Freitags frei Was sagt die Wirtschaft zur 30-Stunden-Woche?

Nur 30 Stunden je Woche arbeiten. Ganz regulär als neue Vollzeit. Das schlägt Die Linke mit Blick auf zunehmende Automatisierung vor. Auch die IG-Metall kann sich das vorstellen, um so Arbeitsplätze zu retten. Denn durch die Wirtschaftskrise und Strukturwandel werden in Branchen wie der Autoindustrie womöglich einige Arbeiter überflüssig.

Auszubildender beim Schweißen
Derzeit gelten 40 Stunden als die reguläre Wochenarbeitszeit. Die Linke will auf 30 Stunden runtergehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Freitags immer frei. Oder werktags nur noch sechs Stunden werkeln. Das wäre mit den Vorschlägen von Linkspartei und IG Metall denkbar. Eine 30-Stunden-Woche fänden viele gut. Eine Straßenumfrage in Leipzig zeigt aber auch, dass einige skeptisch sind, ob das funktionieren kann und ob sie dann noch genug Geld verdienen würden.

Ein Befragter ist sich hingegen sicher, dass man dank hoher Produktivität in der Industrie auch alles mit kürzerer Arbeitszeit schaffen könne. Entspannter sei die 30 Stunden Woche auf jeden Fall.

Die Industrie selbst sieht das allerdings anders. Selbst wenn mit den Stunden auch der Lohn reduziert würde, können die großen Wirtschaftsverbände einer generellen Arbeitszeitverkürzung nicht viel abgewinnen. Für den Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer spricht Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann.

Diese vorliegenden Vorschläge zur 4-Tage-Woche halte ich für absoluten Unsinn.

Thilo Brodtmann Hauptgeschäftsführer Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer

Wettbewerb geht auch in Corona-Zeiten weiter

Brodtmann sieht es so: Die weltweite Wirtschaft ist in der Krise. Und doch stünden weiterhin alle im Wettbewerb. Jedes Land wolle möglichst schnell wieder Wachstum. In so einer Situation könnten die Deutschen doch nicht die Füße hochlegen. Im Gegenteil.

Er könne sich vorstellen, dass eher Mehrarbeit, aber vor allem größere Flexibilität dazu beitragen könnten, den Wohlstand zu erhalten. "Wenn wir nicht bereit sind diese extra Meile zu gehen, dann besteht schon ein Risiko zurückzufallen und Wohlstand, den wir auch im Sozialstaat gewöhnt sind, einzubüßen. Also die Debatte ist eigentlich eine umgekehrte."

Arbeitgeberpräsident befürchtet Mehrkosten

Sachsens Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner sieht das ähnlich. Er sagt, Maschinen und Computer machten die Unternehmen zwar effizienter. Trotzdem könne man deswegen nicht alle Arbeiter nur noch 30 Stunden beschäftigen.

Porträt des neuen Vorsitzenden der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft e.V., Jörg Brückner
Jörg Brückner, Sachsens Arbeitgeberpräsident Bildrechte: Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft e.V.

Es gebe einen hohen Investitionsbedarf in Maschinen und Anlagen, die dann nicht mehr rund um die Uhr laufen. Dadurch verliere man Effektivität und bekomme Mehrkosten. Er schätze, dass aus der 4-Tage-Woche zwei bis drei Prozent Mehrkosten entstehen, unter anderem wegen der Verteuerung der Anlagenkapazität.

Doch muss sich eine Gesellschaft, eine wohlhabende zumal, immer nur an Kosten, Effizienz und Wachstum orientieren?

Wirtschaftswissenschaftler gegen gesetzliche Regelung

Am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle beschäftigt sich Vizepräsident Oliver Holtemöller mit der Konjunktur. Er meint, dass sich die Präferenzen zwischen Arbeitszeit, Konsummöglichkeiten und Freizeit in einer Gesellschaft, die insgesamt reicher werde, verändern. Dann könne eine Reduktion der Arbeitszeit angemessen sein.

Das wird kein Konzept sein für jeden.

Oliver Holtemöller Vizepräsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle
Oliver Holtemöller
Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das hängt davon ab, wo befinde ich mich in meinem Lebenszyklus. Was ist meine familiäre Situation? Was sind meine Wünsche? Wie viel Freizeit möchte ich haben? Was ist mir die Freizeit wert?" Für einzelne Personen oder Unternehmen hält Oliver Holtemöller eine 30-Stunden-Woche für denkbar. Eine gesetzliche Regelung lehnt aber auch er ab.

Am besten, sagt der Wissenschaftler, regeln die Arbeitszeiten Gewerkschaften und Unternehmen untereinander.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. August 2020 | 06:11 Uhr

21 Kommentare

THOMAS H vor 26 Wochen

goffman: "... (und ja, das könnten wir uns auch leisten)." Dann lade ich Sie ein, zum Artikel "Über eine Million Bewerber für das bedingungslose Grundeinkommen.",
wo es teilweise darum geht, wie es zu finanzieren wäre. MfG

THOMAS H vor 26 Wochen

Maria A.: Entschuldigung, aber Ihre DDR-Kritik verärgert mich, da ich es nicht nachvollziehen kann, das so über die DDR berichtet wird. Ich habe bis zur "Einverleibung" (genauer bis 28.02.1993) in einem Ort mit 14 verschiedenen Betrieben bei der Deutschen Reichsbahn, im 3-Schicht-System gearbeitet und wir haben 24/7 die Produkte (welche auch für die Bundesrepublik hergestellt wurden) der 14 Betriebe über die Schienen in den entsprechenden Waggons (die Betriebe hatten jeweils einen Gleisanschluß) befördert. Ihr Satz "... donnerstagnachmittag die Skartkarten herausgeholt ... private Zwecke herum gewerkelt." ist also m. M. eine pauschale Aussage, die nicht stimmt.
Ich muß ehrlich sagen, das ich mir seit vielen Jahren wünsche, das alle Produkte, welche in die damalige Bundesrepublik gegangen sind , sich in Luft auflösen. Sie sollten mal sehen, wie manche/s Straße, Gleisbett, Wohnungseinrichtung, Elektrogeräte usw. verschwinden.
Bitte in Bezug der DDR etwas Zurückhaltung.

winfried vor 26 Wochen

Der technische Fortschritt, von der Automatisierung zur Digitalisierung, lässt uns eh nur 2 Möglichkeiten: runter mit der Arbeitszeit oder Massenarbeitslosigkeit.
Auf jeden Fall wird der Normalbürger "kürzer-treten" müssen, egal welche Partei "am Ruder" ist.