Zweifel bei Wirtschaftsforschern IWH: Notwendigkeit der Mehrwertsteuersenkung fraglich

Die Ankündigung der Mehrwertsteuersenkung kam überraschend und sorgte für Diskussionen. Jetzt ist sie in Kraft. Doch aktuelle Einzelhandelsumsatzzahlen zeigen, dass es auch schon vorher zu einer Belebung des Handels kam. Aus Sicht des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle ist es daher fraglich, ob die Mehrwertsteuersenkung tatsächlich notwendig war.

Verkäuferin und Kunde mit Mund-Nasen-Maske in einem Schuhgeschäft in Saalfeld.
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Aus Sicht des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle ist es fraglich, ob die Mehrwertsteuersenkung tatsächlich notwendig war. "Wir sehen an den aktuellen Zahlen der Einzelhandelsstatistiken, dass sich schon im Mai die Lage deutlich verbessert hat", sagte Oliver Holtemöller dem MDR-Magazin "Umschau". Er ist stellvertretender Präsident des IWH. Nach seiner Einschätzung wäre die wichtigste konjunkturelle Maßnahme, die Pandemie in den Griff zu bekommen. "Solange das nicht der Fall ist, werden Unternehmen im Gaststätten- und Tourismusbereich sowie im Einzelhandel Einbußen haben", so der Ökonom.

Problem: Ansteckungsangst dämpft Laune zum Shopping in Geschäften

Oliver Holtemöller
Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Umsatz des gesamten deutschen Einzelhandels stieg im Mai 2020 gegenüber dem Vorjahresmonat real um 3,8 Prozent. Das zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Noch nicht wieder auf dem Vorjahresniveau ist der stationäre Handel mit Bekleidung, Schuhen und Lederwaren. Dessen Umsatz lag im Mai rund 23 Prozent unter dem des Vorjahresmonats. Dafür ist nach Holtemöllers Einschätzung die Maskenpflicht in den Geschäften und die weiterhin bestehende Angst, sich beim Shoppen mit dem Coronavirus anzustecken, schuld. "Man geht nicht gern mit Maske in ein Geschäft und sucht sich neue Schuhe aus. Da hilft jetzt auch keine Drei-Prozentpunkte-Absenkung der Mehrwertsteuer. Deshalb gehen die Leute auch nicht lieber mit der Maske Schuhe kaufen", meint der Ökonom. Die am Wochenende diskutierte Abschaffung der Maskenpflicht in Geschäften sei zwar eine körperliche Erleichterung, würde aber allein nicht unbedingt Kunden bringen, sagte Holtemöller. Nach seiner Ansicht werden die Kunden nur dann wieder in die Geschäfte kommen und unbeschwert shoppen, wenn sie der Überzeugung sind, dass sie sich dort nicht anstecken werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 07. Juli 2020 | 20:15 Uhr