"Brückentechnologie" Sachsen-Anhalt ist das Zentrum der Herstellung von Bioethanol

Mitten in Zeitz liegt Deutschlands größte Produktionsstätte für Bioethanol. MDR AKTUELL hat das Werk besucht und der Zukunft der Chemikalie als Bio-Kraftstoff nachgespürt.

Bioethanol Werk in Zeitz
Die komplexen Anlagen von "CropEnergies" zur Herstellung von Bioethanol. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gleicht fast einer kleinen Stadt, das Gelände der "CropEnergies GmbH" in Zeitz. Auf rund 17 Hektar Fläche befindet sich seit 2004 eine Bioethanolanlage. Und nicht nur das: Auch eine Zucker- und Stärkefabrik sind gleich um die Ecke. Somit ist auch die Produktion des Bioethanols gesichert, der dort vor allem aus Getreide und Zuckersirup hergestellt wird. Rund 400.000 Kubikmeter könnten in Zeitz pro Jahr produziert werden. Geschäftsführer Martin Kneitschel ist besonders stolz auf den Standort:

Insgesamt ungefähr eine Milliarde Euro hat unsere Gruppe in den letzten 25 Jahren investiert – und das haben wir sicherlich nicht ohne Grund genau hier in dieser Region getan.

Martin Kneitschel

Kein Wunder also, dass Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren deutschlandweit Spitzenreiter in der Produktion des biologischen Alkohols war. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Halle sind im Land im vergangenen Jahr rund 66 Prozent der bundesweiten Gesamtmenge hergestellt worden. Neben Zeitz gibt es in Sachsen-Anhalt noch Werke in Wanzleben-Börde und Zörbig.

Bioethanol Grafik
Die größten Bioethanolwerke in Deutschland. Drei von ihnen stehen in Sachsen-Anhalt. Das deutschlandweit größte Werk gehört der CropEnergies GmbH in Zeitz. Bildrechte: MDR

Bioethanol ist gefragt bei der Lebensmittel-, Chemie-, und Pharmaindustrie, wird hauptsächlich aber für Kraftstoffe hergestellt. Egal ob an Tankstellen als Bestandteil von Super-E10-Benzin, in Putzmitteln oder Heizöfen – Bioethanol steckt oft da, wo wir ihn nicht vermuten.

Wie funktioniert die Bioethanolherstellung?

Bioethanol wird in Zeitz besonders aus drei Rohstoffen gewonnen. Zum einen werden Säfte aus der Zuckerfabrik, zum anderen Reststärke aus der Stärkefabrik verarbeitet. Außerdem wird Getreide vermahlen. Alle drei Rohstoffe werden mit Hilfe von Hefe in sogenannten Gärtanks fermentiert. Dabei entsteht Ethanol mit etwa 14 Volumenprozent, ähnlich wie bei der Weinherstellung. Durch die Vollkornvermahlung bleiben sämtliche Bestandteile des Getreides und auch der Zuckerlösungen bis zum Ende der Fermentation in der Lösung enthalten.

Aus dieser soll anschließend Alkohol gewonnen werden. Die Lösung muss dazu aufkonzentriert werden, bis sie eine Konzentration von 99,7 Prozent nachweist, die dann reinem Bioethanol entspricht. Für diesen Prozess werden lange, große Zylinder, sogenannte Destillationskolonnen, benutzt. In diesen wird der 14-prozentige Alkohol gegeben. Anschließend wird mit Hilfe von Wärme das Ethanol von den Reststoffen, die sich in der Lösung befinden, abgetrennt.

Am Ende tritt das Ethanol als Dampf aus den Rohren am Kopf der Zylinder aus. Es wird daraufhin in großen Kondensatoren wieder verflüssigt, abgekühlt und ins Tanklager gepumpt.

Am Fuß der Zylinder entsteht ein Reststoff, der nicht verarbeitet worden ist. Er wird eingesammelt und anschließend in Trocknungsanlagen bis auf eine Trockensubstanz von 90 Prozent eingedickt. Hieraus wird dann beispielsweise Tierfuttermittel gewonnen.

Wieso Sachsen-Anhalt?

Dass Sachsen-Anhalt in der Produktion so weit vorne liegt, hat mehrere Gründe. Ein erster Vorteil des Standorts Zeitz, so Martin Kneitschel, ist die hohe Verfügbarkeit an Getreide und an Rüben. Die hohe Qualifikation der Menschen in der Region stellt für ihn außerdem einen wichtigen Faktor dar. Ab kommendem Jahr sollen hier auch junge Menschen im Arbeitsfeld "Chemikant" ausgebildet werden. Und qualifizierte Arbeitskräfte werden dringend gebraucht, denn: Bioethanol könnte auch in puncto "umweltfreundliches Fahren" eine wichtige Rolle spielen.

Martin Kneitschel, Geschäftsführer Bioethanolwerk Zeitz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Martin Kneitschel sind die Treibhausgasziele der EU sehr ambitioniert. Dennoch hält er sie für wichtig. Seiner Meinung erfüllen die Industrie und die Kraftwerkstechnik die Bedingungen für das Erreichen dieser Klimaziele bisher besonders gut. Nur im Verkehr, da sieht es in seinen Augen noch schlecht aus. Die Lösung liegt für ihn in der Nutzung des Bioethanols. "Wir haben ja einen Altfahrzeugbestand allein in Deutschland von 30 Millionen Kraftfahrzeugen, und da kommt diese Brückentechnologie mit Bioethanol zum Einsatz."

Hauptsächlich eingesetzt wird Bioethanol als Zusatz- oder Ersatzstoff zur Treibhausgasminderung. Laut Kneitschel können mit jedem Liter Benzin, der ersetzt wird, zwei Kilogramm Treibhausgasemissionen eingespart werden.

Bioethanol aus Sicht des Umweltschutzes

Doch es gibt auch Kritik an dieser Form der Bioenergie. Felix Ekardt, Vorsitzender des BUND Sachsen, sieht etwa bei Kraftstoffen keinen Bedarf für Bioenergie. Lösungen bestehen für ihn eher darin, weniger Auto zu fahren oder auf Elektromobilität zu setzen. Seiner Meinung nach ist Bioenergie nur dann vertretbar, wenn sie aus Reststoffen gezogen und nicht aus angebauten Energiepflanzen gewonnen wird.

Im Biomasseforschungszentrum in Leipzig sieht man das anders. Arne Gröngröft, Mitarbeiter des Zentrums sagt: "Wir müssen alle Optionen nutzen, um auch im Verkehr endlich die Klimagasemissionen runterzubekommen. Da sind Biokraftstoffe meiner Meinung nach ein wesentlicher Bestandteil, den wir brauchen, um nicht nur auf Einzelmaßnahmen zu setzen."

Die Zukunft von Bioethanol

In Zeitz arbeiten derzeit rund 135 Beschäftigte an der Kraftstoffalternative mit Bioethanol. Und statt mit Nutzpflanzen könnte hier zukünftig vielleicht sogar mit Stroh gearbeitet und dadurch Bioethanol der "Second Generation" gewonnen werden. Bis dahin ist es aber noch ein langer, kostspieliger Weg.

Auch wenn politisch momentan besonders auf Elektromobilität durch erneuerbare Energien wie Sonnen- und Windenergie gesetzt wird, setzt Martin Kneitschel auf Bioethanol als Brückentechnologie. Diese sei sofort einsetzbar, ohne, dass an den Fahrzeugen etwas geändert werden müsse. Dass es aber in 50 Jahren noch Verbrennungsmotoren gibt, das bezweifelt selbst der Bioethanol-Hersteller.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 14. November 2019 | 21:45 Uhr