Mehr Kreditkartenzahlungen Corona-Krise: Sorge bei Geldautomatenbetreibern

Bargeldloses Zahlen an der Kasse – in vielen Ländern ist das selbst bei Kleinstbeträgen Standard. In Deutschland aber hat die Kartenzahlung erst im vergangenen Jahr erstmals die Bargeldzahlung überholt. Jetzt, wo Supermärkte wegen Corona die Kunden explizit um Kartenzahlung bitten, dürfte die Entwicklung rasanter fortschreiten. Zum Leidwesen der Geldautomatenhersteller.

Hand entnimmt Bargeld von einem Bankautomaten
Überlebt der Geldautomat die Corona-Krise? Bildrechte: imago/Peter Widmann

Wenn die Artikel über das Band gezogen sind, einfach kurz die Kreditkarte dranhalten und weg. Immer mehr Kundinnen und Kunden in Deutschland zahlen häufiger bargeldlos.

Mit Kreditkarte das Personal schützen

Das liegt auch daran, dass sich das die Supermärkte wegen der Corona-Pandemie explizit wünschen. Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen, wie Aldi Nord dem MDR in einer schriftlichen Stellungnahme mitteilt. Und tatsächlich: Das Bargeldaufkommen habe abgenommen, heißt es.

Drosten sieht bei Bargeld keine Infektionsgefahr

Alles gut also, würde man meinen, doch die Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten protestiert: "Man nutzt die Chance natürlich, die bargeldlosen Verfahren weiter voranzutreiben", sagt der Vorsitzende Kersten Trojanus. Hygiene sei nur ein Vorwand, in Wahrheit gehe es den Supermärkten darum, den eigenen Bargeldbestand zu verringern, klagt die Interessenvertretung mit Sitz in Bayern. Sie sieht in der Corona-Krise das Image des Bargelds beschädigt.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
Christian Drosten ist Virologe an der Berliner Charité. Bildrechte: dpa

Und in der Tat: Auch die Medizin sieht im Bargeld kaum Gefahrenpotential. Zur Corona-Viruslast auf Scheinen und Münzen sagt der Virologe Christian Drosten: "Das würde ich mal weitestgehend vergessen. Denn das sind behüllte Viren, und behüllte Viren sind gegen Eintrocknung extrem empfindlich." Bei Corona erfolge eine Infektion meist über Atemluft.

Aldi weist Vorwürfe zurück

Aldi Nord geht es nach eigener Aussage aber vor allem darum, den direkten Kontakt zwischen Kassenpersonal und Kunden zu verringern. Den Vorwurf, Supermärkte würden dadurch vor allem die teure Bargeldentsorgung sparen wollen, nennt das Unternehmen haltlos. Bargeldlose Bezahlvorgänge seien in der Regel für den Discounter sogar teurer.

Geldautomatenbetreiber bangen um Existenz

Wirtschaftspsychologe Janko Laumann vermutet hinter dem Protest der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten Sorgen um die eigene Existenz: "Es ist also auch eine ökonomische Frage, über die hier gerade diskutiert wird. Wer verdient am Bargeld mit? Ist es der Supermarkt, sind es die Geldautomatenbetreiber, die überlegen müssen, wie zukunftsfähig ist der Geldautomat an sich?"

Zumal an vielen Supermarktkassen mittlerweile ebenfalls Geld abgehoben werden kann. Laumann glaubt: Die Pandemie könne das Bezahlverhalten generell verändern. Bislang sei Bargeldzahlung noch relativ beliebt.

Das liege aber auch daran, dass viele Geschäfte keine Kreditkartenzahlung anbieten: "Corona kann insofern ein Startschuss sein, dass immer mehr Geschäfte, auch Bäckereien, kleine Konditoreien sich überlegen, Bargeldlos-Zahlen zu ermöglichen."

Und dadurch könne die Gewissheit bei Kundinnen und Kunden steigen: Auch ohne Bargeld bin ich immer zahlungsfähig, sagt Wirtschaftspsychologe Laumann.

Wirtschaftspsychologe glaubt weiterhin an Bargeld

Doch trotz der Corona-Pandemie: An das Ende von Scheinen und Münzen glaubt Laumann nicht: "Das Bargeld, das lege ich mir zu Hause hin, das habe ich da einfach. Weil ich auch nicht weiß, was sonst so auf mich zukommt im Leben. Also es gibt so eine gewisse Sicherheit, dass ich immer entscheiden und bezahlen kann. Auf der anderen Seite habe ich eben auch, wenn ich mit Bargeld bezahle, immer den Überblick: Was kann ich mir noch leisten und was nicht? Weil mein Portemonnaie eben irgendwann leer oder eben noch voll ist."

Studien hätten ergeben: Bei einer Bargeldzahlung werden andere Hirnregionen beansprucht, als bei der Kreditkartenzahlung, erklärt Laumann. Kundinnen und Kunden erlebten den Verlust von Bargeld als wesentlich schmerzvoller. Geld auszugeben mit der Kreditkarte hingegen sei den meisten leichter gefallen. Der Bezug zum eigenen Kontostand schwinde so, sagt Laumann. Mit Folgen: Seit der Einführung der Kreditkarte habe die Verschuldung der privaten Haushalte stark zugenommen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. März 2020 | 05:00 Uhr