sind viele internationale Lieferketten unterbrochen worden, Werke stehen still, Lkw müssen stundenland an Grenzen warten. Beendet Corona die Epoche der Globalisierung? Müssen wir uns wieder mehr darauf besinnen, zu Hause zu produzieren anstatt Waren um die halbe Welt zu schicken?

Ich hoffe nicht. Wenn wir wieder T-Shirts in Deutschland produzieren, wäre das wahnsinnig teuer und ineffizient. Ich glaube nicht, dass das so kommt. Und man würde auch das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn wir wegen des Virus die Globalisierung zurücknehmen. Klar hat sich das Virus schneller ausgebreitet, weil die Welt integrierter geworden ist. Aber die Vorteile der Globalisierung sind dramatisch groß – gerade für ein offenes und exportorientiertes Land wie Deutschland.

Ich bin nicht sicher, ob die Leute bereit sind, für eine Bockwurst das Doppelte zu bezahlen, nur weil der Darm nicht in China war.

Reint Gropp

Aber man kann doch an der Globalisierung einiges kritisch sehen. Es gibt da dieses Beispiel mit den Schafsdärmen, die man für Würstchen benötigt. Die werden von Deutschland nach China geschickt. Dort reinigen Arbeiter sie von Hand. Und dann kommen die Därme mit dem Schiff zurück und werden hier mit Wurst befüllt. Muss das sein?

Die Unternehmen machen das, weil es billiger ist, das in China erledigen zu lassen. Wir müssten andernfalls auch bereit sein, höhere Preise zu zahlen. Und ich bin nicht sicher, ob die Leute bereit sind, für eine Bockwurst das Doppelte zu bezahlen, nur weil der Darm nicht in China war. Ich bin da sehr skeptisch. Ich hoffe, dass wir weiterhin die Vorteile der Globalisierung genießen können.

Herr Gropp, Danke für das Gespräch. Bleiben Sie gesund!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. März 2020 | 10:10 Uhr

137 Kommentare

der_Silvio vor 25 Wochen

Genau @Peter! Deshalb war auch zeitweise die Rede von Knappheit an medizinischem Material. Deshalb haben auch etliche Firmen auf die Produktion von Atemschutzmasken umgestellt, um diese Knappheit zu kompensieren.

Ekkehard Kohfeld vor 25 Wochen

Aber auch für den deutschen Markt und das ist der Punkt sie Schlauberger.Sie wollen mir doch wohl nicht von einem meiner Partner erzählen lieber Bleo.🤣🤣🤣

ralf meier vor 25 Wochen

Hallo MDR: im heutigen Coronaticker liest man unter dem Punkt '06:00 Uhr Trump rechnet mit 100.000 Toten in USA':
Kürzlich hatte Trump noch erklärt, die USA könnten bis Ostern zum Normalbetrieb zurückkehren. Tatsächlich sagte Trump : ''Ich würde es lieben, das Land bis Ostern wieder geöffnet und in den Startlöchern zu haben",
Siehe dazu Tagesschau 25.03.2020 Artikel US-Corona-Hilfspaket steht - Verwunderung über Trump

Würden Sie mir zustimmen, das Herr Trump im Konjunktiv einen 'frommen Wunsch zu Ostern' äußert, aus dem der CoronaTicker dann eine Tatsachenbehauptung macht ? Ist das noch manipulatives Framing oder schon eine klare FakeNews. Ich plädiere für Letzteres.
Ich bitte Sie um die Freigabe dieser Rückmeldung und würde mich über eine Stellungnahme freuen.