Treuhand-AufarbeitungDer teilweise verwitterte Schriftzug - Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost -
Auch drei Jahrzehnte nach der Wende sind die Unterschiede zwischen Ost und West kaum zu übersehen. Bildrechte: dpa

30 Jahre nach der Wende Ostdeutschland weit weniger produktiv als der Westen

Die Wirtschaft im Osten Deutschlands ist einer Studie zufolge weit weniger produktiv als im Westen. Ursache sei auch die Subventionspolitik der vergangenen Jahre. Als Gegenmaßnahme sollten die Städte gestärkt werden.

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Auch drei Jahrzehnte nach der Wende sind die Unterschiede zwischen Ost und West kaum zu übersehen. Bildrechte: dpa

Auch drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer stehen Ost- und Westdeutschland wirtschaftlich sehr unterschiedlich dar. So lasse sich vor allem anhand der Produktivität die einstige Teilung Deutschlands sichtbar machen. Das geht aus einer aktuellen Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hervor, die MDR AKTUELL vorliegt.

Ostdeutschland weniger produktiv

Dem Bericht zufolge erreiche kein einziges Bundesland im Osten die Produktivität des schwächsten westdeutschen Bundeslandes - dem Saarland. Wenn man sich ein Unternehmen im Osten anschaue und ein vergleichbares im Westen, dann stelle man fest, dass das Unternehmen im Osten rund 20 Prozent weniger produktiv sei, erklärte der Präsident des IWH, Prof. Dr. Reint Gropp, im Gespräch mit dem MDR. Mit der gleichen Mitarbeiteranzahl würden 20 Prozent weniger Produkte produziert.

Das habe auch, aber nicht nur mit den fehlenden Konzernzentralen in Ostdeutschland zu tun. Lediglich 36 der 500 größten deutschen Unternehmen hätten ihren Sitz im Osten der Republik. Da generell die Produktivität mit der Betriebsgröße steige, sei in Ostdeutschland eine geringere Produktivität zu verzeichnen.

Verfehlte Subventionspolitik

Doch die Ökonomen des IWH haben auch festgestellt, dass selbst wenn man diesen Umstand außer Acht lasse, ostdeutsche Betriebe in jeder Betriebsgröße mindestens 20 Prozent weniger produktiv seien. Den Grund für diese Entwicklung sehen die Forscher auch in der Politik der vergangenen Jahrzehnte.

Reint Gropp
Reint Gropp leitet das renommierte Wirtschaftsforschungsinstitut IWH. Bildrechte: dpa

Die Subventionspolitik hat dazu geführt, dass am Ende zwar mehr Arbeitsplätze erhalten wurden, aber diese Arbeitsplätze weniger produktiv sind als im Westen.

Reint Gropp IWH-Präsident

In Zeiten fehlender Fachkräfte sollte eine staatliche Wirtschaftsförderung nach Einschätzung der IWH-Ökonomen daher nicht um jeden Preis auch für neue Arbeitsplätze sorgen. Statt Geld an ostdeutsche Firmen zu verteilen, solle der Staat lieber in eine exzellente Infrastruktur investieren.

Auch ostdeutsche Städte weniger produktiv

Ein Produktionsgefälle sei aber auch zwischen den ost- und westdeutschen Städten auszumachen. Das liege vor allem daran, dass in den alten Bundesländern deutlich mehr Menschen in Städten arbeiten würden, als dies im Osten der Fall sei.

Wenn sich die Wirtschaftskraft in Ost und West weiter annähern soll, müsse man daher vor allem die Städte stärken. Denn dort entstünden die hochwertigen Dienstleistungen, die die Wirtschaft mehr und mehr bestimmen würden.

Natürlich ist es hart zu sagen, wir müssen ländliche Räume aufgeben. Aber nur so haben wir eine Chance, die Unterschiede zwischen Ost und West irgendwann mal auszugleichen.

Reint Gropp

In der Wissensgesellschaft seien die Städte Gropp zufolge die zentralen Orte von Forschung, Innovation und Wertschöpfung – und damit für Wohlstand.

Zuwanderer meiden den Osten

Die Autoren der IWH-Studie monieren weiterhin, dass in Ostdeutschland die Schulabbrecherquoten höher als in Westdeutschland sind. Außerdem nehme die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter im Osten deutlich schneller ab als in den westdeutschen Bundesländern. Daher fehle es im Osten zunehmend an Fachkräften.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass die eigentlich dringend benötigten ausländischen Fachkräfte den Osten meiden und eher in westdeutsche Regionen gehen.

Aus Sicht der Forscher sei die Politik aufgefordert "exzellente Bedingungen" für "exzellentes Personal" zu schaffen, um den Strukturwandel in Ostdeutschland voranzubringen. IWH-Präsident Gropp zufolge, könne das Produktivitätspotenziel in Ost wie West nur gehoben werden, wenn vorrangig in Bildung und Wissenschaft investiert werde.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. März 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. März 2019, 17:10 Uhr

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183 Kommentare

05.03.2019 10:19 GEWY38 183


Wenn es um die Produktivität im "Osten" geht sieht die Argumentation vom @Mediator so aus.
"Wenn sich manche im Osten auf den Schlips getreten fühlen weil bestimmte Kennzahlen im Osten schlechter als im Westen sind, dann ist das wohl eher Charaktersache."
Wenn es um die Produktivität im "Westen" (BMW Regensburg) gegenüber einem vergleichbaren Betrieb im "Osten"geht, fällt das Urteil von @Mediator so aus.
"Die Taktung am Band richtet sich wohl eher an dem Machbaren und nicht nach dem Bundesland"
Weiter schreibt er irgendwo
"Selbstverständlich macht ein Vergleich der Produktivität Sinn."
Obwohl er selbst bewiesen hat, dass ein Vergleich der Produktion keinen Sinn macht. Denn die Bedingungen müssen kongruent sein.
Wissenschaft lebt auch von Erfahrung. Ich zweifle dies bei den Machern der Studie an.

05.03.2019 10:08 Simone 182

@Sebastian 176:
In welcher DDR hast du denn gelebt?
Hast du mal in so einem Industriemuseum gearbeitet dessen Verschleißgrad angeblich vollkommenen beherrschbar war? Warum hat man denn nicht modernisiert?

Einen Staat der es schafft in den 40 Jahren seines Bestehens 30 Jahre hinter der BRD zurückzuliegen, was die Produktivität angeht, kann man wohl kaum als leistungsstark bezeichnen. Warum wohl konnten wir aus den Konsumgütern der ganzen Welt eben nicht auswählen was uns gefallen hat? Was konnte man den wirklich mit seinem Geld in der DDR anfangen außer es auf die Bank zu tragen? Auch deine angebliche Wirtschaftsleistung der DDR kannst du dir in die Haare schmieren. Die UDSSR stand da meist auf Platz 2 und ich glaube keiner von uns hätte dort leben wollen als alles den Bach runter ging.

05.03.2019 09:23 Mediator an Sebastian(177-176) 181

Lieber Sebastian,

träumen sie weiter von der leistungsfähigen und konkurrenzfähigen DDR die in der Blüte ihrer Jugend dahingerafft wurde. Die erlebte Realität sah doch anders aus.

Aus Denkmalschutzgründen hat man sicherlich nicht die Modernisierung der Industrie vernachlässigt. Und es war sicher auch nicht die Liebe zur Heimat, die einen dazu zwang die schmutzige Braunkohl zu fördern und mit allen Umweltkonsequenzen zu verheizen. Man hatte schlicht und ergreifend kein Geld um Erdöl zu Weltmarktpreisen in der benötigten Menge einzuführen. Die UDSSR kämpfte ja auch ums Überleben und subventionierte die DDR nicht mehr so stark.

Schauen sie sich einfach einmal die Bilder von Straßenzügen aus der DDR und dann die Bilder von heute an. Viele historisch bedeutenden Innenstädte wurden durch die Wender gerade noch gerettet bevor sie wegen staatlicher Vernachlässigung zusammen stürzten! Sorry, aber die Realität kann jeder sehen und die DDR hat man sogar am Geruch erkannt.

05.03.2019 09:02 Rechenkünstler 180

Alle Jahre wieder mit dem Resultat die im Osten können...… Ich erinnere mich die DDR hat für Devisen alles getan, ein hochwertiges Herrenhemd für 1 DM ein Schlachtschein für 25 DM verschleudert an die BRD. Dass dies nicht produktiv sondern eher ein Ausverkauf war
ist wohl klar. Aber wir brauchten Devisen. Doch wahrscheinlich waren die Produkte zu schmutzig und minderwertig deshalb die Preise. Im Handel fand man dann das Herrenhemd für 49 DM, das ist natürlich produktiv. Gern würde ich auch wissen wieviel Pendler zu den 20%igem Plus des Westens beitragen. Und wie sieht es mit der Produktivität im Erziehungs- und Pflegesektor aus, wo der Pflege-bzw. Betreuungsschlüssel im Osten wesentlich höher sind als im Westen. Und wenn ich von 20% spreche dann doch bitte ins Verhältnis mit Arbeitskräftestunden setzen und nicht Mitarbeiterzahlen. Übrigens neuerdings outsourcen viele Betriebe Ihre Buchhaltung , kaufmännische Abwicklung und vieles mehr in den Osten Deutschlands ich frage mich warum.

05.03.2019 08:47 Mediator an Engelsdorf(175) 179

Mein Beispiel zeigt lediglich auf, dass kurz vor dem Fall der Mauer den Verantwortlichen in der DDR absolut klar war, dass sie wirtschaftlich am Ende waren. Dies bedeutet nicht, dass die DDR im Laufe ihrer Geschichte nicht öfters vor massiven Zahlungsschwierigkeiten stand und dass das Festhalten an der massiv subventionierten Grundversorgung der Bevölkerung immer mehr die wirtschaftlichen Spielräume abschnürrte.

Letztendich hat die SED um sich noch einige Jahre an der Macht zu halten diese Subventionierung aufrecht erhalten und damit das Land wissentlich wirtschaftlich gegen die Wand gefahren. So sit das halt wenn Ideologie über wirtschaftlichen Sachverstand siegt.

1989/90 ging also keine blühende, in der Kraft ihrer Jugend stehende DDR unter, sondern wir erlebten die letzten Zuckungen eines ohnehin in dieser Form totgeweihten Staates.

05.03.2019 08:47 der_Silvio 178

@172 Kaufmann; volle Zustimmung.

@173 Mediator + @174 Heinrich;
Hier einige Beispiele für die Vernichtung von DDR-Betrieben:
- Harzer Werke in Blankenburg/Harz
- FEW ebenfalls in Blankenburg/Harz
- zahlreiche Betriebe der 'Kunstblume' in Sachsen.
Mag sein, daß durch Misswirtschaft der DDR-Führung und der Sowjets die Wirtschaftslage der DDR nicht die Beste war.
Aber das gezielte Aufkaufen und Schließen von Betrieben, die Entlassung tausender Arbeiter und die Zerstörung sämtlicher Infrastruktur hat das ihre dazugetan. Hätte man Betriebe saniert statt zu schließen, sähe es heute nicht so aus!

05.03.2019 07:23 Sebastian 177

@ Mediator 173: Im Übrigen betrug das Wirtschaftswachstum der DDR 1985-1988 3,8 %, das der BRD 2,0 %. 1985 stand die DDR auf Platz 15. der wirtschaftlich stärksten Länder. Und auch zum Verschleißgrad gib es konkrete Zahlen, die gar nicht so dramatisch aussehen und vollkommen beherrschbar waren.

05.03.2019 06:55 Sebastian 176

@ Mediator 173: Fällt Ihnen auf, dass die beiden von Ihnen genannten Daten ziemlich mit der Veröffentlichung des Schürer-Papiers am 31. Oktober korrelieren. Dass das Schürer-Papier vollkommen falsche Zahlen enthält, ist doch schon längst bekannt, wird aber heute immer noch als Beweis für die Pleite angeführt. Selbst die Deutsche Bank benennt die Verschuldungsquote der DDR 1990 mit 27,6 % und für die BRD mit 41,8 %. Im Jahre 2010 betrug die Verschuldungsquote der BRD über 80 %, die der EU im Jahre 2017 81,6 %. Und weil die DDR so Pleite war, musste jeder DDR-Bürger 1990 7.500 DM westliche Staatsschulden übernehmen und jeder BRD-Bürger war auf einmal 2.500 DM Staatsverschuldung los. Sie sollten aufhören, hier so einen Quatsch zu verbreiten. Man sollte mal prüfen, ob das Verleumden von ehemaligen Staaten und damit auch seiner Bevölkerung irgend einen Straftatbestand erfüllt. Allerdings wird es ja ohnehin nicht geahndet werden, weil es dem Sieger ideologisch bequem in die Taschen spielt.

04.03.2019 23:20 Engelsdorf 175

@173, Mediator "Am 27. Oktober trafen sich die Wirtschaftsfachleute der Stasi zu einer Lagebesprechung. Ganze Industriezweige, stellte die Runde fest, seien verrottet."

Das klingt im Rückblick irgendwie schon fast wie Satire. Da stellen die doch plötzlich am 27. Oktober fest, dass ganze Wirtschaftszweige verrottet sind. Als ob das vorher niemand bemerkt hat.

Stasi: "Genossen, schaut her: Es ist alles verrottet."
SED: "Wie konnte das denn passieren?"
Finanzminister: "Ich glaub, wir sind pleite."

04.03.2019 21:57 Heinrich 174

@Kaufmann 172:

Entschuldigung, aber sie eiern herum und weichen der Kernfrage aus. Die Frage ist doch nicht ob es Kälber mit zwei Köpfen gibt, sondern ob diese die Regel oder die Ausnahme darstellen!

Die Regel war, dass der typische ostdeutsche Industriebetrieb hoffnungslos veraltete Technik, dementsprechend hohe Personalkosten und daraus resultierend hohe Kosten für seine Produkte hatte. Die Umstellung der Lohnkosten auf DM bedeutete folglich für viele Betriebe schlicht und ergreifend das Ende.

Da viele DDR Produkte ein schlechtes Image hatten brach auch bei konkurrenzfähigen Preisen oftmals die Binnennachfrage in den NBL weg, ganz zu schweigen von den Ländern im RGW Raum, die sich DDR Produkte plötzlich nicht mehr leisten konnten.

All diese Fakten bedeuteten das Aus für viele DDR Betriebe, dass dann auch die von ihnen geschilderten Fälle von gezielter Marktbereinigung dazu kammen, machte den Kohl auch nicht fett. Zur DM gehörte halt auch die Marktwirtschaft.