Schlechte Bezahlung, hohe Ausbildungskosten Weniger Berufsanfänger - Das Dilemma der Therapeuten

Weil die Arbeitsbedingungen und Vergütung schlecht sind, entscheiden sich immer weniger junge Leute für den Beruf des Physio- oder Ergotherapeuten. Gefordert sind politische Lösungen, doch die lassen auf sich warten.

Romy Buchholz lässt sich gerade zur Ergotherapeutin ausbilden. Drei Jahre dauert die Ausbildung, derzeit hat sie Praxisstation in einem Leipziger Krankenhaus und hilft Patienten im Reha-Zentrum dabei, wieder fit zu werden. Sie liebt ihren Job, aber es gibt Probleme: Denn in den drei Monaten, die sie täglich 8 Stunden arbeitet, erhält sie keine Vergütung. Im Gegenteil: Sie zahlt obendrauf monatlich 58 Euro Schulgeld. Schwierig, findet Buchholz: "Ich habe ja auch eine Wohnung und Lebenshaltungskosten", sagt die junge Frau.

Eine Therapeutin
Romy Buchholz, Auszubildende in der Ergotherapie Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Lage in den Heilmittelberufen ist prekär. Viel Arbeit, schlechte Bezahlung, teure Ausbildung. Viele müssen sich neben ihrer 40-h-Woche in der Ausbildung nebenbei noch Geld dazu verdienen. Auch deshalb entscheiden sich immer weniger Schulabgänger für eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl der Azubis um rund ein Viertel gesunken. Ähnlich ist es in der Physiotherapie und Logopädie. Gleichzeitig gibt es mehr Patienten.

Gesundheitsökonom Volker Maihack warnt vor weitreichenden Folgen.

Ein Mann
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das führt zu einem Versorgungsdefizit, einer dramatischen Lücke wahrscheinlich in wenigen Jahren, sodass die Versorgung der Bevölkerung mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie einfach nicht mehr sichergestellt ist.

Prof. Volker Maihack, SRH Hochschule für Gesundheit, Gera

Die Branche ruft die Politik zum Handeln auf

Laut Maihack müssten Konzepte entwickelt werden, um dem Versorgungsdilemma entgegenzuwirken. Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD schon Verbesserungen für die Therapeutenberufe beschlossen. Unter anderem die Schulgeldfreiheit. Bisher aber sind die Kosten an Schulen sehr unterschiedlich, reichen von 0 bis 400 Euro im Monat. Zudem sei die Umsetzung Ländersache, kritisiert Achim Kessler, MdB (Die Linke), Mitglied im Ausschuss für Gesundheit. Bayern und Nordrhein-Westphalen hätten zwar bereits Konzepte zur Abschaffung oder teilweisen Abschaffung des Schulgeldes vorgelegt. Die ostdeutschen Bundesländer und Hessen haben noch kein Finanzierungskonzept und warten zum Teil auf eine Regelung vom Bund.

Dazu kommt, dass auch die Ausbildung nicht vergütet wird. Ver.di hat zwar eine Ausbildungsvergütung für den öffentlichen Dienst schon ausgehandelt - allerdings nur für Azubis, die an einer Universitätsklinik oder einem kommunalen Krankenhaus lernen. Doch bei der Umsetzung klemmt es, weil sich viele Kliniken nicht als Ausbildungsstätten verstehen. Deshalb ist die Situation der Azubis in Deutschland extrem uneinheitlich. Die Schüler in Leipzig zum Beispiel  erhalten keine Vergütung und zahlen monatlich 58 Euro. In Gera sind es sogar 190 Euro Kosten. Ein Schüler an der Universitätsklinik in Aachen erhält dagegen im dritten Lehrjahr ein Ausbildungsgehalt von rund 1100 Euro und zahlt kein Schulgeld.

Cornelia Birkigt, von der Semper Bildungsakademie in Leipzig, befürchtet deshalb einen Konkurrenzkampf zwischen den Schulen. "Wir fordern, dass die Ausbildungskosten vom Bund übernommen werden und nicht von einzelnen Ländern die sich dann wieder ausstechen, sondern der Bund soll eine einheitliche Regelung finden."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 27. März 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 09:00 Uhr