Warnstreiks im öffentlichen Dienst Höhere Löhne nicht nur für "Corona-Helden"

Jessica Brautzsch
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Im öffentlichen Dienst gibt es am Dienstag erste bundesweite Warnstreiks. Den Gewerkschaften geht es in Zeiten von Corona nicht nur um die "Corona-Helden": Alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst hätten außergewöhnliche Arbeit geleistet, sagen sie. Und noch ein anderer Punkt macht es unmöglich, in den Tarifverhandlungen einzelne Berufsgruppen zu bevorzugen.

Demonstranten verschiedener Gewerkschaften demonstrieren vor Beginn der zweiten Runde der Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen vor dem Kongresshotel
Auch in der zweiten Runde der Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst gab es keine Einigung. Bildrechte: dpa

Auf die Frage, wer die Helden der Corona-Krise im öffentlichen Dienst waren, gibt es viele Antworten: Pflegekräfte, Erzieherinnen und Erzieher oder auch die Angestellten im Jobcenter, die sich um das Kurzarbeitergeld kümmern mussten.

Dem Lüneburger Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der bei den aktuellen Tarifverhandlungen die kommunalen Arbeitgeberverbände vertritt, fällt noch ein weiteres Beispiel ein: die Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen – und zwar diejenigen, die sich um die Rückverfolgung der Corona-Kontakte gekümmert haben und die an den Corona-Hotlines gesessen haben.

"Corona-Helden" als Argument für Tarifverhandlungen

All diese Berufe sind und waren in der Krise stark beansprucht. Und sie werden zurzeit von den Gewerkschaften als Argument genutzt, die eigenen Forderungen in den Tarifverhandlungen durchzusetzen. Dazu gehört beispielsweise eine Lohnerhöhung um 4,8 Prozent.

Allerdings gab es auch Beschäftigte im öffentlichen Dienst, die durch die Krise scheinbar weniger arbeiteten – etwa Verwaltungsangestellte in bestimmten Ämtern. Hier konnten durch die Hygienebestimmungen beispielsweise weniger Klienten betreut und Anträge bearbeitet werden.

Für Jürgen Kretzschmar, dem Vorsitzenden der sächsischen Verwaltungsgewerkschaft, heißt das aber nicht, dass das Arbeitspensum für die Beschäftigten geringer geworden sei: "Die Rückstände aufzuholen, das muss man alles nacharbeiten."

Es ist ja nicht so, dass die Arbeit jetzt wegspringt. Die bleibt liegen und muss nachgeholt werden.

Jürgen Kretzschmar, Deutsche Verwaltungsgewerkschaft Sachsen
Eine Grafik zum aktuellen Warmstreik 1 min
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Benennung konkreter "Corona-Helden" schwierig

Wer überhaupt mehr oder weniger gearbeitet habe, darüber gebe es keine Daten, sagt Hagen Lesch, Leiter des Kompetenzfelds "Tarifpolitik und Arbeitsbeziehungen" am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Und generell sei es schwierig, "Corona-Helden" konkret zu benennen. So hänge zum Beispiel die Tätigkeit einer Pflegekraft von der Arbeit vieler anderer Menschen ab, die auch systemrelevant seien, betont Dr. Lesch:

Wenn sie keine IT-Struktur hat oder wenn die Medikamente nicht geliefert werden, dann nützt der Pflegekraft ihr Können nichts.

Dr. Hagen Lesch, Institut der deutschen Wirtschaft

Vor allem aber geht es bei den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst eben um einen Branchentarif. Damit kann eben nur für sehr viele Berufsgruppen zusammen eine Verhandlung durchgeführt werden. Dieses Konzept ist in Deutschland historisch gewachsen und verhindert ein zu kleinteiliges Tarifsystem.

Gewerkschaft erhebt Forderungen für Alle

Um sich auf die Gewerkschaftsforderungen zu einigen, brauche es lange Verhandlungen mit allen Branchen vor den eigentlichen Tarifverhandlungen, sagt Ulrich Silberbach, Bundesvorsitzender vom Beamtenbund DBB: "Jede Berufsgruppe hat da eigene Ideen. Der eine möchte eine Zulage, der andere möchte eine besondere Wertschätzung." Das seien alles "Gemengelagen". Als Gewerkschaft, die einen Kollektivvertrag zu vertreten habe, müsse es am Ende darum gehen, dass man eine Forderung für alle erhebe.

Erst nach Abschluss der Verhandlungen können noch Prämien und andere Vorteile für einzelne Berufsgruppen ausgehandelt werden. Hier könnten dann auch eventuell weitere Verbesserungen für die "Corona-Helden" beschlossen werden. Wen auch immer man dazu zählen wird.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. September 2020 | 05:00 Uhr

13 Kommentare

Harka2 vor 4 Wochen

@ralf meier
Also wollen sie, dass die Angestellten im öffentlichen Dienst mit sinkenden Reallöhnen dafür bestraft werden, damit die Regierung die Gelder lieber den Firmen als Förderprogramm hinterher werfen kann? Oder denken sie, dass die Angehörigen im öffentlichen Dienst keine Mieterhöhungen bekommen und die Inflation ohne sie stattfindet?
Nach ihrer nur schwer zu ertragenden Denkweise fordern sie die Angestellten zum Lohnverzicht auf! So ganz nebenbei: auch die Angestellten sind von Corona und den damit einhergehenden Auswirkungen betroffen - wo bleibt das Förderprogramm für sie?

H.E. vor 4 Wochen

In den Kindergarten, wo meine Enkelin geht sind 2 normale Kindergartengruppen für Kinder ab 3 Jahren. Alles wurde dicht gemacht die ganze Zeit bis zu den Sommerferien u. nur 3 Kinder wurden während der ganzen Zeit betreut wegen der Regelung mit dem systemrelevanten Berufen. Die Erzieherinnen haben aber in dieser Zeit das volle Gehalt bezogen u. anscheinend Spielsachen etc. gerichtet. Und anschließend im August (Bayern gehört zu den Bundesländern, die spät mit den Ferien dran sind) wegen der Ferien weiterhin den Kindergarten geschlossen gehalten.
Da sehe ich nicht ein, daß die nur einen Cent mehr bekommen. Viele Eltern, wie die Familie meines Sohnes hatten echte Probleme. Jedenfalls kann man in diesem Kindergarten die Erzieherinnen nicht als CORONA-HELDEN bezeichnen.
Mein Sohn hat sich sogar überlegt, weil der Träger die evangel. Kirche ist, aber der Kindergarten hauptsächlich von der Stadt Nürnberg u. dem Freistaat Bayern finanziert wird, aus der Kirche auszutreten. So sauer ist er.

mattotaupa vor 4 Wochen

"Da kritisiere ich zuallererst die Regierung" falsch, sie fordern wörtlich "Sie sollten sich schämen" von arbeitnehmern und gewerkschaften im öffentlichen dienst und winden sich nun wie ein aal.