Drastische Mieterhöhung trotz unhaltbarer Zustände

Eine Toilette ist unbenutzbar, eine Decke einsturzgefährdet. Das Haus ist fast unbewohnbar, dennoch haben die Bewohner eine deutliche Mieterhöhung erhalten, obwohl seit Beginn diesen Jahres die Modernisierungsumlage gedeckelt ist.

Die Bodenbalken schimmelten. Badewanne und Toilette fehlten. Das Bad kann Nico Langer praktisch seit Jahren nicht benutzen. Der Leipziger musste für die Renovierung seines Badezimmers erst vor Gericht ziehen. Doch obwohl dort der Hauseigentümer verpflichtet wurde, das Bad in den alten Zustand zu versetzen, ist es immer noch nicht vollständig benutzbar. Der Eigentümer argumentiere, dass der Fliesenboden nicht Teil der Klage gewesen sei. Zudem solle das Einsetzen der Badewanne und Toilette durch Langer erledigt werden.

Wohnhaus
Im Haus gibt es erhebliche Mängel, auch wenn die Fassade saniert ist. Die Kosten werden auf die Mieter umgelegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist letztlich eine weitere Verzögerungstaktik seitens des Vermieters, hier ein nicht fertiges Bad stehen zu lassen, um uns zu nerven und uns hier zum Auszug zu zwingen", sagt Langer. Ebenso wie Langer müssen die Studentinnen Leoni und Lisa vor Gericht gehen, um den Hauseigentümer zur Beseitigung der Mängel zu zwingen. In einigen Ecken ihrer Dachgeschosswohnung bildet sich Schimmel, zwei Fenster sind mit Holzbrettern vernagelt und in einem Raum ist die Decke einsturzgefährdet. Hier drang vor Monaten Wasser ein, weil das Dach undicht war. Immer wieder wurde der Vermieter gebeten, die Mängel abzustellen. Doch geschehen ist nichts.

Mieterhöhung um 447 Euro pro Monat

"Es ist nicht mehr richtig lebbar", sagt Leonie. Es zehre enorm an den Kräften, dauerhaft mit Baustellen, Papierarbeit und juristischen Auseinandersetzungen konfrontiert zu werden.

Finanziell ist es eine Mörderbelastung. Wenn man es hochrechnet, kann man sagen, 12.000  Euro pro Jahr für den Anwalt.

Leonie Mieterin in der Thierbacher Straße
Ein Mehrfamilienhaus wird saniert. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Keine Heizung, nur kaltes Wasser, es regnet rein - in diesem Haus in Leipzig gibt es viele Mängel.

Di 06.11.2018 16:01Uhr 02:27 min

https://www.mdr.de/investigativ/video-246754.html

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"In dem konkreten Fall laufen die Verfahren seit zweieinhalb Jahren", sagt der betreuende Anwalt der Mieter, Steve Laurenz. In einigen Verfahren ging es in die Berufung, weil der Vermieter die Entscheidungen nicht akzeptiert habe. So sei nicht absehbar, wie lange sich die Verfahren noch hinziehen werden.

Zudem hat der Hauseigentümer die Miete deutlich erhöht, nachdem er die Außenfassade saniert und neue Fenster einsetzen lassen hat. Diese Modernisierung legt der Vermieter anteilig auf die Miete um: Eine monatliche Erhöhung um 447 Euro. Demnächst sollen am Haus auch noch Balkone angebracht werden. Diese Kosten sollen den Mietern ebenfalls anteilig auferlegt werden.

"Er versucht halt, alle Baumaßnahmen als Modernisierungsmaßnahme zu uns Mietern umzulegen", sagt Mieter Langer. "Seine Kalkulation ist total unglaubwürdig." Doch so seien die Bewohner wieder unter Zugzwang und es müsste erneut gerichtlich geklärt werden.

Seit Januar 2019 gibt es neue gesetzliche Regelungen bei der Modernisierung von Häusern. Eigentümer dürfen die Jahresmiete nur noch um acht Prozent der Baukosten und um drei Euro pro Quadratmeter erhöhen. Doch weil der Vermieter in der Thierbacher Straße die Baumaßnahmen schon im vergangenen Jahr angekündigt hatte, setzt er den alten Satz von elf Prozent der Kosten an.

Zahlreiche Ankündigungen von Modernisierungen Ende 2018

Mann
"Das bedeutet aber, dass wir aus der Wohnung raus müssen", sagt Holger Zigan. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist kein Einzelfall: In ganz Deutschland kam es im Dezember 2018 noch zu einer Welle von Modernisierungsankündigungen. "Wir gehen als Mieterbund davon aus, das bundesweit einige tausend Modernisierungsankündigungen im Dezember 2018 noch auf die Schnelle geschrieben worden sind", sagt der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes, Ulrich Ropertz. Mieter würden durch Modernisierungen einseitig belastet und diese zahlten diese Kosten auch dann noch, wenn die Investitionen des Hauseigentümers längst gedeckt sind. "Ein Riesengeschäft für die Vermieter."

Der Eigentümer des Haus in Leipzig will sich zu den Vorwürfen gegenüber FAKT nicht äußeren und geht offenbar sogar noch einen Schritt weiter. Nachdem ein Mieter Handwerker drei Mal nicht in seine Wohnung gelassen haben soll, verschickte er eine Räumungsklage.

"Da werden dann kurzfristig Sachen anberaumt", erklärt der Betroffene Holger Zigan. Er sei seiner Mitwirkungspflicht aber nachgekommen. Denn er habe immer rechtzeitig angezeigt, dass er an den fraglichen Terminen verhindert sei und habe Ausweichtermine vorgeschlagen. Es gehe dem Hauseigentümer um etwas anderes, sagt Zigan. Der Vermieter wolle die Grundrisse verändern und zu höheren Preisen vermieten. "Das bedeutet aber, dass wir aus der Wohnung raus müssen."

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 11. Juni 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 23:07 Uhr

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12 Kommentare

13.06.2019 16:17 dienel,frank 12

Nicht nur die Modernisierung stand im Vordergrund sondern auch entsprechend Gewinn mit wenigen Mitteln zu erzielen.
Nach Gutachten steht nun fest , dass die WBG Kontakt nicht nach den Bestimmungen der Wärmeschutzverordnung 2. u. 3 Verordnung gehandelt hat. So wurde in Grünau neue Fenster mit einem k-Wert von 1,7 eingebaut. Die Montagefugen zwischen Fensterrahmen und Baukörper wurden nicht fachgerecht hergestellt und durch Sachverständige bestätigt. Die gravierenden Mängel wurden nicht beseitigt , denn diese gehen in die Tausende. Klimaschutz spielt keine Rolle , hoher CO 2 -Ausstoß ist die Folge bei Beheizung der Wohnblöcke und hinzu kommt noch die zusätzliche Belastung von Wohngeld und Heizkosten für den Steuerzahler. Leider
haben die Behörden in Leipzig davon Kenntnis aber alle
schauen weg oder wollen von allem nicht gewusst haben. Können wir in dieser Zeit so weiter arbeiten im Interesse Klimaschutz. Die Einführung einer CO 2 -Steuer würde nicht die Ursachen bekämpfen.

12.06.2019 15:34 Ossi 65 11

11.06.201921:21 Peter 5, Lieber das Unbeheizte Klo und Undichte Fenster als Angst vor Obdachlosigkeit zu haben. Ich bin nach der Wende schon etliche Male mehrere Monate lang trotz Klage in mehren Malerfirmen hinter meinen Lohn her gerannt, und wäre in dieser Zeit fast Obdachlos geworden. Das es nicht so gekommen ist Verdanke ich der Wobau Magdeburg, weil ich Nachweisen konnte das ich keinen Lohn bekam, aber die Schulden blieben. Hilfe vom Staat Fehlanzeige, und mir wurde vom Arbeitsamt eine Sperre Angedroht bei Selbstkündigung, so sieht es aus. Zu DDR Zeiten hatte ich auch das Klo nicht immer in der Wohnung und auch Undichte Fenster, aber die habe ich heute auch noch im Übrigen, aber ich habe dort Ruhiger gelebt und brauchte keine Angst haben keinen Lohn zu bekommen.

12.06.2019 09:17 Peter 10

@9 wwdd: "Die meisten Vermieter versuchen ein ordentliches Vertragsverhältnis mit ihren Mietern zu halten. Übrigens umgekehrt ist es eben so. Schwarze Schafe gibt es auf beiden Seiten."
Da gebe ich Ihnen vollumfänglich recht.
Mein Beitrag @5 richtete sich allerdings an Ossi 65, der meinte, in der DDR wäre alles besser gewesen. Bei Lichte betrachtet gehörte die Wohnungssituation für viele Menschen, mich eingeschlossen, ganz und gar nicht dazu.

12.06.2019 06:20 wwdd 9

Zu 5, Da hätten sie mal angekündigt, nicht wählen zu gehen und es hätte mit der besseren Wohnung geklappt. Das interessiert heute niemanden mehr. Die meisten Vermieter versuchen ein ordentliches Vertragsverhältnis mit ihren Mietern zu halten. Übrigens umgekehrt ist es eben so. Schwarze Schafe gibt es auf beiden Seiten.

12.06.2019 04:00 Sabrina 8

Zitat:
"nachdem er die Außenfassade saniert und neue Fenster einsetzen lassen hat. Diese Modernisierung legt der Vermieter anteilig auf die Miete um: Eine monatliche Erhöhung um 447 Euro"

Kann es sein, dass Ihnen da ein Fehler unterlaufen ist?
Zwischen 1,50 und 2,50 Euro / qm kann der Preis liegen.
das wären dann zwischen 70 und 150 Euro Mieterhöhung.

Den Überblick, was solche Sanierungen üblicherweise kosten, hat der Mieterverein.

Schätze, der Hauseigentümer ist insolvent.

11.06.2019 23:28 Wahrsprecher 7

Ich beobachte die Entwicklung seit mehr als zehn Jahren und bin auch ein Opfer. Daher weiß ich recht gut, dass die angeführten Fälle wirklich nur Beispiele sind und ohnehin bloß die Spitze eines Eisbergs darstellen. Es gab Ende der 1990er/Anfang 2000er den Beginn einer Fehlentwickung, die politisch Verantwortliche einfach missachteten. Heute reagiert man plan-, aber z.T. auch hilflos. Ich sehe da auch keine Möglichkeit zur Umkehr mehr. Mehr neu Bauen löst das Problem nicht. Wahrscheinlich wird man rigoros rechtlich eingreifen dazu Grundlagen verändern müssen. Vor allem muss die Lobby der Eigentümer gebremst und das Umlage-Gesetz gestrichen werden.

11.06.2019 21:27 Peter 6

@3: Und noch eine Normalität aus der entwickelten sozialistischen Gesellschaft:
Die WG ist keine Erfindung des Westens. Gab´s im Osten auch. "Teilhauptmiete". Mehrere Familien mit Kindern in einer Wohnung. Privatsphäre gleich Null. Und aussuchen konnte man die Mitbewohner keineswegs.
Wie meinten Sie doch: "Lieber noch mal 40 Jahre DDR"

11.06.2019 21:21 Peter 5

@3 Ossi: Warum Shitstorm? Eine realistische Sicht genügt.
Meine erste Wohnung in einem Altbau im Leipziger Westen hatte folgende Vorzüge: Toilette auf halber Treppe, natürlich unbeheizt, kein Bad, dafür Dusche "Ahlbeck" in der Küche. Berliner Ofen im Wohnzimmer, Schlaf- und Kinderzimmer ohne Heizung, Natürliche Belüftung durch defekte Fenster, Nasse Wände.
Und das alles mit Frau und 2 kleinen Kindern.
Ich für meinen Teil kann auf solche Verhältnisse wie Ende der 1980er Jahre verzichten.

11.06.2019 20:00 A 4

Habe mich heute mit einer Frau, gerade im Rentenalter ist, unterhalten. Sie beklagte, dass wir in die Vergangenheit zurückgefallen sind. Jede Frau konnte in der DDR Betriebsdirektor usw. werden. Für Frauen ist es heute schwerer geworden.
Die hohen Etagen teilen sich die Männer. Um skrupellose Miethaie sollten sich alle Parteien kümmern, aber so, dass sie sich die Zähne ausbeissen. Nach 30 Jahren Wende könnte das deutsche Schiff irgendwann wieder wenden. Ob es da so friedlich abgeht? Darüber möchte ich nicht nachdenken.

11.06.2019 18:47 Ossi 65 3

Willkommen im Goldenen Westen und dem mitgelieferten Kapitalismus. Lieber nochmal 40 Jahre DDR ohne PC als das was heute Herrscht. Der Shitsturm der jetzt kommt ist mir egal.