Gasturbinenkraftwerkes der Lausitz Energie Kraftwerke AG (LEAG) in Thyrow
Das Gasturbinenkraftwerk im brandenburgischen Thyrow wird als Reservekraftwerk betrieben und dient der Abdeckung von Spitzenlast. Bildrechte: dpa

Stromversorgung Gas könnte bei Energiewende helfen

Bis 2038 sollen die Kohlekraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden. Schon deutlich früher soll das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen. Doch wie sicher ist die Stromversorgung, wenn mangels Wind und Sonnenschein auch kein Ökostrom erzeugt wird? Das fragt Thomas Bähr in unserer Serie "Hörer machen Programm".

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Gasturbinenkraftwerkes der Lausitz Energie Kraftwerke AG (LEAG) in Thyrow
Das Gasturbinenkraftwerk im brandenburgischen Thyrow wird als Reservekraftwerk betrieben und dient der Abdeckung von Spitzenlast. Bildrechte: dpa

Knapp 40 Prozent des deutschen Stroms kommen noch aus Kohlekraftwerken. Das ist viel. Und trotzdem müsse man keine Angst haben, dass bei einem Kohleausstieg das Licht ausgeht, meint Peter Reitz. Er ist Vorstandsvorsitzender der größten Strombörse Europas, der EEX in Leipzig.

Reitz betont, er habe keine Sorge, dass "wir zu wenig Strom haben". Es gebe nach wie vor Überkapazitäten in Europa. Auch grenzüberschreitend gebe es da immer einen Ausgleich. Und wenn die Informationen transparent seien, wann welches Kraftwerk vom Netz gehe, dann setze das "Produktionsanreize für neue Spieler".

Alternativen gesucht

Solche neuen Spieler bauen derzeit vor allem Wind- und Solaranlagen. Deren Ökostrom deckt derzeit reichlich 40 Prozent des deutschen Bedarfs ab – im Jahresdurchschnitt.

Wenn aber weder Wind weht noch Sonne scheint, liegt der Anteil auch mal bei null. Bislang springen dann auch Kohlekraftwerke ein. Und später? Dann muss eine Alternative her, sagt Patrick Graichen, Geschäftsführer der Denkfabrik Agora Energiewende. Er wirbt für sogenannte Gas-Backup-Kraftwerke.

Das sind dann aber nicht mehr diese klassischen Groß-Kraftwerke, wie wir sie früher kannten, sondern eher kleine Motoren überall übers Land verteilt, die dann eher wenige hundert Stunden im Jahr laufen und nicht mehr rund um die Uhr.

Patrick Graichen, Denkfabrik Agora Energiewende

Wirtschaftsministerium setzt auf Gas

Der Schriftzug «Stadtwerke Leipzig» hängt am Kraftwerk "Gas- und Dampfturbinenanlage GuD" in Leipzig.
In Leipzig gibt es seit mehr als 20 Jahren eine Gas- und Dampfturbinenanlage. (Archivfoto aus dem Jahr 2012) Bildrechte: dpa

Auch das Bundeswirtschaftsministerium setzt auf Gas als Reserve. Auf Anfrage von MDR AKTUELL schreibt das Ministerium, man wolle den Ökostromanteil bis 2030 auf 65 Prozent erhöhen. Zusätzlich benötige Deutschland Gaskraftwerke für sonnen- und windarme Tage.

Sie hätten mehrere Vorteile. Die spezifischen Emissionen der Gastkraftwerke seien "signifikant niedriger" als die der Kohlekraftwerke. Gaskraftwerke könnten perspektivisch gegebenenfalls auch mit CO2-neutralem Gas betrieben werden.

Was kommt auf die Verbraucher zu?

Betreibt man sie mit Erdgas, liegt ihr CO2-Ausstoß rund fünfzig Prozent unter dem von Kohlekraftwerken. Doch die neue Kraftwerksreserve muss erst gebaut werden. Und bezahlen muss sie am Ende der Stromkunde.

Wie teuer das wird, hat schon vor drei Jahren Thomas Bruckner interessiert. Der Professor für Energiemanagement ließ in einem Modell die Kosten auf alle Stromkunden umlegen:

Also wir haben uns das im Hinblick auf die relativ günstigen Anlagen, die Gasturbinen, genauer angesehen. Da wäre das, was man bei allen Endkunden einsammeln müsste, um eine solche Versicherungslösung dann zu realisieren, kleiner als ein Cent pro Kilowattstunde.

Energieexperte Thomas Bruckner

Stromnetz muss ausgebaut werden

Trotzdem baut derzeit kaum einer Gaskraftwerke. Denn ihr Strom verkauft sich schlecht, solange Kohlestrom billiger ist. Steigt Deutschland aus der Kohle aus, könnte die Kombination aus Ökostrom und Gas die Versorgung gewährleisten.

Je besser das Stromnetz ausgebaut wird, umso einfacher wird das. Dann kann man auch Windstrom aus dem stürmischen Norden nach Süden bringen. Und der Sonnenstrom des Südens könnte an windarmen Tagen dem Norden helfen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Mai 2019 | 06:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2019, 05:00 Uhr

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13 Kommentare

06.05.2019 23:04 der_Silvio 13

"Es gebe nach wie vor Überkapazitäten in Europa."
(Quelle: MDR-Artikel siehe oben)
Jene Überkapazitäten, die von den ausländischen AKW's erzeugt werden, die in Grenznähe zu Deutschland stehen.
Die Radioaktive Wolke, im Falle eines GAU, macht dann bestimmt an der deutschen Grenze halt.
Und erst die umweltfreundlichen Solarpanele und Windkraftanlagen mit ihrem hohen Wirkungsgrad. Die Entsorgung von ausgedientem Material ist bestimmt auch umsonst... Sarkasmus/offenbar
Werdet endlich wach, es gibt KEINE umweltfreundliche Energiegewinnung!

06.05.2019 20:05 Chrisbob 12

@ Egon

Danke, dass Sie keine meiner Aussagen anzweifeln bzw. widerlegen.
Gut, Sie ergänzen das mit Hinweisen zu den Reservekraftwerken. Aber da sind wir gar nicht auseinander.
Gestatten Sie mir lediglich einen Hinweis:
Sie tun mit der "unvorstellbaren Summe von zwei Billionen bis zum Jahr 2050" so, als ob ein fossiles Energiesystem kostenlos wäre.
Richtig ist, dass bereits der Import von fossilen Energien von 2010 bis 2050 ebenfalls rund zwei Billionen Euro verschlingt. Dazu kommen Kosten für die Erneuerung des Kraftwerksparks und die externen Kosten. Das gehört zum gesamten Bild dazu.

06.05.2019 19:50 Carolus Nappus 11

Sicher kann man diskutieren und das eine oder andere kritisieren oder schlecht finden. Aber wenn es in ganz Deutschland 14 Tage lang weder Wind noch Sonne gibt, dann haben wir ganz sicher ein ganz anderes Problem. Dann wird man in so mancher Stadt schlicht an den eigenen Abgasen verrecken.
Die Gaskraftwerke als Reserve werden sicher nur ein Bestandteil sein und mitnichten die 65% Ökostromanteil 14 Tage lang ersetzen müssen.

06.05.2019 19:48 Chrisbob 10

@ Altmeister 50

Nicht der Artikel macht einen fassungslos, sondern Ihr Kommentar, mit dem Sie dem unbedarften Leser falsche Zahlen unterjubeln (wollen?).

Mit Ihren 21 TW bzw. 21 Mio. MW meinen Sie eigentlich TWh bzw. MWh, sprich den dt. VERBRAUCH in 14 Tagen.

ABER: das setzen Sie ins Verhältnis zur LEISTUNG des Berliner Kraftwerks (300 MW). Dabei vergessen Sie, dass das Berliner Kraftwerk in 14 Tagen 100.800 MWh Strom erzeugen kann (300 MW * 24 h * 14 Tage).

Fazit: Man bräuchte nicht 70.000 Kraftwerke mit je 300 MW Leistung, sondern nur ca. 208! Und Sie werfen das Wort "glaubwürdig" in den Raum.
Es zeugt von Größe, Fehler zuzugeben. Freiwillige vor.

06.05.2019 16:16 Egon @ Chrisbob 9

weiter vorheriger Kommentar: ...In 27 Fällen hat die Bundesnetzagentur die Abschaltung bereits untersagt. Aus diesem Pool wird auch die Netzreserve für den kommenden Winter gebildet, die von der Regulierungsbehörde mit 5126 Megawatt angegeben wird.“
Und noch zu Ihrer Behauptung, bis 2020 wird die CO2-Emmission um 32% sinken; Deutschlands Verbraucher und Steuerzahler haben bisher ungefähr 180 Milliarden Euro in die Energiewende investiert. Wenn der Kurs so weiter geht, müssen sie mit der unvorstellbaren Summe von zwei Billionen bis zum Jahr 2050 rechnen. Das haben Wissenschaftler der Akademien Leopoldina und acatech ausgerechnet. Und im Ergebnis wurde kaum Kohlendioxyd eingespart, die Energiewende verfehlt dieses angeblich wichtigste Ziel. Ganze 6 Prozent Treibhausgase konnten im Jahr 2018 weniger produziert werden als 2011 zum Zeitpunkt der Regierungserklärung.

06.05.2019 16:13 Egon @ Chrisbob 8

Versorgungssichere Energiewende? Sie dürfen nicht alles glauben was sie denken! Die Physik schlägt nun nämlich unerbittlich zurück. Die Bundesnetzagentur fordert eine Verdoppelung der „Reservekraftwerke“. Welt Online dazu: „Laut der Bonner Behörde steigt der Bedarf an Reservekraftwerken bis zum Winter 2022/23 auf den Rekordwert von 10.647 MW. Damit muss eine Erzeugungskapazität, die umgerechnet der von 10 Atomkraftwerken entspricht, nur zum Zwecke der Stromnetzstabilisierung in Betrieb gehalten werden… Diese Netzreserve besteht aus Kraftwerken, die von ihren Betreibern aus Wirtschaftlichkeitsgründen eigentlich stillgelegt werden sollten. Die Bundesnetzagentur kann die Stilllegung jedoch untersagen, wenn die Anlagen für den Betrieb des Stromnetzes unverzichtbar sind. Die Turbinen müssen dann gegen eine reine Kostenentschädigung ständig in Betriebsbereitschaft gehalten werden… Bislang haben Energiekonzerne 110 Kraftwerksblöcke mit einer Kapazität von 22.000 MW zur Stilllegung angemeldet.

06.05.2019 16:08 Mane 7

Genau ,die machen uns noch mehr kaputt als jetzt. Der Strompreis wird noch mehr explodieren ,als jetzt.

06.05.2019 15:44 Fragender Rentner 6

Wenn man dann noch mit dem Gas Geschäfte macht das durch Fracking gewonnen wurde, dann ist das bestimmt "gut für die Umwelt" !!!

06.05.2019 13:09 Altmeister 50 5

Der Artikel macht wiedermal fassungslos, ob des ökonomischen Blödsinns. Da wird allenernstens die
100 % ige Absicherung der wetterabhängigen Wind- und Solarparks durch Gaskraftwerke mit einer Laufzeit von
"dann eher wenigen hundert Stunden im Jahr" als Fortschritt gefeiert. Das ist der Supergau für jede Investition, weshalb z. Zt. etliche stillgelegt oder nicht gebaut werden.
Ich weiß nicht, wo Herr Bruckner den Preis von 1 Cent/Kwh her hat. Bei einer 14 tägigen Dunkelflaute werden ca. 21Terrawatt Strom in D benötigt. Das sind 21 Mio Megawatt, also 70.000 mal 300 MW- Kraftwerk analog Berlin Lichterfelde. Dieses hat 340 Mio € gekostet x 70000 = 23,8 Billionen €. Glaubwürdig ?

06.05.2019 12:54 Chrisbob 4

@3
Die Zielarchitektur der Energiewende sieht lt. Wirtschaftsministerium vor: "Eine Senkung der Treibhausgasemissionen um 40 Prozent bis 2020, den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 sowie die Sicherstellung von Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit."

Fazit: Deutschland hat eine hohe Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.
Der Ausstieg aus der Kernenergie läuft. Und die CO2 -Emissionen werden bis 2020 um ca. 32 % gesunken sein. Das ist MEHR als Ihre unterstellten "Null Prozent".