Zwei Ingenieure beraten sich an einer Maschine.
In Deutschland werden immer mehr Ingenieure ausgebildet. Die Sächsische Ingenieurskammer findet das gut, weil auch viele in Rente gehen. Bildrechte: IMAGO

Diskussion Kein Ingenieursmangel mehr in Deutschland?

Dem Ingenieur ist nichts zu schwör, lautet ein Sprichwort. Nur Klonen kann er sich selbst leider noch nicht. Dabei wäre das hilfreich. Denn es gibt zu wenig Ingenieure. Die Wirtschaft beklagt seit Jahren einen Ingenieursmangel und ermuntert Jugendliche, ein entsprechendes Studium aufzunehmen. Mit Erfolg: die Absolventenzahlen steigen rasant. Und zwar so rasant, dass die ersten Statistiker fragen, ob man in Zukunft wirklich so viele Ingenieure braucht.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Zwei Ingenieure beraten sich an einer Maschine.
In Deutschland werden immer mehr Ingenieure ausgebildet. Die Sächsische Ingenieurskammer findet das gut, weil auch viele in Rente gehen. Bildrechte: IMAGO

Wie baut man eigentlich eine Achterbahn? Dreißig Schüler lassen sich das erklären. Sie stehen im Freizeitpark Belantis bei Leipzig. Über ihren Köpfen rasen Fahrgäste das rote Stahlkonstrukt hinab. Die Schüler stellen Fragen:

  • "Ich würde gerne wissen, wie man so eine Achterbahn baut, dass nichts passiert."
  • "Wie rechnet man aus, wie viele Personen in so einen Waggon passen?"

Die Schüler sind auf Einladung der Ingenieurskammer da. Sie wirbt mit solchen Aktionen um Nachwuchs. Doch wie dringend wird der noch gebraucht? Seit 2007 hat sich die Anzahl der Studienabschlüsse in den Ingenieursberufen verdreifacht.

Studienzahlen enorm gestiegen

Der Statistik-Professor Gerd Bosbach hält die These vom Ingenieursmangel deshalb für überholt: "Wenn sie es in Zahlen haben wollen: Im Jahr 2017 gab es 130.000, die einen Abschluss in Ingenieurswissenschaften gemacht haben. Die Studienzahlen sind enorm gestiegen. Wir hatten vor zwei Jahren fast 250.000 neue Ingenieur-Studierende. Wenn davon nur die Hälfte den Abschluss schafft, wäre der Bedarf dicke gedeckt."

Dass die Wirtschaft trotzdem nach noch mehr Ingenieuren ruft, hat für Bosbach einen Grund. Sie wolle möglichst viel Auswahl auf dem Arbeitsmarkt haben: "Diesen Traumzustand möchten sie gern erhalten. Eine große Auswahl von genau passenden Ingenieuren, die auch mit Zeitverträgen und teilweise unter 4.000 Euro monatlich beginnen."

Studenten werden in der Statistik zweimal erfasst

Bei der Sächsischen Ingenieurskammer sieht man das anders. Zunächst einmal, betont Präsident Hubertus Milke, könnten viele Stellen in Sachsen heute nicht mehr besetzt werden: "Wir können konstatieren, dass derzeit die Nachfrage nach Ingenieuren ungebrochen groß ist. Wir haben in der Statistik ungefähr 1.700 arbeitslose Ingenieure. Denen stehen ungefähr viermal so viele offene Stellen gegenüber. Das ist eine ungeheure Nachfrage, die derzeit nicht erfüllt werden kann."

Milke bestätigt, dass sich die Zahl der Studienabschlüsse verdreifacht habe. Das liege aber vor allem an der Hochschulreform. Statt des alten Diploms würden viele gute Ingenieure heute Bachelor und Master machen. Durch die zwei aufeinander aufbauenden Abschlüsse tauche ein und dieselbe Person in der Absolventenstatistik zwei Mal auf.

Zehntausende Ingenieure gehen in Rente

Was derzeit insgesamt an Ingenieursausbildung stattfinde, werde auch gebraucht, so Milke: "Wir können summa summarum pro Jahr ungefähr davon ausgehen, dass wir 80.000 neue ausgebildete Ingenieure brauchen. Ob das Big Data ist, ob das Industrie 4.0 ist, ob das Infrastrukturmaßnahmen sind. Um diese ganzen Probleme der Zukunft zu lösen, brauchen wir Ingenieure. Daran kommen wir nicht vorbei."

Eine Ingenieurschwemme, sagt Milke, drohe vorerst nicht. Allein in Ostdeutschland würden in den nächsten zehn Jahren zehntausende Ingenieure in Rente gehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Oktober 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2018, 05:00 Uhr

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10 Kommentare

24.10.2018 09:29 Dorfbewohner 10

“s. (9)

Sicher wird es viel zu viele Ingenieure geben! Die Leidtragenden sind all die normalen Lehrberufe im Handwerk, weil jeder nur noch Studieren möchte. Es gibt immer weniger Handwerker, weil Studieren ja so "in" ist. Mich wundert es nicht, wenn eines Tages die Lehre verschwindet und nur noch Studienberufe anerkannt werden.”

Früher sagte man mal “Lehrjahre sind keine Herrenjahre” und meinte damit die doch hohen Anforderungen einer Lehre gegenüber dem Leben davor. Ein Studium ist eine enorme Forcierung dessen und verbunden mit bedeutend höherer geistiger Anforderungen und Belastungen.

Also wenn Sie meinen, um beim Thema zu bleiben, dass mal irgendwann mehr Ingenieure als Handwerker auf dem Bau rumspringen, so kann ich Sie mit 100%-iger Gewissheit beruhigen!

24.10.2018 06:40 s. 9

Sicher wird es viel zu viele Ingenieure geben! Die Leidtragenden sind all die normalen Lehrberufe im Handwerk, weil jeder nur noch Studieren möchte. Es gibt immer weniger Handwerker, weil Studieren ja so "in" ist. Mich wundert es nicht, wenn eines Tages die Lehre verschwindet und nur noch Studienberufe anerkannt werden.

23.10.2018 22:12 part 8

Bei der Ausbildung von Medizinern, möglichts mit Spezialisierung stellt sich dieses Problem nicht. Dafür ergibt sich im Industriebereich wieder die Mähr von Fachkräftemangel und nun Überschuß an Führungskräften. Wie schön ist es doch wenn der Unternehmer aus einen riesigen Fachkräfte- Pool auswählen darf und die Bewerber sich selbst noch unterbieten im Preis. Kommen dann noch Spezialisten aus dem Ausland hinzu, braucht man im Innland weniger ausbilden, so war es schon immer bis 1961.

23.10.2018 17:05 Fragender Rentner 7

Zitat von Oben: Kein Ingenieursmangel mehr in Deutschland?

Dafür haben wir aber einen Kinderärztemangel wie heute Mittag beim ARD/ZDF kam.

23.10.2018 16:39 Querdenker 6

Es gab keinen Ingenieursmangel sondern nur Propaganda zur Lohndrückerei (siehe hierzu „So führen uns Politiker und Lobbyisten in die Irre Das Märchen vom Fachkräftemangel“). Und das trifft nicht nur auf den Bereich Ingenieure zu. Es ist für Arbeitgeber besser, wenn sich 20 potenzielle Leute bewerben anstatt bloß 5.

23.10.2018 16:07 Wachtmeister Dimpfelmoser 5

Macht doch nix. Notfalls gehen sie als Quereinsteiger in die Schulen, um Mathematik und Physik zu unterrichten.

23.10.2018 12:28 Walter 4

Jetzt schon wieder die völlig falsche Diskussion.

Bei uns im Bauwesen herrscht ein absoluter Fachkräftemangel, vor allen an ausführenden Ingenieuren.

Vor allen in speziellen Bereichen, zum Beispiel Brückenbau, werden derzeit illusorische Gehälter bezahlt, welche noch vor 5 Jahren undenkbar waren.

Hat eine Firma einen neuen Auftrag, geht sie auf dem Markt „fleddern“.

Das alles dank des Infrastrukturprogrammes der Regierung. Jetzt will sie noch ein Wohnungsbauprogramm auflegen, eigentlich gut und notwendig, aber das kann die Bauindustrie nicht mehr leisten.

23.10.2018 10:07 Max W. 3

Es geht nicht um einen "Mangel" an sich - es geht um ständige leichte Überkapazität, weil die die Gehaltsforderungen der Berufsgruppe nachhaltig unter Druck setzt. Und zwar nach unten...

Das war noch Anfang der Zweitausender ganz offen im VDI-Hausblatt nachzulesen. Und das ist natürlich die Absicht hinter der "Humanitären Hilfe" anno 2015ff zum Nutzen der Dienstleistungsgewerke.

Und "wir" haben ohnehin keinen Mangel, denn das "wir" haben die Schröderlinge 2004 abgeschafft.

23.10.2018 09:30 H.E. 2

Das glaube ich sofort, daß es inzwischen ausreichend Ingenieure gibt.
Es wird in allen Bereichen häufig vorgegaukelt, daß Fachkräftemangel bestünde. Häufig werden ältere, hoch qualifizierte Leute nicht eingestellt, da frage ich mich warum?
Die Firmen wollen einfach nicht angemessen bezahlen, das wird der Hauptgrund sein.

23.10.2018 08:33 Zeitgeist 1

Stimmt die werden nicht gebraucht. Da herrscht kein Fachkräftemangel oder warum sind Tausende in Deutschland schon seit 1991 mit dem Zusammenbruch der Ostbetriebe ( DDR ) arbeitslos bzw. arbeiten in niederer Qualifikation / quasi als Hilfsarbeiter!