Reisen durch die EU Für deutsche Autovermieter ist Osteuropa ein "rotes Tuch"

Urlaubszeit ist Reisezeit. Doch wer mit einem deutschen Mietwagen nach Osteuropa fahren will, kommt oft nicht weit. Mal sind gewisse Fahrzeugkategorien ausgeschlossen, mal ganze Länder. Doch wer sind für Avis, Europcar oder Hertz die "roten Tücher"?

Mietwagen-Schalter an Flughafen
Mietwagen-Schalter zweier führender Anbieter in Deutschland an einem Flughafen. Bildrechte: imago/Rust

In der Welt der deutschen Autoverleiher gibt es nicht eine EU, sondern zwei. Sie ist geteilt in diebstahlsichere Nationen wie beispielsweise Österreich, Frankreich, Dänemark und in riskante Länder in Ost- und Südeuropa - manche von ihnen sind als No-Go-Areas eingestuft.

Mit dem Skoda nach Tschechien

Doch was heißt das konkret? Europcar wirbt mit dem Slogan "Europas größter Autovermietung", doch will man den Kontinent mit einem deutschen Mietwagen bereisen, wird er plötzlich kleiner. Immerhin darf man mit einem Skoda Superb noch zum tschechischen Nachbarn fahren, wo das Fahrzeugmodell schließlich hergestellt wird. Europcar erlaubt auch, mit einem Mittelklasse-Wagen bis nach Polen oder Italien zu reisen. Die Fahrt in den Osten Europas jedoch mit einer Limousine - wie einem Audi-A4 - anzutreten, ist ausgeschlossen. Und je weiter man in den Süden, wie ins beliebte Italien will, umso schwieriger wird man einen Mietwagen finden.

Eine Landkarte mit den markierten Ländern: Bulgarien, Rumänien Estland, Litauen, Lettland, Kroatien, Tschechien, Polen, Slowakei, Slowenien
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Kein Einzelfall unter den Anbietern

Das Vorgehen von Europcar ist in der Leihwagenbranche keine Ausnahme. Auch Avis oder Hertz gestatten es nicht, mit einem Audi, BMW oder Mercedes nach Kroatien oder Polen zu fahren, mit einem Fiat oder Seat aber schon. Weil all das ziemlich verwirrend ist, antwortet Avis auf MDR-Anfrage: "Wir raten Kunden jedoch, sich vor der Reise an unsere hochqualifizierten Agenten zu wenden, um alle Informationen über Einschränkungen und zusätzliche Papiere einzuholen."

Mehrere Ost-Länder ausgeschlossen

Mietwagenrückgabe am Flughafen Hamburg 2016
Mietwagenrückgabe am Flughafen Hamburg 2016 Bildrechte: imago/Waldmüller

Bei Staaten wie Bulgarien, Rumänien oder den baltischen Ländern – Lettland, Litauen und Estland – wird es einfacher, denn viele deutsche Autovermieter schließen diesen Teil der EU vollständig aus ihrem Einzugsgebiet aus. Fragen nach dem Warum beantworten die Firmen nur schriftlich. So teilt Europcar MDR AKTUELL mit, dass die Einschränkungen in die genannten Länder "an einem erhöhten Diebstahlrisiko für unsere Fahrzeuge und unseren langjährigen Erfahrungen liegen". Man halte sich hier auch an "Empfehlungen von internationalen Polizeibehörden". Auf Nachfragen nach konkreten Statistiken und Quellen will Europcar nicht mehr antworten.

Auto-Klau: Teure Pkw hoch im Kurs

Diebstahl in einem Auto
GDV-Statistik: Audi und Mercedes unter Top 10 der gestohlenen Fahrzeugmodelle Bildrechte: colourbox.com

Wie und wo Autodiebe vorgehen, damit beschäftigt sich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), auch wenn der nur bundesweite Zahlen erhebt. Die "Lieblinge der Autodiebe" seien Audi und Mercedes, heißt es im jüngsten GDV-Bericht, ebenso würden sie es immer mehr "auf teurere Autos" absehen.

So wurden 2017 in Deutschland rund 17.500 Fahrzeuge von der Versicherungsbranche als gestohlen gemeldet. Geschätzte Schadenshöhe: gut 324 Millionen Euro. Gut sieben Prozent davon - rund 1.200 Fahrzeuge - waren Mietwagen. Auf den ersten Blick ist das keine immens hohe Zahl angesichts der 46 Millionen bundesweit zugelassenen Fahrzeugen. "Doch besitzen Mietwagenfirmen gerade neuere Autos, die hochwertig und oft auch hochpreisig sind und bei Dieben immer gefragter werden", sagt GDV-Sprecherin Kathrin Jarosch auf MDR-Anfrage. Da könne sie die Einschränkungen der Autovermieter schon verstehen, meint Jarosch.

BKA: Kfz-Ersatzteile in Osteuropa gefragt

Doch warum sind Autovermieter wie Europcar, Avis und Co. gerade bei Osteuropa besonders misstrauisch? Diebstahl-Zahlen von dort werden nirgendwo europaweit gebündelt. Stimmen die Autovermieter etwa die behördlichen Erfahrungen aus der Praxis besonders misstrauisch?

Das Bundeskriminalamt schreibt im jüngsten "Bundeslagebild zur Kfz-Kriminalität", dass die gestohlenen Fahrzeuge ins Ausland gebracht und dort zerlegt würden. Wörtlich heißt es zusammenfassend: "Insbesondere in afrikanischen und osteuropäischen Staaten besteht nach wie vor eine hohe Nachfrage nach günstigen Kfz-Ersatzteilen." Vor allem Polen und Litauen komme als Transit- und Zielstaaten gestohlener Pkw "eine hohe Bedeutung zu". Das würden auch die Informationen von Mietwagenfirmen bestätigen, heißt es im BKA-Bericht.

Transportrouten für in Deutschland entwendete Kraftfahrzeuge
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Rumänisch-deutscher Statistikvergleich

Die Transfagarasan-Straße in Siebenbürgen in Rumänien
Eine der spektakulärsten Pass-Straßen in Rumänien - mit einem deutschen Mietwagen nicht zu bereisen. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Doch warum zählen Rumänien oder Bulgarien zu den Tabu-Staaten, die im BKA-Bericht gar nicht erwähnt werden? Wie hoch fällt dort das Diebstahl-Risiko aus, auf das sich die Autovermieter so gern berufen? Auf die Frage nach Zahlen, sagt der Sprecher der Rumänischen Polizei, Georgian Dragan: "Sie werden sehen, dass in Rumänien weniger Fahrzeuge gestohlen werden als in Deutschland." Die Statistik gibt ihm Recht. 2018 wurden in Rumänien gut 0,026 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge als gestohlen gemeldet: rund 1.600 Wagen. Die Mehrheit konnte die rumänischen Ermittler nach eigenen Angaben ausfindig machen. In Deutschland wurden im Jahr zuvor 0,037 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge als gestohlen gemeldet: gut 17.500 Wagen.

Autovermieter meiden Kasko-Versicherung

Viele Autovermieter argumentieren hierzulande auch, wenn ihnen zu viele Pkw verloren gingen, erhöhe die Versicherung gleich die Prämien für die gesamte Flotte. Aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen müssten sie daher gewisse Länder rigoros ausschließen. Dass die Branche über hohe Versicherungsprämien klagt, verwundert Matthias Küchemann, Leiter Motor Underwriting von der HDI Global SE. "Viele Anbieter schließen aus Kostengründen gar keine Kfz-Kasko-Versicherung mit uns ab, sondern tragen das finanzielle Risiko für einen möglichen Diebstahl lieber selbst", sagt Küchemann auf MDR-Anfrage.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Verluste werden über den Mietpreis kompensiert. Der Kunde finanziert damit schon jetzt die über 1.000 Fahrzeuge, die der Branche jährlich allein in Deutschland gestohlen werden.

Mitteldeutscher Anbieter bedient Nische

Eine Frau bucht 2016 mit einem Smartphone und einer App ein Auto des Carsharing-Anbieters 'Teilauto'
Der Carsharing-Anbieter hat seine Stationen in Mitteldeutschland. Bildrechte: dpa

Versicherungsexperte Küchemann glaubt, dass Europa auch künftig für die Autovermieter zweigeteilt bleibt: "Vielleicht wird aber eine Firma die Tabu-Länder als Geschäftsmodell für sich entdecken."

Der mitteldeutsche Carsharing-Anbieter TeilAuto geht diesen Weg bereits. Wer Mitglied ist, kann bis auf den Cityflitzer mit allen Fahrzeugen durch die osteuropäischen EU-Staaten fahren - vorausgesetzt, man stellt den Wagen über Nacht oder beim längeren Parken in einer geschlossenen Garage oder auf einem überwachten Parkplatz ab. Kommt es zu einem Versicherungsfall, muss man genau das auch nachweisen können.

Vom Unternehmen heißt es, man habe in diesem Sommer zahlreiche Anfragen für Reisen nach Osteuropa. Ob sie nicht Angst hätten, dass das ausgeliehene Auto dort gestohlen werde? Die Antwort fällt trocken aus: Das könne schließlich auch in Leipzig geschehen.

Dieses Thema im Programm: MDR um 4 | 24. Oktober 2018 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2019, 14:11 Uhr

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3 Kommentare

29.07.2019 14:58 Carolus Nappus 3

Hm, die in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge gehen dann gar nicht in die Diebstahlstatistik in Rumänien ein? Oder was soll die Zahl der im Inland zugelassenen Autos in Relation zu den gestohlenen? Vielleicht wäre der Wert der gestohlenen Fahrzeuge am Wert aller in einem Land zirkulierrenden Fahrzeuge ein Maßstab, der eine ganz andere Wirklichkeit widergibt? Und wie gehen in Deutschland gestohlene Fahrzeuge in Rumänien in die Statistik ein? Werden die dort legal zugelassen? Und welche Auswirkungen hat es, dass die Vermieter dort keinen hinlassen? Dann können deren Fahrzeuge ja dort schon mal nicht geklaut werden.
Die Fimen sind doch nicht blöd. Die können diese Kosten eben nicht zwangsweise von Leuten eintreiben. So nach dem Motto, sie könnten ja ein Auto mieten, also müssen sie zahlen. Also werden solche sicheren Ausfälle vermieden.

28.07.2019 20:09 Maheba 2

Wen man mal die reelle Zahl zugelassener Autos Rumänien und dann noch deren Zustand und Qualität (Oberklasse) heranzieht, stimmt die Statistik schon.

28.07.2019 08:23 Mustermann 1

Witzig: "Mitteldeutscher Anbieter bedient Nische" und dann muss ich ja doch mein Fahrzeug Nachts über in eine verschlossene Garage stellen. Muss ich hier nicht, da ich gar keine habe...So sieht also die Nische aus...

Ich denke, die Vermieter und Versicherungen werden schon ihr Handeln mit Fakten/Zahlen/EURO belegen können. Und einer rumänischen Statistik Glauben Schenken...naja, ich glaube nicht einmal der Deutschen.

Die Vorurteile (???) halten sich schon Jahrzehnten, wenn nicht länger. Interessant ist nur, wenn ich als Bürger diese "laut" zum Einsatz bringe, werde ich gleich als Rassist oder gar Nazi verschrien. Und wenn die Autovermieter/Versicherungen so handeln? Wo bleibt der Aufschrei? #Autos für jeden und überall