Ein Mann greift nach Bio-Tomaten in einer Gemüsauslage
Zwei Monate ist es her, dass eine Leipziger Biomarkt-Kette damit angefangen hat, die AfD-Hirse zu boykottieren. Bildrechte: imago/photothek

Biomärkte Nach Boykott von "AfD-Hirse": Wie politisch ist der Handel?

Eine Leipziger Bio-Supermarktkette nimmt einen Hirsebrei aus dem Sortiment, weil der Lieferant ein AfD-Funktionär ist. Weil diese Partei den menschengemachten Klimawandel leugne, stelle sich dieser Unternehmer gegen die Werte der Bio-Kette. So die Begründung. Zwei Monate ist das her, nun aber geht das Thema durch alle Medien, es gibt Beifall und Kritik. Denn inzwischen boykottieren auch andere Händler die Hirse des AfD-Politikers. Wie politisch ist der Handel? Und zu welchem Preis?

von Niklas Ottersbach, MDR AKTUELL

Ein Mann greift nach Bio-Tomaten in einer Gemüsauslage
Zwei Monate ist es her, dass eine Leipziger Biomarkt-Kette damit angefangen hat, die AfD-Hirse zu boykottieren. Bildrechte: imago/photothek

Carola Zinner hat einen kleinen Bioladen in der Gemeinde Kottmar in der Oberlausitz. Auch sie hat den Hirsebrei vom AfD-Politiker aus Brandenburg inzwischen aus dem Sortiment genommen. "Ich führe einen Laden, wo ich hinter dem Produkt stehe", erklärt Zinner. Für sie lasse sich Bio-Produktion nicht mit der Einstellung verbinden, dass es den Klimawandel nicht gebe. Deshalb habe sie das Produkt aus dem Laden genommen.

Gemischte Reaktionen

Während in Leipzig bei der Bio-Supermarktkette diese Entscheidung überwiegend Kundenlob eingebracht hat, kann Carola Zinner nicht unbedingt auf Beifall hoffen. Denn anders als in Leipzig hat sie es nicht nur mit linksalternativer Klientel zu tun. Hier im Wahlkreis Görlitz überholt die AfD regelmäßig die CDU. Deshalb hängt Carola Zinner die Sache mit dem Boykott der AfD-Hirse auch nicht an die große Glocke.

"Wir müssen davon ausgehen, dass jeder dritte Kunde, der bei uns den Laden betritt, die AfD für richtig hält. Und wir müssen halt ein bisschen vorsichtiger an die Sache gehen. Denn wir wollen ja auch mit den Kunden auskommen." Deswegen könne sie da keine große Aktion draus machen, aber sie stehe dazu. Jedem, der ihre Meinung wissen will, sage sie das auch ganz ehrlich. Bisher sei allerdings noch kein Kunde deshalb auf sie zugekommen.

Wie politisch sind Unternehmen?

Und wie sieht es auf der anderen Seite des politischen Spektrums aus? Also, bei AfD-affinen Unternehmern, die das auch nach außen tragen? MDR AKTUELL hat bei einem Bautzener Bau-Unternehmer und einem Chemnitzer Sanitäranlagenbetrieb nachgefragt. Beide haben der AfD vor der Bundestagswahl 2017 mehr als 10.000 Euro gespendet. Wie das bei Geschäftspartnern ankomme, wollten die Unternehmen nicht kommentieren.

Dabei hätten Unternehmen zunehmend ein Interesse, sich gesellschaftlich zu positionieren, sagt Ute Holtmann vom Handelsforschungsinstitut EHI. Sie hat dieses Jahr 60 Unternehmen befragt, inwieweit sie Stellung beziehen. Ergebnis der Studie: Vor allem soziales Engagement wird wichtiger für Unternehmen, politische Äußerungen dagegen seien ein schwieriges Feld, sagt die Handelsforscherin aus Köln.

Wenn man sich zur Flüchtlingskrise oder zu sozialem Engagement oder zu sozialen und ökologischen Standards in der Beschaffung äußert, dann ist das definitiv nicht unpolitisch.

Ute Holtmann Handelsforschungsinstitut EHI

Man habe das so gedeutet, dass dies im Grunde parteipolitische Äußerungen seien, die als "No-Go" begriffen würden, so die Forscherin. Aber auch nicht von allen Unternehmen: 22 Prozent, also gut ein Fünftel, schlössen das für sich nicht aus.

Möglichst ohne anzuecken

Die große Mehrheit der Unternehmen möchte sich gesellschaftlich engagieren, dabei ein positives Image kreieren und möglichst wenig Gegenwind erzeugen. Andersrum: Wer sich politisch äußert, gehe immer ein Risiko ein, sagt Ute Holtmann. "Wenn man das konsequent zu Ende denkt, ist da auch ein Dilemma. Weil möglicherweise stößt man dabei einen Teil der Kundschaft vor den Kopf. Aber wie gesagt, Haltung zeigt sich da, wo man an Widerstände stößt."

Carola Zinner, die Bioladen-Besitzerin aus der Oberlausitz stößt zwar nicht auf Widerstände. Aber sie muss Abstriche machen. Der Hirsebrei vom AfD-Mann war immerhin ein Produkt aus der benachbarten Niederlausitz. Nun kauft sie einen Hirsebrei vom Großmarkt ein. Zwar nicht mehr regional, aber sie findet: Das sei wenigstens ehrlich.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Oktober 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2019, 05:00 Uhr

139 Kommentare

der_Silvio vor 6 Wochen

Es geht doch hier überhaupt nicht um Klimaschutz, das ist ein vorgeschobenes Scheinargument!
Siehe MDR: 'Linken-Politikerin Köditz: "Wir brauchen Prävention und Repression"'
Das sagt doch eigentlich alles!

Simone vor 6 Wochen

Lieber Ralf,

der AfD ist der Klimawandel vermutlich herzlich egal. Die Leugnung, dass es ihn gibt, dass er bedrohlich ist oder dass wie als Menschheit etwas dagegen unternehmen können eröffnet jedoch für Populisten interessante Argumentationsmöglichkeiten und Möglichkeiten sich zu positionieren.

Wenn der Mensch den Klimawandel angeblich nicht beeinflussen kann, dann ist es ja nur logisch, dass wir Deutschen und die Menschheit NICHT den Arsch hochkriegen müssen. Eine bequeme Position für alle die weitermachen wollen wie bisher (Braunkohle, Verbrennungsmotor, Ressourcenverbrauch). Mit dem Slogan "nicht muss geändert werden" kann man schon Menschen gewinnen, die sich vor einer Zukunft mit Veränderung fürchten.

PS: Wenn der klimapolitische Sprecher der AfD sogar verneint, dass es so etwas wie den Treibhauseffekt gibt, dann ist es mit der Fachkompetenz in dieser Partei zu diesem Thema vermutlich nicht weit her. Naturgesetze leugnen ist schlicht und ergreifend doof!

faultier vor 6 Wochen

Und warum hatt der Grünensprecher Unternehmer erst solch ein Schild angebracht es wurden schon sehr viele Waren in Supermärkten ausgelistet aber so ein Schriftstück mit einer Begründung hab ich noch nie gesehen und erwusste das diese Begründung Wellen schlägt und im Internet landet war echt schlau ,aber man sieht sich immer zweimal im Leben.