Synthetischer Kraftstoff Gibt es eine Alternative zum Elektroauto?

Beim Klimaschutz im Verkehr setzt die Bundesregierung bislang vor allem auf Elektroautos. Doch deren Umweltbilanz ist umstritten. Stattdessen könnte Deutschland künftig einen eigenen, umweltfreundlichen Kraftstoff herstellen - ohne jede Abhängigkeit von Erdölimporten.

Eine Hand mit grünem Handschuh füllt eine blaue Tonne.
Ist CO2-neutrales Benzin die Zukunft der Mobilität? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Deutschland sollen Verbrennungsmotoren in zehn Jahren nicht mehr zugelassen werden, manche wollen sie sogar ganz verbieten. Die Politik hierzulande setzt dagegen auf Elektroautos und subventioniert jeden Kauf mit bis zu 6.000 Euro. Das Lithium für deren Batterien kommt unter anderem von den großen Salzseen in Chile und Argentinien. Für den Lithiumabbau werden dort große Wassermengen benötigt, das wiederum zerstört die Umwelt und die Lebensgrundlage der Bauern vor Ort. Doch das ist 11.000 Kilometer weit weg und spielt deswegen in der Diskussion um die Mobilität der Zukunft kaum eine Rolle.

Eine Zukunft für Verbrennungsmotoren?

Ein Mann (Joachim Engelmann).
Joachim Engelmann, Geschäftsführer der Chemieanlagenbau Chemnitz GmbH, ist überzeugt mit dem synthetischen Benzin einen großen Beitrahg zum Klimaschutz leisten zu können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Michael Theurer, Abgeordneter und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag, ist die kategorische Absage an Verbrenner der falsche Weg. "Wenn es gelingt, klimaneutrale Kraftstoffe herzustellen, dann können wir die ausgereifte Verbrennungstechnologie auch weiter nutzen," ist er überzeugt. "Das Entscheidende ist ja nicht, eine Technologie zu verbieten, sondern Klimaschutz zu betreiben. Und dann können wir die Verbrennungsmotoren weiterhin nutzen."

Welche technischen Möglichkeiten es dazu unbemerkt von der Öffentlichkeit bereits heute gibt, zeigt der Chemieanlagenbau Chemnitz. Hier haben die Ingenieure ein Verfahren entwickelt und patentiert, wie kohlendioxidneutraler Kraftstoff produziert werden kann. Joachim Engelmann, Geschäftsführer des Unternehmens, erläutert das Verfahren: "Da gibt es eine ganz einfache Formel: Wenn wir Benzin aus Kohlendioxid, also CO2, herstellen, dann kommt das CO2, das wir zum Herstellen benötigen am Ende wieder heraus. Das heißt, wir sind CO2-neutral. Wir sind davon überzeugt, dass wir einen Riesenbeitrag leisten können, wenn wir diesen Prozess hier großtechnisch in Deutschland errichten würden. Wir haben den Prozess zehn Jahre entwickelt und Erfahrungen gesammelt. Heute haben wir den Labor- und Demonstrationsmaßstab hinter uns gelassen und sind in der Lage, Großanlagen zu bauen."

Vereinfacht gesagt benötigt man für die Herstellung des Treibstoffs in einem ersten Schritt nur Kohlendioxid - bestenfalls aus Industrieabgasen - sowie Wasser und Strom. Aus diesen Zutaten kann man Methanol herstellen. Dieses Methanol wird dann in einem zweiten Schritt in synthetisches Benzin umgewandelt. Alles ganz ohne Erdöl.

Grafik zur Erklärung des Herstellungsprozesses von synthetischem Benzin.
CO2 aus Industrieabgasen, Wasser und eine Menge Strom: Daraus wird erst Methanol und später synthetisches Benzin hergestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das synthetische Nullsummenspiel

An der Technischen Universität in Freiberg steht eine Pilotanlage für die Benzinproduktion. Hier sind bereits 14.000 Liter hergestellt worden, die gerade von den Autoherstellern getestet werden. "Wir könnten hier im Jahr bis zu einer Million Liter Kraftstoff erzeugen," sagt Professor Bernd Meyer von der TU Bergakademie Freiberg. "Dieser Kraftstoff kann an Tankstellen gebracht werden, kann im Realbetrieb getestet werden. Es gibt ein großes Interesse der Automobilindustrie dafür, denn die Verbrennungsmotoren sind nicht so schlecht, wie ihr Ruf - wenn wir eben das CO2-Problem gelöst haben. Mit diesem Kraftstoff können Fahrzeuge betankt werden, und bei der Verbrennung entsteht CO2, was wir vorher der Atmosphäre entzogen haben. Also ein Nullsummenspiel."

Und dieses CO2-neutrale Benzin hat noch weitere ökologische Vorteile. Den Worten des Ingeneurs beim Chemienalagenbau Chemnitz Dr. Mario Kuschel nach bestehe im Herstellungsprozess des klimaneutralen Benzins auch die Möglichkeit, die Bildung von Feinstaub zu reduzieren und sogar die Leistungsfähigkeit des Motors zu verbessern. Letzteres sei durch den höheren Heizwert des synthetischen Kraftstoffs zu erreichen, der zu einem geringeren Verbrauch führe.

Ökologisch sinnvoll - wirtschaftlich konkurrenzfähig?

Neben der ökologischen Seite muss aber auch die ökonomische betrachtet werden. Besonders im ersten Prozessschritt der Methanolherstellung sind große Elektrizitätsmengen nötig. Die Nutzung des Stroms aus erneuerbaren Energien wäre hier zwar möglich, würde aber den Produktionspreis kaum beeinflussen und wäre im Vergleich zur Herstellung vom traditionellen Benzin nicht konkurrenzfähig. Denn den Strompreis in Deutschland beeinflusst vor allem der Staat mit seinen Steuern, was ihn zum teuersten in Europa macht.

Ein Mann (Berns Meyer)  trägt einen weißen Helm.
Professor Bernd Meyer von der TU Bergakademie Freiberg: "Wir könnten hier im Jahr bis zu einer Million Liter Kraftstoff erzeugen." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Alternative wäre, diesen ersten Prozessschritt ins Ausland zu verlagern. Doch es gäbe auch eine andere Möglichkeit. Dafür müsste der Staat solche klimaneutralen Kraftstoffproduktionsanlagen unterstützen und für sie den Strompreis senken. "Zum Beispiel durch die Reduzierung der EEG-Umlage und Abgaben, die den Strompreis mitgestalten," so Dr. Kuschel. "Wir haben Beispielrechnungen durchgeführt, wie sich der Preis für unser synthetisches Benzin dann gestalten würde. Dabei sind wir bei größeren industriellen Anlagen auf einen Preis von circa einen Euro pro Liter gekommen."

Synthetische Kraftstoffe für Klimaschutz und Arbeitsplätze

Immer noch teurer als Benzin aus Erdöl, das in der Herstellung nur 40 Cent kostet. Doch das synthetische Produkt wäre marktfähig, wenn der Staat wegen des ökologischen Aspekts auf dieses "grüne Benzin" beim Verkauf keine Steuern erheben würde.

Michael Theurer hält die neue Technologie für eine geniale Innovation. "Sie sichert Millionen von Arbeitsplätzen in der Automobil-  und Zulieferindustrie," so der FDP-Abgeordnete. "Denn wenn es gelingt, klimaneutrale Kraftstoffe auf den Markt zu bringen, dann können wir die Verbrennungsmotoren in Zukunft nutzen, ohne das Klima zu schädigen. Wir sind gleichzeitig dafür, dass klimaneutrale Technologien steuerlich entlastet werden. Wenn wir synthetische Kraftstoffe wollen, um Klimaschutz und Arbeitsplätze zu sichern, dann ist hier eine Entlastung dringend erforderlich."

Die zweitbeste Möglichkeit wäre es, den umweltfreundlichen Kraftstoff zunächst nur als Beimengung zum herkömmlichen Kraftstoff einzusetzen, ähnlich dem Bioethanol beim Kraftstoff E10. Das würde den Endpreis lediglich um drei, vier Cent teurer machen als er heute ist, so Dr. Mario Kuschel. "Aber das ist immer noch verkraftbar."

Nutzung bestehender Infrastruktur

Damit der ökologische Kraftstoff eine Chance bekommt und  zu einem wettbewerbsfähigen Preis angeboten werden kann, muss die Politik nun die Rahmenbedingungen schaffen. Doch für den Staatssekretär des Umweltministeriums Jochen Flasbarth (SPD) ist eine steuerliche Förderung keine Option. Er erwartet künftig eher eine Knappheit beim Stromangebot und sieht deshalb nur eine Beimischung von synthetischem Benzin als Ziel an.

Ein Mann mit einem blauen Helm blickt auf eine chemische Anlage.
Das Unternehmen Chemieanlagenbau Chemnitz GmbH hat einen synthetischen Treibstoff entwickelt, der gänzlich ohne Erdöl auskommt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir haben uns in Deutschland entschieden, den Kraftstoff immer treibhausgasärmer zu machen. Das geschieht durch die sogenannte Treibhausgas-Minderungsquote, das heißt, die Kraftstoffanbieter müssen Kraftstoffe beimischen, die treibhausgasarm oder treibhausgasfrei sind. Das kann durch Biokraftstoffe geschehen oder beispielsweise auch zukünftig durch synthetische Kraftstoffe. Im Augenblick ist es noch nicht möglich, aber wir bereiten das gerade gesetzlich vor."

Die Alternativen zu synthetischen Kraftstoffen sind Elektroantrieb oder auch Wasserstoff. Für beides braucht man neue Autos und eine komplett neue Infrastruktur an Tankstellen und Ladestationen. Alles teuer. Beim synthetischen Kraftstoff kann beides weiter genutzt werden – das würde finanzielle wie ökologische Ressourcen schonen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 11. August 2020 | 21:45 Uhr