Ein Eurozeichen wird beim Lichtspektakel «Luminale» in Frankfurt am Main auf die Fassade der Europäischen Zentralbank (EZB) projiziert.
Bringen die Target-2-Salden die EZB in schieflage? Bildrechte: dpa

Finanzpolitik Wie problematisch sind die Target-2-Salden im Euro-Raum?

Target ist eine Abkürzung für ein europäisches Zahlungssystem. Nun war zu lesen, Deutschland habe in diesem System Forderungen gegenüber der Europäischen Zentralbank von inzwischen fast einer Billion Euro. MDR-AKTUELL-Nutzer Hartmut Gebauer bewegt deshalb folgende Frage: "Welche Auswirkungen haben die Target-2-Salden auf den deutschen Steuerzahler und die Deutsche Bundesbank, wenn der Ausgleich der Target-2-Salden nicht bald in Angriff genommen wird?"

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Ein Eurozeichen wird beim Lichtspektakel «Luminale» in Frankfurt am Main auf die Fassade der Europäischen Zentralbank (EZB) projiziert.
Bringen die Target-2-Salden die EZB in schieflage? Bildrechte: dpa

Zunächst einmal war das mit dem Target-System gut gemeint. Es sorgt dafür, dass Überweisungen in andere Euro-Länder unkompliziert möglich sind. Dafür hat jede Nationalbank bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Target-Konto, über das länderübergreifende Buchungen abgewickelt werden. Doch über die Jahre haben sich Ungleichgewichte aufgebaut – einige der Konten sind massiv im Plus, andere im Minus.

EU Flaggen vor der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend
Target-2-Salden sorgen in der EU für Finanzausgleich zwischen den Ländern. Bildrechte: dpa

"Da gibt es verschiedene Gründe", erklärt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. "Das eine sind einfach Handelsbeziehungen. Also wenn die Griechen mehr deutsche Produkte kaufen als wir griechische Produkte, dann entstehen da Salden. Der zweite, interessantere Fall ist vielleicht der der Kapitalflucht. Wenn die Italiener nicht mehr an ihr eigenes Finanzsystem glauben, dann schaffen sie ihr Geld ins Ausland und es entsteht auch wiederum ein Saldo."

EZB gibt bei Bankgeschäften Kredite zu Nullzinsen

Doch es gibt noch einen anderen Grund für die massiven Ungleichgewichte, sagt der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn: Die Europäische Zentralbank gebe für nahezu jedes Bankgeschäft einen Kredit zu null Prozent Zins. Und davon machten vor allem die südlichen Länder Gebrauch.

Auf dem Target-Konto Italiens hat sich inzwischen ein Minus von fast 500 Milliarden Euro angesammelt. Auf dem Deutschlands steht dagegen ein Plus von fast einer Billion. Das seien nur Verrechnungsgrößen innerhalb des Euro-Raums, sagen die einen. Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn sieht es anders:

Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.
Hans-Werner Sinn fordert, die Salden mit echten Werten zu hinterlegen - Gold oder Immobilien etwa. Bildrechte: dpa

"Die Summe der Target-Salden ist natürlich Null. Einige haben gesagt: Wo ist das Problem, die Summe ist ja Null? Aber das ist immer so bei Schuldverhältnissen. Wenn ich Ihnen einen Kredit gebe, dann habe ich eine Forderung und Sie haben eine Schuld. Eine Schuld ist eine negative Forderung. Die Summe ist natürlich über uns beide Null, aber das heißt nicht, dass ich kein Problem habe, wenn Sie nicht zurückzahlen können."

Probleme vor allem bei Euro-Austritt einzelner Länder

Doch muss da überhaupt irgendetwas zurückgezahlt werden? Oder nehmen die Ungleichgewichte von allein wieder ab, wenn der Handel innerhalb Europas wieder ausgeglichen ist? Reint Gropp sieht das so, und er vertritt die Mehrheitsmeinung:

"Besorgniserregend wird es eigentlich nur dann, wenn ein Land entweder aus dem Euro ausscheidet oder wenn es nicht ausscheidet, aber die Zentralbank des Landes pleite ist und deswegen die Verbindlichkeiten gegenüber der EZB nicht mehr erfüllen kann. Damit hätte die EZB ein Kapitalproblem. Und damit wäre Deutschland als größter Anteilseigner der EZB gefragt, das Kapital wieder aufzufüllen, was dann am Ende auf Kosten des Steuerzahlers ginge."

Doch wie wahrscheinlich ist dieses Szenario? Immerhin hat Italiens Regierung angedroht, den Euro zu verlassen. Würde sie sich weigern, ihr Target-Saldo von fast 500 Milliarden Euro auszugleichen, würde das Minus auf die restlichen Euro-Länder aufgeteilt. Deutschland trüge dann etwa 30 Prozent.

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), steht vor dem Sitz des Instituts in Halle/Saale.
Reint Gropp Bildrechte: dpa

Nun ist es so, dass ich die Diskussion um diese Austrittsproblematik ein bisschen absurd finde, in dem Sinne, dass diese Target-Salden wahrscheinlich das kleinste Problem wären, was wir hätten, wenn Italien aus der Eurozone austreten würde. Ich sage mal, da sollten wir uns um ganz andere Dinge Gedanken machen.

Reint Gropp Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Hans-Werner Sinn fordert trotzdem, die Salden zu begrenzen. Oder sie mit echten Werten zu hinterlegen – Immobilien oder Gold – auf  welche die Gläubiger zugreifen könnten. Die Politik lehnt das bislang als unnötig ab.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. März 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2019, 12:47 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

25 Kommentare

26.03.2019 19:56 Freiheit 25

Typisch EU, gut gemeint ist nicht gut gemacht.

Die AFD hat schon vor Jahren über die Untragbarkeit dieses Target-Systems gewarnt und aufgeklärt.
Wir verschenken quasi und müssen am Ende noch dafür bezahlen. Die EU ist schon eine tolle Sache!

26.03.2019 19:24 konstanze 24

Guter informierender Artikel, danke mdr.
Aus meiner Sicht, unterm Strich: Die können gar nicht mehr anders, als die Vereinigten Staaten von Europa zu propagieren, oder doch eher die EuropaUnion, ähnlich der Sowjetunion. Nur so können sie ihr Unvermögen, ihr Biegen der Vorgaben, ... zukitten. Es ist wie in einer Familie: Wenn Mama bei Papa 1.000 € Schulden hat, interessiert das keinen wirklich.

26.03.2019 18:47 Gerd Müller 23

ZITAT Till Roenneberg's aus https://www.mdr.de/wissen/kommt-jetzt-sommerzeit-oder-winterzeit-100.html

Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme - das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.

gaynau das Gefühl entwickelt sich beim Lesen vieler MDR-Kommentare

26.03.2019 17:50 Axel an Björn Mahlstedt (21) 22

"Deutschland hat für Hunderte Milliarden echte Waren und Dienstleistungen abgeliefert und nichts dafür bekommen"

Was schreiben Sie denn da für einen ausgesprochenen Unsinn?
Klar haben deutsche Firmen das Geld bekommen. Ansonsten wären sie schon längst pleite!

Was die EZB macht, ist eine ganz andere Geschichte.

26.03.2019 13:53 Björn Mahlstedt 21

Weisse Salbe wird vomn sorgenarmen Herrn Gropp da geliefert. Nach seiner Methode arbeiten fast alle Schuldner dieser Welt seit je: "Ich überziehe Konten und nehme tüchtig Kredit auf. Wenn ich nicht rückzahlen kann, habe ich andere, größere Sorgen als so etwas".

Das geht natürlich nicht. Denn: Deutschland hat für Hunderte Milliarden echte Waren und Dienstleistungen abgeliefert und nichts dafür bekommen - außer einer Zahl bei der EZB. Selbstverständlich müssen unsere Ansprüche endlich mit Waren und Dienstleistungen oder Geld aus den Schuldnerländern bedient werden - das ist bei jedem Kreditgeber so.

Vereinfacht gesagt haben unsere Malocher gearbeitet und dafür in Billionenhöhe nur freundliche Worte, aber keine Gegenwerte erhalten. Mit sowas lässt sich übrigens Vollbeschäftigung sehr einfach erzielen.

26.03.2019 13:42 winfried zu (6)ach so 20

Herrlich "auf den Punkt" gebracht ... kurz, "knackig", zutreffend.

26.03.2019 12:26 Reiner Arndt 19

Sit Jahren sonnen wir Deutschen uns im Glanz eines beneidenswerten Exportüberschusses, vor allem erzielt durch "effektiveres" (also billigeres) Produzieren als andere. Die haben wir damit niederkonkurriert - mittlerweile liefert z.B. die Industrienation Dtschl. sogar Lebensmittelkonserven an das Agrarland Griechenland. Irre! Aber nun sieht es so aus, als müssten wir evtl. doch den Preis dafür bezahlen. Wäre das so ungerecht?

25.03.2019 21:03 Axel 18

Yeah. Die Diskussion hätte man aber schon vor Jahren führen müssen. Einen Forderungsberg gegenüber der Europäischen Zentralbank von fast einer Billion Euro aufzutürmen ist schon eine sehr spassige Angelegenheit. Zumal, wenn man weiß das ihn die Schuldner niemals abbauen werden. Es dient halt nur der Deutschen Wirtschaft, da wir dadurch den anderen Ländern Kredit geben um unsere Produkte zu kaufen. Falls die anderen Länder also wirklich mal austreten sollten, wie jetzt die Briten und ihre Target-Schulden nicht zahlen sollten, zahlt halt der deutsche Steuerzahler.
Wenn man es genau nimmt, zahlt der deutsche Steuerzahler.dann genau den Preis für die Warenexporte, die wir an dieses Land verkauft haben. Dann hat dieses Land diese Warenexporte vom deutschen Steuerzahler.geschenkt bekommen. Wie toll ist das denn?

Gähn ...

25.03.2019 20:27 frank d 17

Das Handelsblatt meldet heute, dass alleine die DAX Konzerne 100.000 Jobs streichen! Da braut sich aber was zusammen. Das ist immer so wenn die Sozialisten irgendwo am Steuer sitzen. Ruinen schaffen auch ohne Waffen. unsere Regierung beschäftigt sich ausschließlich mit sich selber und Geld ausgeben. im Globalen Stil. Die von uns bezahlten Medienschaffenden haben Da ein Mitverantwortung. mal sehen wer alles von gar nix gewusst hat. von all den bestbezahlten.

25.03.2019 19:48 Ernst Steinfeld 16

H. Sinn hat recht, die Target 2 Philosophie ist ein Finanzgrab..das wird noch ein böses Erwachen geben, wenn das nicht eingedämmt und abgebaut bzw völlig neu strukturiert wird..das Thema gehört jeden Tag aufgetischt bis andere Regelungen geschaffen werden..wünsche H Sinn weiterhin Kraft und Durchsetzung zur Entschleierung Themen dieser Art..

Rückblick

Zurück zur Startseite