Nitratbelastung Ist wegen Biogasanlagen zu viel Nitrat im Grundwasser?

Der Europäische Gerichtshof befand 2018, dass sich Deutschland zu wenig um die erhöhten Nitratwerte im Grundwasser kümmere. Ursache, so die fast einhellige Meinung unter Wissenschaftlern: die Massentierhaltung und die Überdüngung der Felder. Aber auch Gärreste aus Biogasanlagen enthalten Nitrate und diese werden oft als Dünger verwendet. Dazu möchte MDR-AKTUELL-Hörer Volkhard Richter wissen: Besteht ein Zusammenhang zwischen Biogasanlagen und der Überschreitung der Nitratwerte im Grundwasser?

von Christian Werner, MDR AKTUELL

Biogasanlage
Die meisten Biogasanlagen stehen in landwirtschaftlichen Betrieben. Bildrechte: MDR/Heinz Diller

Fast 9.000 Biogasanlagen werden in Deutschland betrieben. 135 sind sogenannte Abfallanlagen. Sie verwerten organische Abfälle, etwa aus der Biotonne oder industrielle Fettreste.

"Interne Kreislaufwirtschaft" als Lösung?

Der weitaus überwiegende Teil der Biogasanlagen steht jedoch in landwirtschaftlichen Betrieben, wie etwa bei der Genossenschaft Agrarprodukte Kitzen. Thomas Rößner gehört zum Vorstand des Betriebes. "Wir haben bei uns im Unternehmen, ich sage mal, eine interne Kreislaufwirtschaft", sagt Rößner und erklärt: "Das heißt, wir produzieren über 90 Prozent unserer Futtermittel selbst und nur die Gülle unserer eigenen Tiere wird auf unseren Flächen ausgebracht."

Das Unternehmen bewirtschafte etwa 3.200 Hektar im Leipziger Südwesten, auf die man am Ende die Gülle beziehungsweise auch die Gärreste aus der Biogasanlage ausbringe, erklärt der Betriebsvorstand.

Durch diese Kreislaufwirtschaft gelangen kaum Nährstoffe von außerhalb und damit auch keine zusätzlichen Nitrate auf die Felder. Dagegen gilt Gülle aus Massentierhaltung unter Wissenschaftlern als hauptverantwortlich für die erhöhten Nitratwerte im Grundwasser.

Biogasanlagen selbst nicht das Problem

Biogasanlagen an sich haben darauf aber keinen Einfluss, sagt Peter Kornatz vom Deutschen Biomasseforschungszentrum in Leipzig, wo unter anderem die Prozesse in Biogasanlagen mit unterschiedlichen Einsatzstoffen untersucht werden. Der Befund sei eindeutig.

Die Biogasanlagen an sich tragen erstmal nicht zur erhöhten Nitratbelastung des Grundwassers bei.

Peter Kornatz, Deutsches Biomasseforschungszentrum

Die Biogastechnologie an sich führe nicht zur Erhöhung des Stickstoffgehalts der ausgebrachten Gärreste, meint Kornatz. "Alles, was in die Biogasanlage reingefahren wird, kommt in Bezug auf die Nährstoffe gesehen auch wieder aus der Biogasanlage nahezu unverändert raus."

Nährstoffüberschuss durch Energieplantagen

Problematisch wird es allerdings, wenn ein Betrieb seine Felder und Wiesen in sogenannte Energieplantagen umwandelt, auf denen Silomais für die Biogasanlage angebaut und das Futter zugekauft wird.

Das Ergebnis: Es entsteht ein Nährstoffüberschuss, der zumindest bis 2017 auf den Feldern landete. Denn bis dahin wurden die Gärreste aus den Biogasanlagen noch nicht einmal auf den ohnehin umstrittenen Grenzwert für die Düngung mit Stickstoff angerechnet.

"Deshalb konnte man bis zu dieser Grenze - 170 kg/Hektar - tierische Exkremente ausbringen und dann noch zusätzlich Biogasgärreste aus nachwachsenden Rohstoffen und hier ergab sich, dass ich deutlich diese Grenze überschritten habe", erklärt Peter Kornatz. Das habe man aber mittlerweile in der aktuellen Nivellierungsfassung der Düngemittelverordnung geändert.

Grund für Nitratbelastung laut Wissenschaft eine Konsumfrage

Jetzt müssen die Gärreste aus den Biogasanlagen angerechnet werden. Allerdings finden Kontrollen eher sporadisch statt. Wissenschaftler empfehlen ohnehin ein generelles Umdenken in der Landwirtschaft, wie die Umwelttoxikologin Professorin Heidi Foth von der Universität Halle Wittenberg: "Nitrat kommt nicht von ungefähr in unsere Umwelt, es ist eine Düngungsfrage, es ist eine Frage, wie Agrarpolitik betrieben wird, aber natürlich auch Agrarproduktion. Es ist auch eine Konsumfrage."

Wir müssen die Tierproduktion überdenken.

Heidi Foth, Umwelttoxikologin

Die Konsequenz lautet: Weg von der Massentierhaltung hin zu kleineren Betrieben wie die Agrargenossenschaft in Kitzen, wo auf den Feldern statt Silomais für die Biogasanlage das Futter für die Tiere angebaut wird.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Januar 2020 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 05:00 Uhr

2 Kommentare

Ingo Baumstark vor 1 Wochen

Große Betriebe können und müssen ihre internen Nährstoffe optimal managen, hier hilft die Biogasanlage als Puffer und Veredler. Aber auch kleine Betriebe profitieren von dem "Dünger-Hub" BGA. Besonders Ökobetriebe fahren hier ihre Organik im Kreis und gewinnen "nebenbei" Energie. In Ackerbauregionen gibt es kaum Überschussgebiete, hier ergänzen BGAs den Nährstoffbedarf. In Deutschland wird zu 35-40% (Zahlen DBFZ) der Einsatzstoffe Maisganzpflanzensilage eingesetzt - ein grüner Speicher, der bis zum BHKW stromnetzabhängig gefahren werden kann. Dies sollte man bei der Diskussion bedenken.

C.T. vor 2 Wochen

Ich verstehe die ganze Diskussion nicht. Die Sachlage ist doch eindeutig. Es gibt einen Nährstoffüberschuss durch eine viel zu große Agrarwirtschaft in Deutschland. Die "Nährstoffproduktion" muss einfach nur reduziert werden - Problem gelöst. 20 Jahre diskutieren sogenannte Fachleute darüber, Lösungen zu schaffen, die schon längst auf dem Tisch liegen. Genau darum wird unsere Gesellschaft zugrunde gehen. Weil auch hier nur wieder die Gier Weniger über die Geschicke der Allgemeinheit entscheidet!

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