Bilanzskandal bei Wirecard Experte: "Vergleichbaren Skandal gab es in Deutschland bisher nicht"

Verschwundene Milliarden, ein festgenommener Firmenchef und ein Unternehmen in der Krise: Der Finanzdienstleister Wirecard sorgt aktuell für Negativschlagzeilen im großen Stil. Im Fokus steht das Unternehmen wegen zweier Berichte, die zum Teil Ungereimtheiten in den Finanzen offenlegen. Was das für Kunden und Verbraucher bedeutet, erklärt Finanzexperte Hendrik Buhrs.

Eine Kreditkarte des Bezahldienstleister Wirecard liegt in einem Showroom des Unternehmens auf einem Tisch.
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Schon seit einigen Monaten steht das Unternehmen Wirecard bereits unter Beschuss: Berichte der britischen "Financial Times" warfen Wirecard bereits 2019 Manipulation ihrer Finanzen vor. Es folgte eine freiwillige Sonderprüfung durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die dem Unternehmen schwer zu schaffen macht.

Falschmeldung an Aktionäre zur Marktmanipulation?

Markus Braun, Vorstandsvorsitzender von Wirecard, steht bei einem Fototermin in der Firmenzentrale.
Markus Braun, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Wirecard. Bildrechte: dpa

Denn der Vorstand meldete im Frühjahr ihren Aktionären in zwei Börsenmitteilungen, die Wirtschaftsprüfer hätten keine Unregelmäßigkeiten gefunden. Doch das stimmt so nicht: Die KPMG teilte Ende April mit, wesentliche Fragen hätten nicht ausreichend aufgeklärt werden können, weil Unterlagen fehlten. Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin stellte Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft München I leitete daraufhin Ermittlungen gegen Vorstandschef Markus Braun und drei weitere Vorstandsmitglieder ein und ließ Geschäftsräume durchsuchen - wegen des Verdachts der Falschinformation.

Jahresabschlussbericht 2019 immer wieder verschoben

Für Unruhe sorgt nun aber vor allem, dass Wirecard die Veröffentlichung seines Jahresabschlussberichts von 2019 immer wieder kurzfristig verschoben hatte. Das bayerische Unternehmen selbst teilte dazu mit: Der Abschlussprüfer Ernst & Young habe festgestellt, dass es keine ausreichenden Prüfungsnachweise für 1,9 Milliarden Euro auf ausländischen Treuhandkonten gebe. Die Summe entspreche etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme.

Betrüger oder Betrogene?

Der Dax-Konzern kündigte daraufhin vergangene Woche an, Strafanzeige gegen unbekannt zu erstatten. Das Unternehmen sehe sich als mögliches Opfer eines "gigantischen Betrugs". Doch die zwei philippinischen Banken, bei denen Wirecard angeblich Konten hat, dementierten dies: "Wirecard ist kein Kunde von uns", erklärten die BDO Unibank und die Bank of the Philippine Islands (BPI). Und wenige Tage später stellte der Vorstand klar: Die fehlenden 1,9 Milliarden Euro gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich nicht. Die Hinweise auf gefälschte Bilanzen verdichten sich demnach.

Mögliche Gründe für frisierte Bilanzen sieht Finanztip-Experte Hendrik Buhrs zur Genüge: "Man hat möglicherweise den Vorteil haben wollen, dass man größer scheint als man ist. Dass man vielleicht neue Partner gewinnt, dass man vielleicht zusätzliche Kredite bekommt. Man kann natürlich auch Investoren anders auf sich aufmerksam machen."

Untersuchungshaft und personelle Konsequenzen

Der Wirtschaftsskandal um Wirecard hatte in der vergangenen Woche bereits personelle Konsequenzen in der Führungsebene. Vorstandsmitglied Jan Marsalek war am Donnerstag suspendiert worden. Am Montag wurde er gefeuert. Der Manager war jahrelang für das Tagesgeschäft in Südostasien zuständig gewesen. Die zuständigen behörden suchen ihn derzeit auf den Philippinen.

Vorstandschef Markus Braun hatte am Freitag seinen sofortigen Rücktritt bekannt gegeben. Am Dienstag wurde er festgenommen, kurze Zeit später aber auf Kaution freigelassen. An seine Stelle im Unternehmen tritt übergangsweise der Amerikaner James Freis. Der 49-jährige Jurist war erst vor wenigen Wochen Vorstandsmitglied geworden.

So ein Bilanzskandal ist mir aus Deutschland bisher nicht bekannt.

Hendrik Buhrs Finanztip

Aktie im Sturzflug

Der Manipulationsverdacht, die Hinweise auf Bilanzfälschung und die Festnahme des ehemaligen Vorstandschefs Braun ließen die Aktien des Konzerns in den vergangenen Tagen dramatisch sinken. Innerhalb einer Woche stürzten sie um rund 84 Prozent ab und ließen den Wert des Unternehmens um über zehn Milliarden Euro schrumpfen.

Buhrs ordnet ein: "Hier gab es einen Tagesverlust, den es so bisher nicht gegeben hat – bis auf eine Ausnahme in der Finanzkrise. Anleger sind hier also extrem geschädigt worden." Buhrs geht davon aus, dass zum nächsten Stichtag im September das Unternehmen aus dem DAX herausfallen könnte.

Ermittlungen und Klagen

Eine goldfarbene Justitia-Figur steht im Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg vor Aktenbergen.
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Wirecard muss nun an mehreren Fronten kämpfen. Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, die Ermittlungen auszuweiten: "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I am Montag. Dann wird möglicherweise auch geklärt werden, warum Unternehmensprüfer und Finanzaufsicht den mutmaßlichen Schwindel nicht früher aufgedeckt haben.

Wirecard muss außerdem mit einer Klagewelle rechnen. Bereits in der vergangenen Woche hatte unter anderem die Anlegergemeinschaft SdK bekannt gegeben, eine Sammelklage gegen den Dax-Konzern zu prüfen.

Finanztip-Experte Buhrs rät betroffenen Anlegern, sich mit einer Klage noch zu gedulden und sich im Falle eines Rechtsstreits um einen guten Anwalt zu kümmern: "Es wird sicherlich auch den einen oder anderen Anwalt geben, der sich in der Materie nicht so gut auskennt und trotzdem noch einen schnellen Euro machen will. Es gibt Aktionärsschutzvereinigungen, an die man sich auch wenden kann – oder an die Verbraucherzentralen."

Was steckt hinter Wirecard?

Viele Menschen sind mit dem Unternehmen Wirecard bisher eher unbewusst in Berührung gekommen, meint Finanzexperte Buhrs: "Man hat im Alltag wahrscheinlich schon häufig mit Wirecard zu tun gehabt – vor allem beim bargeldlosen Bezahlen, also mit der Karte oder beim Online-Shopping." Die technische Abwicklung der Zahlungen würden nicht die Händler wie Aldi oder Ikea übernehmen, sondern solche Partner wie Wirecard.

Eine Frau zahlt bargedllos mit einer Kreditkarte
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Der Zahlungsdienstleister prüft beispielsweise, ob ein Kunde kreditwürdig ist, oder er springt als Puffer ein, wenn ein Kunde länger braucht, um eine Rechnung zu begleichen. "Ironischerweise haben sie auch Betrugsabwehr betrieben und geschaut, ob bei Bezahlvorgängen alles mit rechten Dingen zugeht", erklärt Buhrs.

Auswirkungen für Verbraucher

Finanzexperte Buhrs zufolge müssen sich Kunden keine Sorgen über die Abwicklung ihrer Einkäufe machen – auch wenn dies weiter über Wirecard geschieht. "Sollte es in nächster Zeit Schwierigkeiten geben, liegt das Problem dann eher beim Zahlungsempfänger. Er müsste sich dann das Geld woanders holen, wenn es bei Wirecard hängen bleibt."

Selbst wer ein Konto beim Tochterunternehmen Wirecard Bank hat, könne beruhigt sein. Denn auch in Deutschland gibt es die sogenannte Einlagensicherung. Das heißt, alle Einlagen bis maximal 100.000 Euro pro Person sind geschützt, selbst wenn die Bank in Zahlungsschwierigkeiten steckt.  

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 23. Juni 2020 | 19:30 Uhr