Arzneimittel-Versorgung Engpässe von Medikamenten nehmen zu

Antibiotika, Ibuprofen, Blutdrucksenker - bei immer mehr Medikamenten kommt es zu Lieferengpässen. Das erhöht nicht nur die Kosten für Krankenhäuser und Apotheken.

Lieferengpässe Medikamente
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Ein Wespenstich kann bei Allergikern zu einem Anaphylaktischen Schock führen. "Der kann tödlich sein", sagt die Apothekerin Grit Lönnies, die selbst eine Betroffene ist. "Da kann es zum Herzstillstand kommen, der kann unbehandelt einfach tödlich sein." Sie muss deshalb immer ein Notfallset dabei haben. Das Problem: Zwei wichtige Bestandteile waren im letzten Sommer über Monate nur schwer zu bekommen.

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Ein Wespenstich kann bei Allergikern zu einem Anaphylaktischen Schock führt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gab einen Lieferengpass. Auf den Internetseiten des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte werden seitenlang versorgungsrelevante Medikamente aufgelistet, die aktuell nicht geliefert werden können. "Es ist ziemlich quer durch die Bank", sagt Apothekerin Lönnies. Das könne etwa am Rückruf von Medikamenten liegen. Dann seien andere Hersteller gefragt und "es kommt natürlich darauf an, wie viele Produktionsstätten es auf der Welt gibt."

Beim Kombipräparat Piperacillin/Tazobactam - ein hochwirksames und unentbehrliches Breitband-Antibiotikum - gibt es weltweit nur noch zwei Produktionsstätten. Beide liegen nach FAKT-Recherchen in China. Im Oktober 2016 kommt es zu einer Explosion in der Fabrik im Licheng-Distrikt. Die Folge: Monatelange Lieferengpässe.

Aus Kostengründen: Verlagerung der Produktion in Drittstaaten

Aus Kostengründen ist besonders die Wirkstoffproduktion in Drittstaaten verlagert worden. Um noch mehr um Geld zu sparen binden sich die Pharmaunternehmen oftmals nur an einen Lieferanten. Die Händler haben zwar ein hohes wirtschaftliches Interesse, immer lieferfähig zu sein, doch das klappt nicht immer.

Lieferengpässe Medikamente
In der Krankenhaus-Apotheke der Uni-Leipzig ist in der Regel ein Mitarbeiter mit dem Management des Lieferengpasses beschäftigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Folge: Tagtägliche Probleme mit Lieferengpässen, wie die Leiterin der Abteilung für Arzneimittelversorgung der Uni-Klinik Leipzig, Ines Reiche, bestätigt. In der Krankenhaus-Apotheke werden Medikamente für 55.000 stationäre Patienten im Jahr bereitgestellt. "Jeden Tag bekommen ich von meinen Kollegen umfangreiche Mails, in denen steht, was alles fehlt." In dieser Apotheke ist in der Regel ein Mitarbeiter mit dem Management des Lieferengpasses beschäftigt.

Krankenhaus-Apotheken verhandeln direkt mit den Pharmazeutischen Herstellern über Mengen und Kosten. Werden Medikamente knapp, gehen die Preise rauf. Selbst das Schmerzmittel Ibuprofen - 400 und 600 Milligramm - ist Mangelware: "Es ist so, dass in Texas ein Werk im Moment nicht produzieren kann und weltweit die Ibuprofen-Vorräte schrumpfen", sagt Reiche. Man habe im Moment noch drei Kisten, die für knapp zwei Wochen reichen würden.

Mehr Vorräte könnten Abhilfe schaffen

Damit bewegt sich die Krankenhaus-Apotheke genau an der gesetzlich vorgeschriebenen Grenze. Kleiner dürfte der Medikamenten-Vorrat nicht sein. Früher hatten Pharmahersteller größere Vorräte, wie viel sie heute einlagern, bleibt den Unternehmen selbst überlassen. "Ich denke, dass einfach die Lagerkapazität runtergefahren wurde. Auch aufgrund des Preises und um wirtschaftlicher zu arbeiten", sagt Leiterin Reiche.

"Man müsste die pharmazeutischen Unternehmer eindeutig zwingen auch einen gewissen Lagervorrat vorzuhalten", sagt der Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig. Bei versorgungsrelevanten Arzneimitteln sollte dieser etwa für drei bis sechs Monate reichen, damit bei möglichen Lieferengpässen rasch reagiert werden könne. Das sei ganz wesentlich.

Eine Gesetzesänderung könnte also Abhilfe schaffen? Aus dem Bundesgesundheitsministerium heißt es dazu: "Einer längerfristigen Engpasssituation, wenn beispielsweise die Produktion dauerhaft ausfällt [...] könnte auch durch eine weitergehende Verpflichtung zur Bevorratung nicht abgeholfen werden."

Lieferengpässe 7 min
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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 30. April 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2019, 16:27 Uhr

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10 Kommentare

03.05.2019 13:52 Kritischer Bürger 10

@peter 9: Sicher kein schlechter Witz, sondern nur die Realität! Da werden Medikamente im Ausland hergestellt weil in D die Herstellung (wegen Entlohnungen, Rohstoffeinkauf etc) zu teuer wird und wegen der Vorgaben hier im Lande des Wohlstandes! Nein zu teuer nicht, aber die Gewinnspannen sind für die Pharmaindustrie und deren Kader in den Leitungsetagen zu gering nach deren zu erwartenden Vorstellungen!!
Wer als Mensch auf Medikamente angewiesen ist kann sicher (konnte bisher) ein einigermaßen vertretbares Leben und entsprechendes Alter erreichen. Zu oft wurde ja nun schon über die Demographie gesprochen und dieses Vorhaben, diese ggf. künstlichen Engpässe, da man sich mit der Herstellung im Ausland abhängig machte, wird dieses demographische Problem sicher in vielerlei Hinsicht lösen und man kann sich als dt. Pharmavertreter die Hände in "Unschuld waschen"! (An uns hier in D liegt es nicht sondern an die Anderen)

03.05.2019 06:42 peter 9

Natürlich werden in Deutschland zu viele Medikamente verschrieben und demzufolge auch zu viele Pillen geschluckt!!!
Das aber Engpässe auftreten, dass ist wohl ein schlechter Witrz. Viele Menschen benötigen einfach Ihre Medikamente, um ein normales Leben zu führen.
Das ist alles sehr abenteuerlicvh und kaum zu begreifen!!!

03.05.2019 02:34 Gerd Müller 8

gestern kam erst wieder Päckel von Online Aphoteke die mir statt verordnete PZN 08533807 Austausch-Medikament PZN 03550356 ohne DataMatrix-Code und ohne Verpackungsversiegelung, die eigentlich nach EU-Vorgaben, ab 2019 final gelten in Kraft traten.

02.05.2019 19:46 Kritischer Bürger 7

Richtiger würde formuliert sein: Weniger Medikamente > mehr Tote in gewissen Fällen > nur um der Kosten willen < den gewinnbringenden Ausgaben für entsprechende Hersteller, was natürlich auf langer Sicht weniger Ausgaben für die Zufriedenheit, die Notwendigkeit weniger Menschen finanziell zu versorgen, bedeutet? Ist doch ganz issie, hinsichtlich der demografischen Entwicklung oder doch nicht? Kann man fast so nennen "natürliche gesundheitliche Auslese"
Wenn es um die Kosten geht kann das in Zukunft wohl nur heißen: Wer genügend Geld hat, kann auch genügend bezahlen und sich entsprechende Medikamente NOCH LEISTEN!! Wo geht es mit diesem dt. Bereich nur hin?? Auch Medikamente haben ein Verfallsdatum, was bedeutet, BEVORRATUNG, wie lange und in welcher Menge? Macht man es als Anbieter so wie es im Handel ist: Kurz vor Mindesthaltbardatum ablaufende Medikamente sind für die Armen und die frischen Medikamente für die Reichen!! Tolle Aussicht armes D samt Bürger!!

02.05.2019 19:39 colditzer 6

"Aus Kostengründen ist besonders die Wirkstoffproduktion in Drittstaaten verlagert worden. Um noch mehr um Geld zu sparen binden sich die Pharmaunternehmen oftmals nur an einen Lieferanten..."

Der Kapitalismus ist flexibel...
Man muß es nicht ständig wiederholen, aber es geht wirklich nur um Profit.
Einige wenige, aber mächtige Pharmakonzerne, entscheiden wann, wo, wieviel auf den Markt kommt.
Und manchmal schafft man auch eine künstliche Verknappung.
Und der Patient beißt ins Gras.

02.05.2019 19:12 Carolus Nappus 5

Hm, die Hersteller wollen weiter Gewinne machen. Da sie von überall Druck bekommen, versuchen die natürlich die Kosten zu senken. Jetzt die Idee: Ich mache denen noch mehr Druck, indem ich willkürlich irgendwelche Höchstpreise vorschreibe. Dieser Kostendruck wird dann natürlich zu einer stabileren Produktion fürhen, weil man ja mit weniger Geld viel bessere Konditionen aushandeln und viel höhere Lagerkapazitäten unterhalten kann. Manchmal ist es so einfach, dass man einfach nicht drauf kommt.
Man könnte natürlich auch einfach mal den Verbrauch senken. In der DDR hat das ganz prima geklappt. Da musste im Zweifel der Bezirksapotheker entscheiden, wer welches Medikament bekam oder auch nicht.

02.05.2019 17:46 Gerd Müller 4

Angebot und Nachfrage, regelt den Preis, wenn man etwas künstlich verknappt, dann ist der Profit höher.
Es ist wie beim Benzin, 12x am Tag wird der Preis geändert, was macht die Politik, nichts. Genauso ist es bei den Medikamenten, Lobbyisten und korrupte Politiker wollen mehr Kasse machen, dann schließt sich der Kreis.

02.05.2019 17:19 Michael Möller 3

ein sehr interessanter Artikel ,der sehr tief schauen lässt . hier wird mit dem Leben von Patienten gespielt und das alles nur weil es um mehr Profit geht für die Konzerne. wann wacht man auf und geht gegen diese Pharmakonzerne vor. die mit dem Leben der Menschen spielen und das alles nur wegen Profit. man sollte die Konzerne Geldstrafen aufdrücken wen Medikamente nicht geliefert werden. auch sollte die Preise für die Medikamente gesenkt werden, denn im Ausland sind die Betriebskosten geringer und somit sollten auch die Preise für diese Medikamente gesenkt werden.

02.05.2019 17:14 Ureinwohner 2

Antibiotika, Ibuprofen, Blutdrucksenker - bei immer mehr Medikamenten kommt es zu Lieferengpässen. Das erhöht nicht nur die Kosten für Krankenhäuser und Apotheken.Einfach entspannend dies täglichen Horrormeldungen .Das baut auf.Wir leben gut und gerne in diesem Land und brauche unser tägliche Geisterbahnfahrt. Auf die Medien aller Couleur ist da doch Verlass-

02.05.2019 17:14 Atheist aus Mangel an Beweisen 1

Seit dem ich erfahren habe was meine Blutdrucksenker mit mir machen könnten habe ich mich von diesen Verabschiedet.
Gleichzeitig von meiner Hausärztin die ich eh nur hatte weil ich keinen anderen gefunden habe.