Personen- und Güterverkehr Bahnstrecken: Erst stillgelegt, jetzt heiß ersehnt

Tausende Kilometer Bahngleise wurden nach der Wende stillgelegt. Heute fehlen sie an vielen Orten für den umweltfreundlichen Personen- und Güterverkehr. Nun setzt in der Politik und bei der Bahn langsam ein Umdenken ein.

An einer Bahnstrecke leuchtet ein rotes Haltesignal auf.
Bildrechte: colourbox

Vor der Wende war das Schienennetz in Mitteldeutschland zwar sehr marode, aber dafür war es eines der dichtesten Europas. Doch nach der Wende – und vor allem nach der Bahnreform von 1994 – wurde es extrem ausgedünnt. Mehr als 1.600 Kilometer Gleise wurden stillgelegt – das entspricht fast dem Schienennetz von Litauen! Das Ergebnis sind umständliche Zugverbindungen in Regionen, in denen Reisende einst schnell von A nach B gelangen konnten.

Das Experiment

Reporterin Juliane Zeisler sitzt mit einem Kursbuch von 1989/90 in einem Zug.
Dreimal musste Reporterin Juliane Zeisler umsteigen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die "Umschau" hat sich ein besonders extremes Beispiel herausgesucht. Reporterin Juliane Zeisler sollte von Saalfeld nach Ernstthal am Rennsteig fahren. Einzige Bedingung: Sie musste den Zug nehmen, Umsteigen auf Bus oder Taxi war nicht erlaubt. Vor der Wende hätte die Reichsbahn die 30 Kilometer lange Strecke in einer Stunde und 17 Minuten bewältigt, und umsteigen musste man nicht. Jetzt allerdings brauchte die Reporterin sage und schreibe dreieinhalb Stunden mit drein Umstiegen, nämlich in Erfurt, Coburg und Sonneberg.

Natürlich war das ein überspitzter Versuch. Kein Mensch würde so umständlich fahren. Mit Bus und einmal Umsteigen in die Südthüringenbahn kommt man nämlich auch ans Ziel.

Grafik: die Streckenführung von Saalfeld nach Ernstthal/Rennsteig damals und heute.
Saalfeld und Ernstthal am Rennsteig sind 30 voneinander entfernt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die alte Max- und Moritzbahn

Max-und-Moritz-Bahn
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei wäre es ganz leicht, die alte durchgehende Strecke zu reaktivieren. Die originalen Gleise und Viadukte sind nämlich noch da. Der Förderverein "Max- und Moritztalbahn" bemüht sich seit Jahren, hier wieder den Personenverkehr aufzunehmen, vor allem aber auch den Güterverkehr wieder auf die Schiene zu bringen. Das wäre vor allem für die Glaswerke in der Umgebung von Lauscha interessant. Denn zur Zeit kommen jährlich Hunderttausende Tonnen Rohstoffe per Lkw mitten in den Thüringer Wald – allen Umweltschutzbemühungen zum Trotz.

Weitere Beispiele

Lange Umwege sind leider kein Einzelfall, wie die drei folgenden Beispiele zeigen:

Zwischen Bautzen nach Hoyerswerda gab es früher eine durchgehende D-Zug-Strecke. Heute muss man in Görlitz umsteigen.

Von Sondershausen nach Artern dauerte früher eine Zugfahrt eine Stunde. Heute braucht man zwei und kann nicht mehr durchfahren.

Von Wiesenburg nach Güsten fuhr sogar noch in den 1990er-Jahren ein ICE. Heute braucht man mindestens zweieinhalb Stunden und muss zweimal umsteigen.

Das sagen die Politiker dazu

"Zu einem verbesserten Bahnangebot gehört auch die Reaktivierung stillgelegter Strecken. Die Bahn ist ein wichtiger Baustein bei der Erreichung unserer Klimaziele." Dieses Zitat von Alois Rainer, dem verkehrspolitischen Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion zeigt: Im Bundestag, wo 1994 mit der Bahnreform die Weichen für die Stilllegung vieler DDR-Strecken gestellt wurden, möchte man jetzt gern zurückrudern. Auch Politiker der anderen Fraktionen stimmen da mit ein.

Detlef Müller (SPD), Mitglied des Ausschusses für Verkehr
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Detlef Müller (SPD), Mitglied des Ausschusses für Verkehr sagt: "Wir müssen Verkehr von der Straße, von den verstopften Autobahnen auf die Schiene verlagern, beim Güterverkehr beispielsweise. Dazu brauchen Sie Infrastruktur, dazu brauchen Sie Strecken."

Stephan Kühn (B´90/Grüne), Sprecher für Verkehrspolitik
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stephan Kühn (B´90/Grüne), Sprecher für Verkehrspolitik, ergänzt: "Wir haben an vielen Stellen gemerkt: Das Netz ist auf Kante genäht. Und sobald im Netz ein Problem auftaucht, gibt es keine Alternativstrecken, wo zum Beispiel Personen- oder auch Güterverkehr stattfinden kann."

Sabine Leidig (Die Linke), Beauftragte für Verkehrspolitik
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sabine Leidig (Die Linke), Beauftragte für Verkehrspolitik, spricht von einem "Riesenfehler, dass man diese wertvolle Infrastruktur zum Teil komplett abgebaut oder stillgelegt oder überbaut hat. Das rächt sich bitter!"

Dr. Dirk Spaniel (AfD), Mitglied im Ausschuss für Verkehr
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei der AfD wird man weniger konkret. Dr. Dirk Spaniel (AfD), Mitglied im Ausschuss für Verkehr, erklärt: "Wir wollen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln das bestmögliche Ergebnis erzielen. Und das geschieht nicht, indem man einfach die Schienen reaktiviert, sondern indem man die individuell beste Lösung findet, die wirtschaftlich beste Lösung."

Das sagt die Bahn

Und auch bei der Deutschen Bahn AG setzt ein Umdenken ein. Die Umschau hat eine Nachricht erhalten, in der steht: "Wir haben eine Task Force gebildet. Sie analysiert derzeit zu reaktivierende Strecken. Einen detaillierten Gesamtplan legen wir im Laufe des ersten Halbjahres 2020 vor." Die kommenden Monate könnten also spannend werden.

Das Streckennetz in Mitteldeutschland in der DDR und heute

Eine Karte zeigt das mitteldeutsche Schienennetz zu DDR-Zeiten.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Karte zeigt das mitteldeutsche Schienennetz zu DDR-Zeiten.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Karte zeigt das mitteldeutsche Schienennetz heute.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Alle (2) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 31. März 2020 | 20:15 Uhr