Wirtschaftsprognose IWH: Leichter Insolvenzanstieg im kommenden Jahr

Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass es vorerst keine Insolvenzwelle geben wird. Der Insolvenz-Experte am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, Steffen Müller, sagte MDR AKTUELL, Unternehmen könnten weiterhin Überbrückungshilfen oder Kurzarbeitergeld bekommen. Daher sei in den nächsten beiden Monaten nicht mit einem Anstieg bei den Insolvenzen zu rechen. Hintergrund ist das Ende einer Sonderregelung zum Insolvenzrecht.

«Wir schließen» steht im Schaufenster eines Einrichtungshauses im Zentrum von Halle/Saale. 2016
Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass es vorerst keine Welle von Firmeninsolvenzen geben wird. Bildrechte: dpa

In den vergangenen Monaten musste man sich ja fast schon um die Insolvenzverwalter sorgen. Im August lag die Anzahl der Firmenpleiten in Deutschland 40 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Und tatsächlich, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter, Christoph Niering, hätten seine Kollegen dadurch weniger zu tun: "Da ist der Insolvenzverwalter genau so ein Unternehmer wie jeder andere auch. Und von daher kann es eben sein, dass einige Insolvenzverwalter durchaus Probleme bekommen."

Insolvenzanstieg im Jahr 2021 zu erwarten

Doch nun könnte es ja wieder mehr Arbeit geben, wenn ab Mittwoch zahlungsunfähige Unternehmen wieder regulär Insolvenz anmelden müssen. Niering erklärt: "Wir rechnen schon mit einem langsamen Anstieg, nicht mit einer Pleitewelle. Aber schon mit einem Anstieg, der sich im Jahr 2021 deutlicher zeigen wird."

Wie deutlich, an dieser Frage scheiden sich die Geister. Vor allem in der Gastronomie und im Handel läuft es wegen Corona schlecht. Nach einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes bangen 62 Prozent in der Branche um ihre Existenz. Doch melden diese Firmen tatsächlich jetzt Insolvenz an?

Am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle leitet Steffen Müller die Insolvenz-Forschung. Er sagt, eine Pleitewelle werde es vorerst nicht geben. Denn die Firmen könnten weiterhin Überbrückungshilfen oder Kurzarbeitergeld bekommen.

Müller erklärt: "Unternehmen, die sich Sach- und Personalkosten vom Steuerzahler erstatten lassen können, werden eben eher selten Insolvenz anmelden. Und deswegen gehe ich davon aus, dass das Abwenden der Insolvenzwelle vorerst gelingt. Und ich rechne über die nächsten beiden Monate nicht mit einem Anstieg bei den Insolvenzen."

Nächstes Jahr werde die Zahl der Pleiten dann zwar höher ausfallen als in diesem. Der Anstieg, vermutet Müller, dürfte aber auch dann langsam verlaufen: "Die Politik wird alles daran setzen, eine Insolvenzwelle im Wahljahr 2021 zu verhindern. Die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes bis nach der Bundestagswahl war ein eindeutiges Signal in diese Richtung."

Staatshilfen über langen Zeitraum gefährlich

Doch wenn ein Unternehmen sich nicht mehr trägt, muss es irgendwann pleite gehen. Gewährt der Staat seine Hilfen zu lange, zögert er das nur hinaus. Diese Befürchtung hat Patrik Ludwig Hatzsch von der Auskunftei Creditreform. Irgendwann, sagt er, komme sie doch: die Insolvenzwelle.

Hatzsch erklärt: "Das gefährdet natürlich auch eigentlich gesunde Unternehmen, die darauf angewiesen sind, Kunden zu haben, die darauf angewiesen sind, Lieferanten zu haben. Und die kommen dann selber vielleicht in Schwierigkeiten. Das heißt, je nachdem wie groß die Welle wird, könnten wir eine Kettenreaktion sehen, die dann tatsächlich auch gesunde Unternehmen betrifft."

So schlimm muss es nicht kommen. Vorausgesetzt die Wirtschaft erholt sich und der Staat schafft es, im richtigen Tempo aus den Hilfen auszusteigen. Im internationalen Vergleich sind die Prognosen für Deutschland eher günstig.

Der Kreditversicherer Euler Hermes rechnet für die USA im kommenden Jahr mit 57 Prozent mehr Insolvenzen als 2019. Für Deutschland prognostizieren die Experten einen Anstieg um zwölf Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2020 | 08:08 Uhr

7 Kommentare

Anni22 vor 20 Wochen

Es war nicht falsch, aber man hätte von Anfang an die finanziellen Hilfen nur an gesunde Unternehmen geben dürfen und auch nur für diese die Aussetzung der Insolvenz gestatten sollen. Sprich Zombiunternehmen und manchen "Soloselbständigen" hätte man nicht unterstützen dürfen. Wer zum Beispiel neben seiner "Selbständigkeit" Hartz IV bezieht hätte hier ausgenommen werden sollen. Da wäre Insolvenz zielführender.

Peter vor 20 Wochen

Leachim-21: Von welchem Rechtsbruch fabulieren Sie? Ich zitiere aus bundestag.de: "Der Bundestag hat am Mittwoch, 25. März 2020, einstimmig einen Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU und SPD zur Abmilderung der Folgen der Covid-19- Pandemie im Zivil-, Insolvenz- und Strafverfahrensrecht (19/18110) angenommen. Zwei Abgeordnete der AfD-Fraktion enthielten sich."

Leachim-21 vor 20 Wochen

@Peter und @ zenkimaus : da muss ich widersprechen, wenn man Recht als Regierung Recht bricht , verdreht oder beugt handelt man nicht im Sinne der sozialen Marktwirtschaft. sondern man untergräbt die Rechtsstaatlichkeit.