Studie Bessere medizinische Versorgung nur mit weniger Krankenhäusern

Im Notfall schnell eine Klinik erreichen können - das galt lange als wichtigstes Kriterium für die medizinische Versorgung. Die Folge: besonders auf dem Land wurden viele kleine Kliniken gebaut. Weil bei wenig Patienten die Ärzte nicht so viel Erfahrungen sammeln können, leidet die Qualität der Behandlung. Eine Studie plädiert jetzt für eine Neuordnung der Krankenhauslandschaft mit deutlich weniger Häusern.

Die medizinische Versorgung von Patienten in Deutschland würde sich einer Studie zufolge durch eine massive Reduzierung der Klinikanzahl verbessern lassen. Zu dem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. In der Studie empfehlen sie eine Konzentration auf deutlich unter 600 statt der derzeit knapp 1.400 Kliniken. Ideal seien sogar nur 360 Regelkrankenhäuser und 50 Maximalversorger. Angesichts dafür notwendiger aufwendiger Krankenhausneubauten sei eine etwas höhere Zahl aber realistischer.

Regelkrankenhäuser und Maximalversorger Die bisherige drei- bis vierstufige Krankenhausstruktur wollen die Studienautoren durch ein zweistufiges System ersetzen: Jedes Krankenhaus soll demnach über die zentralen Fachabteilungen verfügen, etwa Innere Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe. Diese sollen rund um die Uhr mit Fachärzten besetzt sein und ausreichend Fälle für die Qualitätssicherung vorweisen können.

Andere Fachabteilungen sollen demnach nur noch bei Maximalversorgern bestehen. Dazu zählen die Bereiche Haut- und Geschlechtskrankheiten, Augenheilkunde und Neurochirurgie.

Bessere Ausstattung, höhere Spezialisierung

Nach Ansicht der Forscher ließe sich damit Expertise so bündeln, dass lebensbedrohliche Notfälle wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall besser behandelt werden können.

Derzeit orientiere sich die Patientenversorgung zu stark an einer schnellen Erreichbarkeit von Kliniken. Viel wichtiger sei aber ein Fokus auf Qualitätskriterien: etwa eine gesicherte Notfallversorgung, eine Facharztbereitschaft rund um die Uhr, ausreichend Erfahrung und Routine des medizinischen Personals sowie eine angemessene technische Ausstattung.

Die Neuordnung der Krankenhauslandschaft ist eine Frage der Patientensicherheit und muss vor allem das Ziel verfolgen, die Versorgungsqualität zu verbessern.

Brigitte Mohn Vorstand der Bertelsmann Stiftung

In einer Simulation berechnete das IGES am Beispiel des Großraums Köln/Leverkusen in Nordrhein-Westfalen, wie sich verpflichtende Qualitätsvorgaben auf die Kliniklandschaft auswirken würden. Demnach bräuchte die von städtischen und ländlichen Gebieten geprägte Modellregion lediglich 14 statt der aktuell 38 Krankenhäuser.

Derzeit wenige Kliniken mit der notwendigen Erfahrung

Dabei verweisen die Forscher auf eine jährliche Mindestzahl an Behandlungsfällen, um die notwendige Erfahrung zu sammeln und aufrechtzuerhalten. Bei akutem Herzinfarkt gelten demnach mindestens 310 Fälle als kritische Untergrenze - auf diese Zahl kamen lediglich sechs der 36 Kliniken, die solche Fälle 2016 behandelten. Bei Schlaganfällen kamen nur sieben Kliniken auf mehr als 250 Patienten - die Mindestvorgabe für die Zertifizierung einer Stroke-Unit.

In ländlichen Regionen sei es dagegen sinnvoller, ambulante und telemedizinische Lösungen auszubauen statt kleine Krankenhäuser mit schlechter Versorgungsqualität zu erhalten.

Ziel: Weniger und kürzere Klinikaufenthalte

Im internationalen Vergleich machen die Forscher indes eine paradoxe Situation in Deutschland aus. So gebe es im Schnitt mehr medizinisches Personal pro Einwohner, aber weniger pro Patient. Im Vergleich zum EU-Durchschnitt gebe es 65 Prozent mehr Betten pro Einwohner und die Zahl der Bettentage pro Einwohner sei sogar um 70 Prozent über dem Durchschnitt der vergleichbaren EU-Länder. Auch in Deutschland selbst stieg die Zahl der Behandlungsfälle bis 2017 um rund zwei Millionen im Vergleich zu 2007 und um fast fünf Millionen seit 1991.

Bis zum Jahr 2030 sehen die Wissenschaftler daher ein deutliches Potenzial für eine Reduzierung von Behandlungsfällen, der Zahl von Betten sowie der Verweildauer.

  Deutschland heute Ziel für 2030
Behandlungsfälle (Millionen) 19,5 14
Fälle/ 100 Einwohner 24 17
Verweildauer (Tage) 7,3 6
Bettentage/ Einwohner 1,7 1
Betten bei ca 80% Auslastung 480.000 285.000

Quelle: Bertelsmann Stiftung

Dagegen würde nach der Berechnung die Zahl der Betten und Behandlungsfälle pro Haus steigen. Für Versorgungskrankenhäuser empfehlen die Wissenschaftler 610 Betten und 30.000 Behandlungsfälle, für Maximalversorger 1.300 Betten und 64.000 Fälle. Derzeit behandeln Kliniken im Schnitt weniger als 12.000 Patienten und haben weniger als 300 Betten zur Verfügung.

Auch angesichts des Personalmangels im medizinischen Bereich halten die Studienautoren eine Konzentration der vorhandenen Spezialisten in weniger Häusern für notwendig.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Juli 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juli 2019, 20:50 Uhr