Wirtschaft in der Corona-Krise Kraftstoffpreise sinken - jedoch weniger als Rohölpreis

Automobilclub sieht Spielraum mehr niedrigere Preise

Die Corona-Krise bremst die Weltwirtschaft aus, und damit auch die Nachfrage nach Rohöl. Zudem wollen einige Länder die Fördermenge derzeit nicht reduzieren. Die Folge: Rohöl ist so billig wie seit Jahren nicht mehr. Doch bei ähnlich niedrigen Börsenpreisen 2016 konnte damals viel günstiger getankt werden.

Eine Zapfpistole wird an einer Tankstelle vor die Super-Benzin bzw. die Super-E10-Beschriftung einer Zapfsäule gehalten.
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Wer Glück hatte, konnte in den vergangen Tagen Diesel für unter einen Euro tanken. Und zwar das abends am Wochenende und zu Wochenbeginn möglich - u.a. im Leipziger Westen bei Star- und HEM-Tankstellen und in Oelsnitz / Stollberg (Erzgebirge) bei Star. Das ergab eine Recherche des MDR-Magazins "Umschau" bei den Kraftstoffpreisportalen von "Clever tanken" und des ADAC. Am Montagmorgen lagen die Preise bei diesen Anbietern wieder etwa sieben Eurocent höher als am Vorabend, sanken dann abends wieder vereinzelt auch unter die Ein-Euro-Marke.

Rohölpreise auf Tiefstand wie 2016 – Kraftstoffpreise nicht

Flächendeckende Dieselpreise unter einem Euro gab es nach der Statistik des ADAC in den vergangenen zehn Jahren das letzte Mal Anfang 2016. Der Liter kostete in den ersten beiden Monaten im Durchschnitt 0,99 Euro, Super E10-Benzin 1,22 Euro. Zuvor hatte sich in der zweiten Jahreshälfte 2015 der Rohölpreis (Brent) halbiert und stand Anfang 2016 im Durchschnitt bei 34 Dollar / Barrel. Heute sind es rund 27 Dollar. Damit rutscht der Preis in die Nähe des 17-Jahres-Tiefs. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen konnten Russland und Saudi-Arabien sich nicht auf eine weitere Förderkürzung einigen und erhöhen ihre Produktion. Zum anderen sinkt die Nachfrage aufgrund der schwächelnden Weltwirtschaft. Doch die Tiefpreise an der Börse spiegeln sich nicht in den Preisen an der Zapfsäule wider – vor allem beim Diesel. Das zeigen die Zahlen des ADAC. Ein Liter Super E10 kostet derzeit im Bundesmittel 1,23 Euro, Diesel durchschnittlich 1,12 Euro.

Preisvergleich: Anfang 2016 und März 2020
  Mittelwert

Jan+Feb 2016
24.3.2020 Vergleich
Brent $/bbl 31 27 -14%
Super E10 inkl. Steuern in € 1,22 1,23 1%
Super E10 ohne Steuern in € 0,37 0,38 4%
Diesel inkl Steuern in € 0,99 1,12 14%
Diesel ohne Steuern in € 0,36 0,47 32%
Quelle: ADAC, Bundesbank, boerse.ard.de      

Tankstellen geben aktuellen Rohölpreisverfall nur teilweise an Kunden weiter

Und auch der Vergleich der aktuellen Preise mit denen vom Jahresanfang zeigt, dass Luft für Preissenkungen vorhanden ist. Während der Rohölpreis um 60 Prozent gesunken ist, wurden Diesel nur um 16 Prozent und Super E10-Benzin nur um 12 Prozent günstiger. Lässt man die Steuern unberücksichtigt, die von der Mineralölwirtschaft immer als Preistreiber angeführt werden, sind es aber auch nur rund 25 Prozent, die der Kraftstoff an der Tankstelle günstiger geworden ist.

Preisvergleich Januar und März 2020
  5.1.2020 22.3.2020 Vergleich
Brent $/bbl 69 27 -60%
Super E10 mit Steuern in € 1,40 1,24 -12%
Super E10 ohne Steuern in € 0,52 0,39 -26%
Diesel mit Steuern in € 1,33 1,12 -16%
Diesel ohne Steuern in € 0,65 0,47 -27%
Quelle: Clever-tanken.de, boerse.ard.de, Bundesbank      

Tankstellen-Verband verweist auf Krisen-Kosten

Der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) verweist auf Anfrage des MDR-Magazins "Umschau" auf die derzeitige besondere wirtschaftliche Krisensituation, die nicht mit der von 2016 vergleichbar sei. Damals war die Weltwirtschaft mitten im Aufschwung. MWV-Sprecher Alexander von Gersdorff sagte, dass es Probleme etwa wegen Personalausfalls durch Quarantäne damals nicht gegeben habe. Er erklärt: "Aufgrund eines sinkenden Verkehrsaufkommens bei gleichzeitig erhöhten Sicherheitsanforderungen an das Personal steht die Branche deutlich höheren kundenspezifischen Transport- und Vertriebskosten gegenüber, die gedeckt werden müssen. Nur wenn Tankstellen wirtschaftlich arbeiten, ist ihr Bestand gesichert. Diese Situation hat einen noch stärkeren Preisrückgang verhindert."

DIW-Energie-Expertin: Üblicherweise sinken die Benzinpreise

Die Energieexpertin Claudia Kemfert
Prof. Claudia Kemfert, Energie-Expertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Bildrechte: dpa

Die Energie-Expertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Prof. Claudia Kemfert, kommentiert die aktuellen Entwicklungen am Rohölmarkt und den Zapfsäulen wie folgt: "Derzeit dominiert die Corona-Krise. Aufgrund des wirtschaftlichen Einbruchs sinken die Ölpreise dramatisch. Üblicherweise sinken die Benzinpreise, wenn der Ölpreis sinkt. Derzeit ist auch die Nachfrage an den Tankstellen gering, sodass der Druck auf die Anbieter nochmals höher ist, die Preise zu senken." Amtliche Daten zum aktuellen Absatz gibt es derzeit nicht. Die Mineralölstatistik wird vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) geführt. Gerade wurden die Daten für Ende 2019 veröffentlicht.

ADAC rät: Preise vergleichen und Unterschiede nutzen

Nach Einschätzung des ADAC besteht angesichts des aktuellen Preisverfalls auf dem Rohölmarkt Potenzial für weitere Preissenkungen, wenn sich die Notierungen auf diesem Niveau stabilisieren. "Auch wenn die Rohölnotierungen die Kraftstoffpreise wegen der Energiesteuer und anderer Komponenten nicht allein beeinflussen, ist die Vergünstigung am Rohölmarkt noch nicht in vollem Umfang bei den Verbrauchern angekommen. Dies geschieht erst dann, wenn der Wettbewerbsdruck auf dem Kraftstoffmarkt dies erzwingt", heißt es beim ADAC. Deshalb empfiehlt der Verkehrsclub den Autofahrern, vor dem Tanken die Preise zu vergleichen und die teilweise erheblichen Preisunterschiede zwischen verschiedenen Tankstellen und Tageszeiten zu nutzen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 25. März 2020 | 19:30 Uhr