Fachkräftemangel Quereinstieg kann Berufsausbildung nicht ersetzen

Jessica Brautzsch
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In Deutschland herrscht Fachkräftemangel. Freie Stellen werden häufig mit Quer- oder Seiteneinsteigern besetzt. Auch bei den Lehrkräften, die aber oft weniger verdienen, als ihre verbeamteten Kolleginnen und Kollegen. Wie gerecht ist das? Und wie sieht es in anderen Branchen mit Quereinsteigern aus?

Eine Schülerin meldet sich in einem Klassenzimmer.
Viele unbesetzte Lehrstellen werden von Quereinsteigern besetzt, die weniger verdienen, als ausgebildete Lehrkräfte. Wie sieht es in anderen Branchen aus? Bildrechte: dpa

Unterrichtsstoff vermitteln und Klassenarbeiten kontrollieren – all das machen Quereinsteiger-Lehrer genauso wie vollausgebildete Lehrkräfte. Dennoch verdienen sie beispielsweise in Thüringen weniger. Und diesen Lohnunterschied verteidigt sogar die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Thüringen.

Die Landesvorsitzende Kathrin Vitzthum erklärt, warum: "Man muss hier sehen, dass der Seiteneinstieg in aller Regel nicht die vollständige Lehrerinnenausbildung umfasst. In aller Regel auch nicht das zweite Staatsexamen." Sie befürchte, das Lehramtsstudium zu entwerten, wenn der Seiteneinstieg gleichbezahlt werde, sagt Vitzthum.

Kaum Statistiken zur Zahl der Quereinsteiger

Zumal Seiteneinsteiger häufig nur ein Lehrfach unterrichten, nicht zwei – wie vollausgebildete Lehrer. Ob dieser Lohnunterschied auch auf andere Berufe und Branchen zutrifft, lässt sich kaum sagen. Noch ist zu wenig über Quereinsteiger bekannt. Das beginnt bei der wissenschaftlichen Definition. Darf etwa ein Quereinsteiger eine Teilqualifikation oder nur einen Abschluss aus einem anderen Berufsfeld haben?

Angesichts dieser Unsicherheiten äußert sich Lydia Malin nur vorsichtig zu dem Thema. "Wir haben keine Statistiken zur Zahl der Quereinsteiger", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft. Man könne nicht sagen, dass die Quereinstiege in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hätten. "Dennoch gibt es aufgrund der fehlenden Fachkräfte in einigen Bereichen schon einige Bestrebungen, mehr Quereinsteiger zu ermöglichen", so Malin.

Quereinstiege vor allem in der Altenpflege und im IT-Bereich

Neben dem Lehramt sei das vor allem im IT-Bereich und der Altenpflege der Fall. Doch auch im Hotel- und Gaststättenbereich, im Bau und im Handel gebe es eine erhöhte Bereitschaft, Quereinsteiger einzustellen, sagt Iris Pfeiffer, Leiterin und Geschäftsführerin des Forschungsinstituts Betriebliche Bildung. Ihr Institut hat in einer Studie untersucht, wie interessiert Unternehmen an Menschen ohne vollständigen Berufsabschluss aber mit Berufserfahrung sind:

Insgesamt kann man sehen, dass für diese 30 untersuchten Berufe eine ziemlich große Offenheit besteht. Über 80 Prozent der befragten Unternehmen wären bereit, in mindestens einem Einsatzfeld Personen einzustellen, die sie als kompetent erachten auch wenn sie keinen Abschluss haben.

Iris Pfeiffer, Leiterin und Geschäftsführerin des Forschungsinstituts Betriebliche Bildung

Allerdings nehme die Bereitschaft dramatisch in den Berufen ab, in denen es auf Sicherheit ankomme – etwa bei Elektrikern. Ob Quereinsteiger in diesen Branchen mit dem gleichen Lohn rechnen könnten, hat die Studie nicht untersucht. Doch hänge das in der Regel von Tarifverträgen und der Vergleichbarkeit der Leistung ab, sagt Pfeiffer. Andere Untersuchungen hätten allerdings gezeigt, dass sich das Nachholen eines Abschlusses finanziell immer lohne.

Quereinstieg kann Berufsabschluss nicht ersetzen

Auch Lydia Malin vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung hält den Berufsabschluss für unerlässlich. Quereinstiege können eine Ausbildung oder ein Studium nicht ersetzen, sagt sie. "In einer Erstausbildung erwerben Jugendliche ein umfangreiches Handlungswissen", sagt Malin. Und das werde nicht nur für eine ganz spezifische Stelle oder in einem ganz bestimmten Unternehmen benötigt.

Ob und wie der berufliche Quereinstieg aber nun gelingen kann, das will das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr in einer größeren Studie untersuchen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Oktober 2020 | 05:53 Uhr