Wem gehört der Osten Wald sucht Eigentümer

Nach dem Ende der DDR war es auch Aufgabe der Treuhand und ihrer Nachfolgeorganisationen, den Staats-Wald zurückzugeben oder zu verkaufen. Doch bis heute sind hier Eigentumsfragen ungeklärt. In Thüringen gibt es circa 30000 Hektar Wald ohne bekannten Eigentümer. Das wird mit dem Klimawandel ein immer größeres Problem. Wie aufwendig es sein kann, die Besitzverhältnisse zu klären, zeigt das Modellprojekt "Wald sucht Eigentümer" der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Henneberger Land.

Wald von oben
Viele Bäume kommen mit der Trockenheit der letzten Jahre nicht gut zurecht und sterben ab. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Wenn Thomas Kästner nach dem letzten Orkan "Sabine" durch den Wald streift, dann sind die umgestürzten Fichten für ihn nicht einfach nur Bäume, die der Wind gefällt hat. Waldbesitzer Kästner sieht gemütliche, einladende Behausungen. Perfekte Orte für riesige Nester von Borkenkäfern.

Thomas Kästner, der auch Leiter einer Forstwirtschaftlichen Vereinigung und Bürgermeister der thüringischen Stadt Wasungen ist, weiß, was zu tun wäre:  "Hier müsste ein Unternehmen kommen, die Bäume abschneiden und abtransportieren: Dieses Holz ist im Sinne des Försters fängisch. Das heißt, es zieht Borkenkäfer an."

Wald
Bruchholz von Fichten lieben Borkenkäfer besonders, um sich fortzupflanzen. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Die Bäume müssten also so schnell wie möglich weggeräumt werden, doch das ist in Thüringen ein Problem. Denn die Forstämter dürfen ohne Zustimmung des Waldeigentümers nicht eingreifen. Aber im Freistaat gibt es circa 30.000 Hektar Wald ohne bekannten Eigentümer.

Grundbücher lückenhaft - durch Weltkrieg und DDR-Vergangenheit

Das hat verschiedene Gründe – durch die beiden Weltkriege gab es schon Lücken in den Grundbüchern. In der DDR verstärkte sich das Problem dann noch. Privates Eigentum war nicht gewollt, die Grundbücher wurden oft schlecht oder gar nicht geführt.

Und in Thüringen gilt seit Jahrhunderten das Prinzip der Realteilung: Grundbesitz wird an alle Nachkommen zu gleichen Teilen vererbt. So gibt es viele kleine private Waldflächen, die Besitzverhältnisse sind undurchsichtig. Waldflächen werden nicht gepflegt und nicht bewirtschaftet. Und der Borkenkäfer macht vor Eigentümergrenzen nicht halt.

Detektivarbeit, um Eigentümer zu finden

Mann
Thomas Kästner, selbst Waldbesitzer, hat das Projekt "Wald sucht Eigentümer" ins Leben gerufen. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Deswegen hat Thomas Kästners Forstwirtschaftliche Vereinigung das Modellprojekt „Wald sucht Eigentümer“ ins Leben gerufen. Seit mehreren Jahren schon versuchen zwei Mitarbeiterinnen des Projektes, die Erben von Thüringer Waldstücken ausfindig zu machen. Es ist eine Detektivarbeit, in der sie Familiengeschichten und Eigentumsverhältnisse teils Jahrhunderte zurückverfolgen müssen – in Grund- oder Kirchenbüchern suchen, in Archiven recherchieren, persönliche Gespräche führen. Margit Carl, eine der Mitarbeiterinnen von "Wald sucht Eigentümer" staunt immer wieder, welche Ausmaße so eine Recherche annehmen kann: "Gerade in früheren Zeiten war es ja nicht unüblich, dass Menschen zehn Kinder hatten. Ich bearbeite jetzt gerade einen Abschnitt, da gibt es  bestimmt inzwischen 4050 Erben, die einen Anteil an diesen Waldbesitz haben."

Wald - ein ungeliebtes Erbe

Aber auch, wenn der Eigentümer endlich gefunden ist, ist das Problem nicht unbedingt gelöst. Denn bei vielen der ermittelten Eigentümer hält sich die Freude über das unerwartete Erbe in Grenzen, die Erfahrung hat jedenfalls Kästner gemacht: "Der Mensch möchte nicht gerne etwas übernehmen, nur um es zu besitzen, sondern er stellt sich die Frage: Was hab ich davon? Beziehungsweise, wenn ich das Eigentum übernehme, welche Folgen hat das? Und aktuell kostet der Wald mehr als er bringt."

Vielen Erben wollen sich nicht um ein Erbe kümmern, das durch den fehlenden Regen der letzten Jahre und den fortschreitenden Klimawandel bedroht ist. Neben den Fichten, die unter dem Borkenkäferbefall leiden, sterben vor allem Buchen wegen der Trockenheit. Es gibt Unmengen an Schadholz, das aus dem Wald geholt werden muss, die Holzpreise sind im Keller. Nur noch 15 Prozent der Thüringer Bäume sind laut aktuellem Waldzustandsberichtes wirklich gesund.

Gesetzesänderung, damit der Wald besser bewirtschaftet werden kann

Die aktuelle Änderung im Thüringer Waldgesetz vom September 2019 soll deswegen vor allem Spekulationen mit Waldbesitz verhindern. Es räumt Waldeigentümern aus der Region ein Vorkaufsrecht ein. Tilo Kummer, Linken-Politiker, bis 2019 Leiter des Umweltausschusses des Thüringer Landtags und selbst Waldbesitzer, setzt sich schon lange für den Wald in Thüringen ein: Als erstes Bundesland "beschreiten wir damit einen Weg, benachbarte Flächen wieder in der Hand derer, die den Wald bewirtschaften wollen, zusammenzuführen.", beschreibt er die Bedeutung der Gesetzesänderung für die Waldwirtschaft auf der Homepage der Thüringer Landtagsfraktion.

Grafik Holzstapel der bis zum Mond reicht 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Wälder im Osten Deutschlands haben schon viele Stürme erlebt, tatsächliche und wirtschaftliche. - Wieviel Ertrag bringt der Wald heutzutage?

Mi 08.04.2020 17:25Uhr 01:25 min

https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/land-leute/video-398876.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Für Waldbesitzer Thomas Kästner ist es besonders wichtig, dass es Menschen gibt, die sich mit ihrem Wald identifizieren und bereit sind, für ihn zu arbeiten. Und es gibt Hoffnung für den Wald. So wie er sind Tausende andere Waldbesitzer in den neuen Bundesländern 30 Jahre nach dem Mauerfall bereit, als Einzelne Verantwortung für etwas übernehmen, von dem alle profitieren.

(ubie)

Save Paradise-Aktion Rumänien mit Video
Bildrechte: Matthias Schickhofer/EuroNatur

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Wem gehört der Osten? - Der Wald | 9. April 2020 | 22 Uhr