Corona Autobranche in der Krise

Immer mehr Hersteller und Zulieferer leiden unter der Absatzkrise der Autoindustrie. Nach Einschätzung des Automotive Cluster Ostdeutschland wird es in Deutschland bis zu 100 Insolvenzen geben, was bis zu 100.000 Arbeitsplätze koste. Geschäftsführer Katzek sagte MDR AKTUELL, das sei mehr als das, was beim Braunkohle-Ausstieg diskutiert werde.

Das Rücklicht eines BMW 520d.
Die Autobranche steckt in der Krise und das nicht erst seit Corona. Bildrechte: dpa

Wie es der Autoindustrie so geht, zeigt ein Vergleich von zwei Zahlen. 2018, als es aussah, als könne man selbst den Dieselskandal abschütteln, bauten die deutschen Hersteller 5,6 Millionen Fahrzeuge. Die Erwartungen für dieses Jahr lägen dramatisch darunter, sagt Dirk Vogel, Manager des Netzwerks der Automobilzulieferer Sachsen: "Also die Einschätzung, die wir haben, ist deutlich unter vier Millionen. Vielleicht 3,5 oder 3,7 Millionen. So in dieser Größenordnung."

100.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

An dem Rückgang ist Corona schuld, aber nicht nur. Schon 2019 sank die weltweite Auto-Nachfrage. Die Corona-Pandemie stürzte die Branche endgültig in die Krise. In Deutschland waren die Verkaufszahlen im ersten Halbjahr so schlecht wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

Darunter würden Hersteller und Zulieferer leiden, sagt Jens Katzek, Geschäftsführer beim Automotive Cluster Ostdeutschland: "Es gibt eine ganze Reihe von Studien mittlerweile, die davon ausgehen, dass wir bis zu 100 Insolvenzen in Deutschland haben werden, was bis zu 100.000 Arbeitsplätze kostet. Und das ist mehr als das, was wir derzeit zum Beispiel im Bereich des Braunkohle-Ausstiegs beim Strukturwandel diskutieren."

Autobranche im Wandel

Tatsächlich steckt auch die Autobranche im Strukturwandel. Volkswagen hat sein Zwickauer Werk auf Elektroautos umgestellt. Mehrere Hersteller experimentieren mit Carsharing, weil junge Großstädter kaum noch Interesse an einem eigenen Auto haben. Um der Autoindustrie zu helfen, hat die Bundesregierung die Kaufprämie für Elektroautos erhöht.

Doch in diesem Jahr bringe das den Herstellern nichts mehr, sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt: "Jetzt, mal ehrlich: Selbst wenn jemand überlegt auf diese Technologie umzusteigen. Da ist ja keine Notwendigkeit, sich im Jahr 2020 zu entscheiden. Die Prämie ist ja ausgelobt bis Ende nächsten Jahres. Das heißt, wenn ich da überlege, kann ich auch noch ein Jahr überlegen und profitiere immer noch davon."

Sachsen nicht schlecht aufgestellt

Die Branche hätte gern schnellere Lösungen gehabt – und  großzügigere. Jetzt, wo es diese nicht gibt, hofft sie auf weniger Regulierung durch die Politik. Jens Katzek: "Wir sollten jetzt endlich aufhören, neue Forderungen an die Automobilindustrie zu stellen. Ich glaube, diese Diskussion um noch schärfere CO2-Grenzwerte in dieser Situation sind vollkommen deplatziert. Man begreift offensichtlich nicht, wie ernst die Situation ist."

Ernst ist sie auch deshalb, weil der Wandel zur Elektromobilität automatisch Arbeitsplätze vernichtet. Denn ein Elektromotor kommt mit deutlich weniger Einzelteilen aus als ein Verbrennungsmotor. Vielen Zulieferern mache das zusätzlich Probleme, sagt Dirk Vogel: "Natürlich werden es nicht alle Firmen schaffen. Wir hatten eine große Studie letztes Jahr dazu und haben gesagt, wir werden in Sachsen etwa 5.000 Arbeitsplätze verlieren. Wir schaffen aktuell auch neue Arbeitsplätze. Aber für die neuen Arbeitsplätze müssen wir auch was tun. Wir müssen dieses Thema elektrischer Antriebsstrang, Interieur viel, viel stärker spielen als heute."

Sachsen sei dabei gar nicht schlecht aufgestellt, sagt Vogel. Dank des frühen Einstiegs in die Elektromobilität bei BMW und der konsequenten Elektro-Strategie bei Volkswagen. Trotzdem werfe Corona alle zurück. Mit einer normalen Entwicklung rechnet die ostdeutsche Autoindustrie erst wieder 2022.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Juli 2020 | 07:05 Uhr

12 Kommentare

wer auch immer vor 20 Wochen

Stimmt - 12 € / h im 4- Schichtsystem sind bei einem Autozulieferer nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit schon wenig.
Und wir müssen Springen wie es die Konzerne gerade brauchen.

Monazit vor 20 Wochen

zu 2. Das glaube ich weniger. Bei VW verdienen sie vielleicht ein fürstliches Gehalt. Bei den ganzen Zulieferfirmen, die VW eben alle möglichen Autoteile zuliefern geht das leider nicht. Denen diktiert VW die Preise. Wenn sie "nicht gehorchen", wird sich eben ein anderer Zulieferer gesucht.

Das Business ist, wie überall dort, wo outgesourced wird, knallhart und lässt kaum Spielraum für gute Gehälter.

Hans Frieder leistner vor 20 Wochen

Wo wollen sie den Strom für den Umstieg auf E Autos hernehmen, wenn die verlässlichen Kraftwerke abgeschaltet werden. Auch ist das Stromnetz nicht so ausgebaut, daß man Millionen Autos versorgen kann. Abgesehen von der naturzerstörenden Gewinnung von Lithium.