Dorfansicht von Mühlrose in der Oberlausitz
Bildrechte: MDR/Ludwig Bundscherer

Ein Herz aus Kohle Was denkt die Oberlausitz über den Braunkohlemagnaten EPH?

Es war ein schwieriger Verkaufspoker - am Ende hatte der tschechische Energiekonzern EPH wohl das beste Blatt. EPH übernimmt alles, was derzeit mit der Aufschrift Vattenfall im Lausitzer Braunkohlerevier steht, samt Kohlebagger, Kraftwerken und Mitarbeitern. Immerhin bis zu 8.000 Jobs hängen direkt an diesem Deal, eine ganze Region indirekt. Wie die Oberlausitzer zum Verkauf stehen - das wollten wir wissen und schickten unseren Reporter nach Nochten.

von Ludwig Bundscherer, MDR INFO

Dorfansicht von Mühlrose in der Oberlausitz
Bildrechte: MDR/Ludwig Bundscherer

Ein paar kleine Wölkchen am Himmel gibt es immer über Boxberg in der Oberlausitz. Es ist der Dampf aus dem gleichnamigen Kohlekraftwerk. Dass Boxberg der Name für Ort und Kraftwerk zugleich ist, zeigt bereits die herrschende Untrennbarkeit. Alle hier leben von der Kohle, sagt Bürgermeister Achim Junker: "Rings um das Kraftwerk liegen sehr viele Kleinbetriebe, die für Vattenfall gearbeitet haben und sehr davon abhängen, so dass nicht nur die 500 Arbeitsplätze im Kraftwerk selbst gefährdet sind, sondern auch die vielen kleinen Firmen ringsum."

Boxberg hofft auf Gewebesteuereinnahmen

Im Verkauf von Vattenfall an den Energiekonzern EPH sieht der Bürgermeister trotzdem Hoffnung. Vattenfall hatte zuletzt wenig an der Braunkohle verdient und wollte Gewerbesteuer zurück. Die einst reiche Gemeinde Boxberg ist deshalb pleite. Junker hofft jetzt für EPH, "dass der Konzern auch Gewinne macht, so dass wir wieder Gewerbesteuern erhalten." Außerdem ist Junker ein Stück erleichtert, dass sein Boxberg mit einem nichtstaatlichen Energieunternehmen weniger Spielball der Politik ist. "Man hat ja gesehen, eine Regierung in Schweden kann entscheiden, wie hier was abläuft."
Spricht man die Boxberger auf der Straße zum Verkaufsdeal an, ist ihnen vor allem eines wichtig: Dass die neuen Chefs versprochen haben, bis 2020 niemandem zu kündigen. "Also ich finde es positiv." - "Ja! Unser Sohn arbeitet noch im Kraftwerk, wir waren auch beide da." - "Viele haben sich entschieden, ein Haus zu bauen, die Raten müssen kommen." - "Was die Zukunft bringt? Weiß man nicht, ich bin skeptisch."

Umzingelt von den Baggern - was wird aus Mühlrose?

Dorfansicht von Mühlrose in der Oberlausitz
Die Idylle ist trügerisch in Mühlrose. Bildrechte: MDR/Ludwig Bundscherer

In der Oberlausitz geht es aber nicht nur um Arbeitsplätze: Es geht um ganze Wohnorte. Sie hängen existenziell an der Frage, ob EPH nach den Plänen von Vattenfall weiterbaggert. Ein Beispiel ist der 240-Seelen-Ort Mühlrose. Kommt der Aufschluss Nochten II, muss Mühlrose weg. Legt EPH diese Pläne auf Eis, wird es noch schlimmer, sagt Bewohner Ernst Gerd Paufler, denn dann muss Mühlrose bleiben - als staubige Enklave im Tagebau: "Rettungswagen schaffen es jetzt nicht mal in einer halben Stunde hier zu sein. Wenn die letzte Straße nach Schleife noch gekappt wird, sehen wird ganz alt aus."

Unter Vattenfall war Mühlrose schon neu geplant, eine letzte Unterschrift fehlte noch. Dann kam der Kohleausstieg der Schweden. Die meisten Mühlroser wollen ihr neues Dorf: "Wir hatten vor zehn Jahren schon eine Umfrage hier und da waren gut 87 Prozent für eine sofortige Umsiedlung." Die Unsicherheit frisst an den Nerven: "Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Ob das die Tschechen nun auch übernommen haben oder nicht: Ziehen wir nun weg? Oder ziehen wir nicht weg?".

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2016, 05:00 Uhr