Windenergieanlage neben Steinkohle-Kraftwerk und Hochspannungsleitungen
Der Kohleausstieg kommt den erneuerbaren Energien zugute. Den Strompreisen eher nicht. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Faktencheck Steigt der Strompreis durch den Kohleausstieg tatsächlich stark an?

Deutschland wird aus der Kohle aussteigen. Schon 2030 soll nach dem Willen der Bundesregierung ein Teil der Kohlekraftwerke abgeschaltet sein. Rund 65 Prozent des Stroms sollen dann aus erneuerbaren Quellen kommen. Das wird den Strompreis nach oben treiben, ist immer wieder zu hören. So warnte Brandenburgs Ministerpräsident Woidke jetzt vor Preisen von bis zu 50 Cent je Kilowattstunde. Doch wird der Strompreis wirklich so stark steigen?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Windenergieanlage neben Steinkohle-Kraftwerk und Hochspannungsleitungen
Der Kohleausstieg kommt den erneuerbaren Energien zugute. Den Strompreisen eher nicht. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Derzeit bezahlen die Deutschen für eine Kilowattstunde Strom rund 30 Cent. Zwei Organisationen haben rechnen lassen, wie viel es 2030 sein könnte. Die Denkfabrik Agora Energiewende kommt zu einem Ergebnis, das viele beruhigen dürfte. Direktor Patrick Graichen sagt:

Strom kostet dann genauso viel wie heute.

Patrick Graichen | Direktor Denkfabrik Agora Energiewende

Ganz anders sieht die Prognose des Bundesverbands der Deutschen Industrie aus. Dessen Vize-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch erklärt, man müsse grundsätzlich davon ausgehen, "dass per saldo die Strompreise in den nächsten Jahren schlichtweg steigen werden".

Erneuerbare Energien günstiger

Beide Organisationen haben die Kosten inklusive Umlage für Erneuerbare Energien und Netzausbau berechnen lassen. Zunächst einmal die Prognose von Agora Energiewende. Patrick Graichen geht davon aus, dass sich der Handelspreis für Strom kaum verändern wird.

Steigen dürften die Kosten für den Ausbau des Stromnetzes. Doch dafür würden die staatlich garantierten Preise für erneuerbare Energien sinken, sagt Graichen. "Wir haben ja viele Anlagen aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz der ersten Jahre im System, die noch eine sehr hohe Vergütung bekommen haben. Deswegen sinkt die EEG-Umlage tendenziell, wenn diese Altanlagen rausfallen aus der EEG-Förderung."

Das wird im Laufe der 2020er-Jahre kommen, sodass man da einen sinkenden Effekt hat.

Patrick Graichen | Direktor Denkfabrik Agora Energiewende

Preis für Gasstrom dürfte steigen

Mit spürbar sinkenden Kosten für erneuerbare Energien rechnet auch der Bundesverband der Deutschen Industrie. Verbandsvertreter Lösch hält den Ausbau der Stromnetze aber für schwer kalkulierbar. Und er geht davon aus, dass der reine Handelspreis für Strom steigen wird.

Denn bei einem Kohleausstieg dürfte die Nachfrage nach Gas wachsen – und damit der Preis für Gasstrom hochgehen, der wichtig wird, wenn weder Wind weht noch Sonne scheint.

Je nachdem, wie sich verschiedene Parameter entwickeln, erwarten wir Anstiege von 0,4 Cent pro Kilowattstunde bis 1,4 Cent pro Kilowattstunde.

Holger Lösch, Vize-Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Deutschen Industrie

Für Verbraucher sind das Lösch zufolge in der Summe erhebliche Zahlen. Noch mehr aber für Unternehmen, die sehr viel Strom abnehmen.

Im ungünstigen Fall 35 Cent je Kilowattstunde

Der Industrieverband rechnet damit, dass über die Jahre Milliarden an Mehrkosten anfallen. Auf die Kilowattstunde heruntergerechnet klingt es dann aber doch nicht so dramatisch. Für den Verbraucher kämen im ungünstigen Fall vielleicht 35 Cent je Kilowattstunde Strom heraus.

Eine Prognose von 40 oder gar 50 Cent, wie sie Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke befürchtet, geben beide Berechnungen nicht her. "Also ich kenne niemanden, der 50 Cent die Kilowattstunde seriös prognostizieren würde. Das gibt kein Gutachten der Welt her. Das ist tatsächlich nicht valide", sagt Patrick Graichen dazu.

Sowohl der Bundesverband der Deutschen Industrie als auch Agora haben bei ihren Berechnungen übrigens die Kaufkraft von heute zugrunde gelegt. Im Falle einer starken Inflation stimmen die Szenarien nicht mehr. Dann würde aber alles teurer: Strom, Lebensmittel, Versicherungen – in letzter Konsequenz dürften dann auch die Löhne steigen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Februar 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 05:00 Uhr

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45 Kommentare

20.02.2019 17:35 Eulenspiegel 45

Also ich habe es immer als falsch angesehen das die reisen Subventionen für den Kohlestrom und den Atomstrom aus Steuermitteln finanziert werden und EEG und Netzausbau über die Stromrechnung. Dadurch einsteht ein falsches, um nicht zu sagen verzerrtes, Bild. Nun denn das EEG spielt keine bedeutende Rolle mehr aber ich finde der Netzausbau muss aus Steuermitteln finanziert werden.

20.02.2019 16:58 Fragender Rentner 44

@Peter zu 20

Wenn du von Hobbyexperten sprichst, meinst du bestimmt auch den Experten der ja Lungenarzt ist und sagte es sei alles nicht so schlimm und und vor ein paar Tagen es Widerrufen hat ???

Woher kommt bei solchen Experten nur der Sinneswandel in so kurzer Zeit?

20.02.2019 16:27 Dieter 43

Chrisbob:
Deutschland hatte 2018 mit 30,48 Cent den höchsten Strompreis in der EU, der EU-Durchschnitt liegt bei 20,45 Cent. Tschechen, Polen um die 15 Cent dank Kohle, Frankreich um die 17 Cent dank Atomstrom.
Ich bin gegen den gleichzeitigen Atom- und Kohleausstieg; der Markt hätte das Ende der Kohle ohnehin geregelt.
Unser Kohleausstieg und andere Massnahmen ändern am Klimawandel nichts, sie zerstören aber unsere Wirtschaft und damit den Wohlstand unserer Kinder. Ideologiefreie nüchterne Diskussion des Themas wäre angesagt, ist aber in Deutschland nicht möglich.

20.02.2019 14:57 Chrisbob 42

Asche auf mein Haupt bzgl. 41:
Die Verdopplung der Strompreise seit dem begonnenen Atomausstieg wurde von Dieter nicht behauptet. Da habe ich zu oberflächlich gelesen. Sorry.

Die Argumente zum obigen Artikel scheinen mir mittlerweile ausgetauscht. Da er in direktem Zusammenhang mit dem Thema Klimaschutz steht, würde mich abschließend interessieren, ob die Kritiker des Braunkohleausstieges gemäß Kohlekommission überhaupt die Notwendigkeit sehen, gegen den menschgemachten Treibhauseffekt aktiv zu werden.

20.02.2019 14:01 Chrisbob 41

@Dieter 7 u. 37
Die Abschaltung der Akw begann nach dem Atomunglück in Japan im Jahr 2011. Lt. Statistischem Bundesamt hat sich der Strompreis für Privathaushalte seitdem um ca. 18 % erhöht.
Klären Sie bitte die Leser auf, auf welcher Datenbasis Sie eine Verdopplung der Strompreise ableiten. Es bleibt vermutlich Ihr Geheimnis.

Die Stromkosten der Nachbarn sind differenziert und insbesondere im Verhältnis zum verfügbaren Einkommen zu betrachten. In Polen und Tschechien liegt der Strompreis zwar bei ca. der Hälfte, deren Einkommen aber auch. Sprich, die geben prozentual einen ähnlichen Anteil für Strom aus.

20.02.2019 13:49 Ekkehard Kohfeld 40

@MDR auf welcher Grundlage basiert Ihre Idee, die Strompreise könnten sich vervierfachen?##

Also ihre eigenen Berichte lesen sie schon????

"Eine Prognose von 40 oder gar 50 Cent, wie sie Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke befürchtet,"

20.02.2019 13:42 Eulenspiegel 39

Hallo Dieter 33
Wenn ich ihnen hier schreibe das die Europäischen Strompreise nicht vergleichbar sind so werden sie das warscheinlich nicht verstehen. Wenn ich ihnen aber mitteile das es im grunde nicht nachvollziehbar ist warum der Netzausbau über die Stromrechnung finanziert wird und nicht über die Steuern. Das dies einfach nur eine politische Endscheidung ist die man von Heute auf Morgen ändern kann, wenn man will. Und wenn man noch dazu die Besteuerung noch etwas verändert dann haben wir plötzlich die niedrigsten Strompreise in ganz Europa.

20.02.2019 13:33 Jimmy 38

@37 Dieter - ist stimme Ihnen voll zu, denn jede Sache hat so ihre Logik und auch die Versorgung mit Energie. Der Bedarf ist nicht gesunken so wie uns vorausgesagt wurde sondern er ist im Gegenteil gestiegen. Warum sollte der Strompreis fallen, wenn sich die Netzsicherheit verkompliziert, keine tauglichen und effizienten Stromspeicher erfunden sind, etc. . Die ganze Palette der Unsicherheiten und Preistreiberthemen wurde doch schon ausführlich erläutert. Da hilft auch keine tiefgrüne Gegenpolemik - Physik ist im Grunde unpolitisch.

20.02.2019 12:55 Dieter 37

Chrisbob:
Sie wandeln den Trittinspruch von einer Kugel Eis ab.
Unsere Stromkosten sind doppelt so hoch wie in den Nachbarländern und werden bald 3-4 fach so hoch sein. Dazu kommt die höhere Versorgungsunsicherheit durch Ausstieg aus Atom+ Kohle, verglichen mit den Nachbarn. Sowas nennt man wohl eine Loose-Loose Situation. Unsere Nachbarn sind eben klüger.

[Lieber Dieter,

auf welcher Grundlage basiert Ihre Idee, die Strompreise könnten sich vervierfachen? Hat Ihre Annahme eine sachliche Grundlage, oder ist das nur so ein Bauchgefühl?

Die MDR.de-Redaktion]

20.02.2019 11:41 Chrisbob 36

@Sabrina 32
Wenn mit Unterstellungen arbeiten (überalimentiert), sollten Sie auch richtig rechnen. Das haben Sie nicht. Wie wäre es mit einer Entschuldigung?