Untersuchung Patente in der DDR - zwischen Mangel und Spitzentechnologie

Wer schon in der DDR gearbeitet hat, nimmt gern für sich in Anspruch besonders erfindungsreich zu sein. Denn in der Mangelwirtschaft musste man sich ja etwas einfallen lassen, damit die Dinge funktionieren. Nun haben Forscher der Universität Bremen analysiert, wie erfindungsreich die DDR wirklich war. Sie haben Patente in beiden deutschen Staaten verglichen. Die Ergebnisse liegen dem MDR exklusiv vor.

DDR Computer Robotron PC 1715 aus den 80-ern mit den Spielen Pilots und Leiter
Nicht alle Entwicklungen in der DDR hingen dem Weltmarkt so hinterher wie der PC 1715 von Robotron Bildrechte: robotron Computermuseum

Dieter Mosemann meldete die letzte Erfindung der DDR an. Einen Schraubenverdichter für Kühlanlagen. Am Tag vor der Wiedervereinigung wurde er beim Patentamt eingetragen. Mosemann könnte stolz darauf sein, doch er wirkt bescheiden: "Es handelt sich um eine Detailverbesserung an einem bereits angemeldeten Patent aus früheren Jahren. Mehr war es nicht. Aber es war halt das letzte Patent der DDR."

Insgesamt hat Mosemann 155 Patente angemeldet, knapp die Hälfte davon noch zu DDR-Zeiten. Seine Erfindungen helfen bis heute, Warenlager zu kühlen. Sie ermöglichen sogar das Skifahren in einer Halle in Dubai.

Uni Bremen untersucht DDR-Patente

Mosemann ist nur einer von vielen DDR-Erfindern. Wie rege sie waren, hat nun die Universität Bremen erforscht, unter der Leitung von Jutta Günther:

Am meisten überrascht hat uns, dass die DDR im Zeitraum der vierzig Jahre doch sehr stark aufgeholt hat bei der Patentaktivität.

Jutta Günther Universität Bremen

Zunächst startet das Erfinderwesen der DDR bescheiden. In den fünfziger Jahren kommen pro Jahr zehn Patente auf 100.000 Einwohner. Die Bundesrepublik bringt es auf das Fünffache. Doch die DDR holt auf. In den Achtzigerjahren kann sie auf 70 Patente je 100.000 Einwohner verweisen. In der Bundesrepublik sind es mit 100 Patenten zwar immer noch mehr, doch der Abstand ist deutlich geschrumpft.

Forschungsprojekt will Wissenslücken über DDR schließen Seit 2017 erforscht das Team von Professorin Jutta Günther (Uni Bremen) "Modernisierungsblockaden in Wissenschaft und Wirtschaft der ehemaligen DDR und deren Folgen beim Übergang zur Bundesrepublik Deutschland".

Den Wissenschaftlern geht es darum, den "Einfluss der Vergangenheit auf den gegenwärtigen Zustand der Wirtschaft in Ostdeutschland" zu untersuchen. Ergründet werden soll u.a.:

- Wie sind die strukturellen Schwächen zu erklären?
- Welche Langzeitwirkungen haben sowohl das DDR-Erbe als auch die Transformationszeit?
- Was ist aus dem intellektuellen Potenzial der DDR geworden?

An dem Projekt sind auch Wissenschaftler der Europa-Universität in Frankfurt (Oder), der TU Berlin und der Uni Jena beteiligt.

Staat förderte Erfindungen in bestimmten Gebieten

Jutta Günther, Wirtschaftsforscherin
Forschungsleiterin Jutta Günther (Archivbild) Bildrechte: dpa

Forschungsleiterin Günther erklärt: "Es gab auch Technologieprogramme, dass also der Staat gesagt hat, wir möchten Erfinderwesen und technischen Fortschritt in bestimmten Gebieten fördern." In der DDR sei das beispielsweise der Fall mit dem Chemieprogramm "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit". Und es sei darum gegangen, neue Werkstoffe zu finden für die Produktion, aber auch neue Konsumgüter im Konsumgüterbereich.

Mangel-Ersatz und Spitzentechnologie

Viele Ideen entsprangen dem Mangel. So beschreibt eine Erfindung, wie man aus Rüben Ananas-Ersatz herstellen kann – mithilfe von Lebensmittelchemie. Einige Patente ahmten Westprodukte auch nur nach. Doch die DDR bringt auch Spitzentechnologie hervor, zum Beispiel in der Optik.

Sigmund Jähn präsentiert die „Multispektralkamera MKF 6“, das Highlight der DDR-Raumfahrtentwicklungen. Das hochpräzise optische Instrument war vom VEB Carl Zeiss Jena 1975 entwickelt worden. Das Auflösungsvermögen der Multispektralkamera übertraf die damals besten Luftbildkameras um den Faktor 2,5. Aus 600 Kilometern Höhe waren noch Objekte von zehn Metern Größe erkennbar.
Sigmund Jähn und die Multispektralkamera MKF 6 im Weltraum - Die Kamera war in den 1970er-Jahren Spitzentechnologie. Bildrechte: DRA

In den 1980er-Jahren soll Waldemar Skarus bei Zeiss Jena für die Raumfahrt einen Sternsensor entwickeln – zur Orientierung im Weltraum. Er sagt: "Uns kam es damals so vor, als wenn wir versuchen würden, uns an den Haaren aus den Sumpf zu ziehen. Und als wir dann ins Labor mussten und das erste Experiment auf dem Dach des Forschungshauses durchgeführt hatten, wussten wir: Es geht. Bis heute werden Sternsensoren auf Grundlage der Jenaer Entwicklung gebaut.

Zigtausende Tüftler als Ressource des Ostens

Zur Wiedervereinigung, sagt Wirtschaftsforscherin Günther, habe es in der DDR Zigtausende bestens ausgebildete Tüftler gegeben: "Das ist ein bisschen unterschätzt worden in den Diskussionen und auch in der wissenschaftlichen Literatur, dass das Erfinderwesen eine sehr wertvolle Ressource war, mit der die DDR dann am Ende ihres Bestehens in die Bundesrepublik Deutschland startete. Investoren konnten unmittelbar anknüpfen an hoch ausgebildete Fachleute."

Heute weniger Patente aus dem Osten

Heute patentieren  die Ostdeutschen dennoch weniger als zu DDR-Zeiten. Viele Erfinder sind in den Westen gezogen. Dort sitzen die Zentralen der Konzerne und deren Forschungsabteilungen. Dieter Mosemann, der letzte Erfinder der DDR, ist im Osten geblieben. Sein Arbeitgeber wurde allerdings vom westdeutschen GEA-Konzern übernommen. Für den hat Mosemann noch diverse Patente in der Kühltechnik angemeldet. 

Podiumsdiskussion zum Thema 22.10.2020, 20 Uhr - Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

30 Jahre Wirtschafts- und Währungsunion: Erfolge und Fehler. Es debattieren Christa Luft, Wirtschaftsministerin der Modrow-Regierung, Johannes Ludewig, früherer Ostbeauftragter der Bundesregierung, Udo Ludwig, Ökonom und Rudolf Hickel, emeritierter Wirtschaftsprofessor.

Moderation: Ine Dippmann, MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Oktober 2020 | 05:00 Uhr