Stromstecker auf Geldscheinen
Wird zu viel Strom produziert, rutschen die Preise in den Keller. Bildrechte: IMAGO

Negative Strompreise Wenn Stromproduktion zum Minusgeschäft wird

Im Herbst fegte Sturmtief Herwart durchs Land. Rohe Kräfte entwurzelten nicht nur Bäume. Sie sorgten auch für ein ganz besonderes Phänomen am Strommarkt: Negative Preise. Stromproduktion wurde kurzzeitig zum Minusgeschäft. Kritiker behaupten, die Schuld daran trage die Energiewende. Aber stimmt das?

von Johannes Schiller, MDR AKTUELL

Stromstecker auf Geldscheinen
Wird zu viel Strom produziert, rutschen die Preise in den Keller. Bildrechte: IMAGO

"Sturmtief Herwart ist über Deutschland hinweggezogen und hat schwere Schäden hinterlassen", heißt es Ende Oktober in den Nachrichten. Damit nicht genug. Herwart treibt auch die Windräder an. Sie produzieren viel mehr Strom als sonst. Daraufhin rauscht der Strompreis an der Börse in den Keller. In manchen Momenten liegt er bei minus 80 Euro pro Megawattstunde. Wer jetzt Strom verkauft, verbrennt Geld. Die Zeitung "Die Welt" titelt:

Strompreis-Kollaps durch Herwart offenbart Wahnsinn der Energiewende.

"Die Welt" am 31.10.2017

Doch von dieser Einschätzung hält der Physiker Prof. Mario Ragwitz nicht viel. "Diese negativen Preise sind aus meiner Sicht per se nicht schlimm, solange sie temporär auftreten. Denn sie sind ein wichtiger Anreiz, um die Flexibilität im Stromsystem zu erhöhen. Insofern: Kein Indiz für das Versagen der Energiewende." Ragwitz arbeitet am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Das Fraunhofer ISI ist eine unabhängige Einrichtung - anders als viele Institute, die zur Energiepolitik forschen.

Strom muss flexibler werden

Physiker Ragwitz beschreibt, wie unser Stromsystem im Zuge der Energiewende komplett umgebaut wird. Alles soll flexibler werden, weil der Wind eben nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint.

Doch alte Atom- und Kohlekraftwerke lassen sich nicht so einfach an- oder abschalten. Damit begünstigen gerade sie negative Strompreise, erklärt Ragwitz und nennt eine Lösung: "Indem man zum Beispiel Kohlekraftwerke mit hohen An- und Abfahrtkosten durch Gaskraftwerke mit geringen An- und Abfahrkosten ersetzt, kann man substantiell den Druck auf die Entstehung negativer Preise reduzieren." Außerdem helfe es, die Netze weiter auszubauen, Strom flexibler zu verbrauchen - zum Beispiel in der Industrie - und mehr Geld in Energiespeicher zu stecken.

Negative Strompreise "kein Dauerphänomen"

Aber auch Erneuerbare Energien leisten einen Beitrag. Zwar erhalten die Betreiber alter Windkraftanlagen ihren garantierten Strompreis - egal was der Markt sagt -, doch bei neueren Windrädern ist das anders. Sie werden kaum oder gar nicht mehr gefördert, erklärt Ragwitz.

Wenn die Kostensenkung der Erneuerbaren Energien weiter so voranschreitet, ist das ein weiterer Grund dafür, dass negative Preise kein Dauerphänomen sind.

Physiker Prof. Mario Ragwitz

Strom wird an der Börse "Epex Spot" üblicherweise in Stundenpaketen gehandelt. Der Preis dieser Pakete lag 2016 an 223 Stunden unter null Euro. In diesem Jahr sieht es ganz ähnlich aus. Zum Vergleich: Ein Kalenderjahr hat ungefähr 9.000 Zeitstunden.

Künftig werden negative Strompreise eher seltener werden, schätzt Energie-Experte Ragwitz. Allerdings nur, wenn wir das Stromsystem weiter umbauen. Ganz verschwinden werde das Phänomen aber nicht: "An Tagen, an denen die Nachfrage sehr gering ist - wie typischerweise an einem Pfingstsonntag, der dazu sehr windig und sonnenreich ist -, werden negative Preise immer wieder auftreten." Vereinzelt. Und darin sieht er kein massives Problem.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Dezember 2017 | 10:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Dezember 2017, 11:03 Uhr

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8 Kommentare

26.12.2017 15:29 Kritischer Bürger 8

@Frederic-6: Noch nebenbei: Dampf kommt aus den Kühltürmen nicht aus den Verbrennungsvorgang, den Kohlekraftwerke bedürfen um Wasserdampf zu erzeugen um Turbinen + damit nachfolgend Generatoren antreiben zu können. Nur mal aus meiner Kenntnis "gezogen".

26.12.2017 15:23 Kritischer Bürger 7

@Frederic 6-: Auch neue AKW-(Atomkraftwerke) erzeugen radioaktiven Müll selbst wenn ein Großteil sicherlich wieder regeneriert = aufarbeitet wird.

26.12.2017 14:59 Frederic 6

@ N° 5 Kritischer Bürger, Bei den NEUEN GENERA- TIONEN der AKW sind diese Entsorgungen nicht. Nur davon werden Sie - weil die BRD Politker das nicht möchten, nichts hören. Auch die von Ihnen, angesprochne Kohlekarftwerke die werden in den Dreck gezogen weil die Politkste das so will. Diese Filter werden schon lange verwendet was dort als Qualm herauskommt ist Wasserdampf. Was Deutschland dringend braucht, ist eine Regierung mit Fachleuten, aber nicht solche, welche ein Heer von Berater brauchen, welche dem Politker das sagen - was der hören möchte und doch fast alles FALSCH machen. Fakt ist auch, auf die Stimme des Volkes wird von der Politk -nicht gehört und keine Aufmerksamkeit erteilt !

26.12.2017 12:41 Kritischer Bürger 5

@Frederic 2: +...Solche Dinge oder Fehler gibt es bei dem AKW Strom nicht, denn die können immer nach bedarf gefahren werden....+ In der Erzeugung richtig = Nur gehört DIE ENTSORGUNG AUCH ZU AKWs und da liegt das Umweltproblem der kommenden Jahrhunderte, wenn nicht noch mehr!! Genau wie die Umweltbelastung durch Kohlekraftwerke! NUR BEI LETZTEREN können entsprechende Filter einiges zu Verbesserung der Situation (Umwelt) beitragen, abgesehen von den geringer werdenden fossilen Rohstoffen!

26.12.2017 12:35 Kritischer Bürger 4

+...Doch alte Atom- und Kohlekraftwerke lassen sich nicht so einfach an- oder abschalten....+ Da kann man aber die Leistungserbringungen reduzieren ("runter fahren")!! **+...Sie werden kaum oder gar nicht mehr gefördert, erklärt Ragwitz....+ Geht es NUR DARUM, UM FÖRDERGELDER? Auch bei Windkrafträder kann man die Flügel so stellen das diese keine Energie erzeugen. Also nur die wirklich erzeugte Energie kann vermarktet werden. So wie kaum jemand (die Betreiber) die Gewinne am Energiemarkt auf die Beitragszahler verteilt, so kann niemand von den Betreibern mehr erwarten selbst noch gefördert zu werden! Bei Bürgern stiegen bisher immer der Strompreis! Selbst neue Kosten (zBsp.Öko-Umlage, erneuerbare Energie) trugen mit dazu bei! Selbst wenn der Markt Gewinne für die Betreiber brachte.

26.12.2017 12:35 Heike 3

Strompreise steigen für uns privaten Verbraucher immer weiter. Was wird, wenn noch viele E-PKW kommen? Wie viel wird dann KWh für uns kosten, mit so vielen neuen Verbraucher und Defizit von Strom?

26.12.2017 10:08 Frederic 2

Diese ganze "Energiewende" ist in den Sand ver- senktes Geld. Sonst nix. Das sind die Fakten der SELBSERNANNTEN UMWELTSCHÜTZER, besser wäre gesagt Umweltvernichter = Umweltschädiger und Steuergelder und Verschleuderer. Solche Dinge oder Fehler gibt es bei dem AKW Strom nicht, denn die können immer nach bedarf gefahren werden.
Ergo, das ist allemale besser, als die Landschaft mit den Popeller - Wälder zu bepflastern. Das ist die größte Verschandelung der Natur --

26.12.2017 09:49 Anton 1

Wäre unsere System richtig, so könnten auch private Verbraucher negative Preise spüren. Z.B. an solchen Stunden mehr Wäsche trocknen lassen. Leider ist das nicht so.