Faktencheck Sind Lebensmittel in Deutschland besonders billig?

Die Verbraucher in Deutschland wünschen sich mehr Tierwohl und Klimaschutz in der Landwirtschaft. Die Bauern aber beklagen unfaire Preise für ihre Erzeugnisse. Wie sind die Lebensmittelpreise im EU-Vergleich?

Lebensmittel in einer Muelltonne.
Gibt es zu wenig Wertschätzung für Lebensmittel in Deutschland? Bildrechte: imago images / epd

100 Gramm Schweinefilet für 89 Cent, 1,20 Euro für ein Weizenbrot und Fruchtjoghurt für 19 Cent, das sind aktuelle Angebote aus dem Prospekt eines Leipziger Supermarkts. Dass Lebensmittel in Deutschland besonders billig sind, wie es oft heißt, stimme so aber nicht, sagt Kai Falk vom Handelsverband Deutschland. Bei den Preisen für Nahrungsmittel liege Deutschland im guten Mittelfeld, das heiße zwei Prozent über dem europäischen Durchschnitt.

Das geht aus Daten von Eurostat, dem statistischen Amt der EU hervor. Am teuersten sind Lebensmittel demnach in Dänemark, am billigsten in Rumänien. Deutschland rangiert auf Platz 13 der 27 EU-Länder. Diese Preise müsse man aber in Verhältnis setzen, sagt Erik Maier von der Leipziger Handelshochschule HHL.

In Deutschland sind die Einkommen deutlich höher als in vielen anderen Ländern.

Erik Maier Leipziger Handelshochschule HHL

Daher könne man sagen, dass die Lebensmittelpreise in Relation zum Einkommen in Deutschland sehr günstig seien, erklärt Maier.

Franzosen und Italiener geben de facto am meisten aus

Laut Eurostat sind die Einkommen in Deutschland EU-weit am zweithöchsten. Nur in Luxemburg verdienten die Menschen pro Kopf noch mehr.

Eine Frau steht vor einem Supermarktregal voller Lebensmittel und hält die Hand an den Kopf.
Deutsche geben einen geringeren Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus als die meisten anderen EU-Länder. Bildrechte: Colourbox.de

So komme es, dass der Anteil von Lebensmitteln an den Gesamtausgaben in Deutschland recht niedrig ausfalle, sagt Sarah Häuser von der Verbraucherorganisation "Foodwatch". Sie sagt: "Wir können die Preise zum Beispiel auch mal mit Frankreich oder Italien vergleichen. Da sind die Preise tatsächlich im Mittel deutlich höher, und die Menschen in den Ländern haben auch weniger Pro-Kopf-Einkommen. Also ist es dort auch so, dass die Menschen tatsächlich prozentual mehr Geld ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben."

In Italien sind es 14, in Frankreich 13 Prozent – das ist auch der Schnitt in der EU. In Deutschland entfallen dagegen nur knapp elf Prozent der Ausgaben auf Lebensmittel. Weniger sind es nur in Österreich, Irland und Luxemburg. Zum Vergleich: In Polen und Tschechien sind es jeweils gut 16 Prozent. In Rumänien zahlen die Menschen anteilig am meisten für Nahrungsmittel, nämlich mehr als ein Viertel ihrer Ausgaben.

In Deutschland wird billiger eingekauft als in Griechenland

Auch bei einem Vergleich des Marktforschungsinstituts IRI schnitt Deutschland am günstigsten ab. Ein Beispieleinkauf war hierzulande rund zehn Euro billiger als etwa in Griechenland. Den Hauptgrund dafür sieht Handelsforscher Maier im Preiskampf in Deutschland:

Wir sind das Land, wo Aldi den Lebensmittelhandel revolutioniert hat und dementsprechend sehr niedrige Verkaufspreise durchgesetzt hat und da auch die Verbraucher erzogen hat.

Erik Maier Leipziger Handelshochschule HHL

So gab es 2016 in Deutschland laut der Datenbank Statista pro eine Million Einwohner 336 Supermärkte. In Frankreich dagegen nur gut die Hälfte. Erik Maier erklärt, in diesem stark preisfokussierten Wettbewerb seien die Preise immer weiter gesunken oder eben nicht gestiegen. Und die Kunden hätten sich da jetzt dran gewöhnt.

Wer jetzt die Preise anziehe, verliere viele Kunden. Dass die Preise, wie nun diskutiert wird, steigen – auch zugunsten von Bauern und Tierwohl – hält Maier deshalb für sehr unwahrscheinlich.

Das sagen mdrFRAGT-Teilnehmer zu Lebensmittelpreisen

Wir hatten in mdrFRAGT unsere Nutzer gebeten, ihre Meinung zur aktuellen Debatte um die Lebensmittelpreise zu sagen. Hier einige Antworten.

Lebensmittel Zitat 1
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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Februar 2020 | 05:00 Uhr

37 Kommentare

part vor 26 Wochen

Viele Lebens- und Futtermittel oder die Ausgangsrohstoffe dafür kommen aus anderen Erzeugerländern, ob Mittel- oder Südameika, Afrika oder Asien. Die Ankaufpreise dafür diktieren Europäische oder deutsche Handelsketten, die Erzeuger können davon kaum leben und vernichten in Folge noch mehr Regenwald um noch billiger produzieren zu können, mehr Chemieeinsatz und Monokulturen sind weitere Folgen. Die niedrigen Transportkosten begünstigen die Vernachlässigung heimischer Erzeuger. Gemessen am Einkommen ist die BRD ein Billliglohnland zum Kaufkraftindex, das nun bestimmte Lebensmittel die Statistik beeinflussen bringt daher keine Aussagekraft zum Konsumverhalten. Die Tafeln haben in diesen Land Hochkonjunktur, Armutsrenten und Sozialleistungen ebenfalls. Bei der Preisentwicklung von Elektronikartikeln lässt sich aber keine Teurungsrate ermitteln, sondern vornehmlich bei Lebensmitteln oder den desighten Produkten daraus. Mit der Euroeinführung begann schon eine Teurungswelle ohne Gleichen.

Maria A. vor 26 Wochen

Ich möchte anfügen, dass die Lebenssituation der deutschen Bevölkerung in den nächsten Jahren natürlich eine andere sein wird. Denn wir müssen alle mit höheren Fixkosten rechnen. Die aufs Auto Angewiesenen mit erhöhten Spritpreisen. Aber letztendlich legen die Erzeuger wegen der gestiegenen Kraftstoffkosten die Mehrausgaben sicherlich auch auf ihre Waren um. Wo es jetzt finanziell schon eng zugeht, da ist die Gefahr gegeben, sollten sich dazu wirklich angehobene Lebensmittelpreise gesellen, dass alle diese Mitmenschen bald auch noch an den Tafeln anstehen müssen. Und damit der öffentlich grassierenden Behauptung, dass wir hier in einem "reichen Land" leben, sichtbar Kontra geben werden.

Jan vor 26 Wochen

Da gebe ich Ihnen Recht. Ich finde in der Beziehung die Lösung von Frankreich toll, wo es Supermärkten verboten ist,Lebensmittel wegzuwerfen. Trotzdem werfen Privathaushalte laut dem was ich gefunden habe, über 80Kilo pro Person weg. Da das ein Mittelwert ist, bedeutet das un meinen Augen,das Menschen gibt, die wenig oder gar keine Lebensmittel wegwerfen und andere um so mehr.