Erntehelfer pflücken Erdbeeren auf einem Feld
Innerhalb weniger Wochen muss die Ernte vom Feld - für die anstrengende Handarbeit werden viele Saisonarbeiter benötigt. Bildrechte: imago/Thilo Schmülgen

Saisonarbeiter für Ernte Bauern kämpfen um Erntehelfer aus Osteuropa

Für Landwirte wird es immer schwieriger, Saisonarbeiter für die Ernte zu finden. Zum einen benötigen immer mehr Branchen in Deutschland Arbeitskräfte, zum anderen boomt die Wirtschaft in Osteuropa. Wer holt den Spargel und die Erdbeeren zukünftig von den Feldern?

Erntehelfer pflücken Erdbeeren auf einem Feld
Innerhalb weniger Wochen muss die Ernte vom Feld - für die anstrengende Handarbeit werden viele Saisonarbeiter benötigt. Bildrechte: imago/Thilo Schmülgen

Seit fünf Uhr früh stehen sie auf dem Feld. Über den Erntehelfern auf dem Spargelhof- und Erdbeerhof in Kutzleben steht keine Wolke am Himmel. Kein Lufthauch verschafft Abkühlung. Die Sonne brennt. Die Arbeit ist körperlich anstrengend. „Doch nach drei bis vier Tagen hat man sich daran gewöhnt“, sagt Alicja. Für die 47-jährige Polin sei die Saisonarbeit in Deutschland allerdings eher willkommene Abwechslung und Erholung als Schinderei – dasselbe gelte auch für viele der 50 Kollegen auf dem Feld.  

"Insgesamt benötigen wir auf unseren Feldern etwa 300 bis 400 ausländische Saisonkräfte", sagt Jan Niclas Imhofe, Geschäftsführer der Spargelhof GmbH. "In den letzten drei Jahren hatten wir Probleme ausreichend Leute zu finden", sagt er. Doch bislang hat es noch geklappt, auch wenn so lange gebangt wurde, bis die Busse ankamen. Das ist nicht nur in Thüringen so. In Brandenburg blieben im vergangenen Jahr Tausende Tonnen Spargel auf dem Feld. Ein hoher Verlust für den dortigen Bauern – aufgrund fehlender Saisonarbeiter.

Helfer finden in der Heimat leichter Jobs

Ein Grund: In Osteuropa, wo die meisten Saisonarbeiter herkommen, lassen sich für die Erntehelfer inzwischen immer besser Jobs finden. In Polen und Rumänien geht es mit der Wirtschaft bergauf. Das bekommen die Bauern in Deutschland zu spüren. Außerdem werden Arbeiter nicht nur in der deutschen Landwirtschaft benötigt. "Diese Arbeitskräfte sind unser wichtigstes Kapital", sagt Imhofe. Er müsse als Arbeitgeber etwas bieten, sonst bleiben auf 180 Hektar der Spargel und auf etwa sechs Hektar die Erdbeeren ungeerntet.

Darauf ist Erntehelferin Alicja zu sehen
Alicja ist Vorarbeiterin bei der Ernte und hilft bei der Akquise der Saisonarbeiter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um die roten Früchte kümmert sich auch Alicja – und das bereits seit vielen Jahren. 2007 ist sie das erste Mal auf den Hof in Thüringen gekommen. Da war die jüngste ihrer drei Töchter gerade drei Monate alt. Für die rund vier Wochen Saisonarbeit blieb das Baby bei ihren Eltern in Przeworsk. In der kleinen Stadt am südöstlichen Rand von Polen „ist es schwer, als Frau mit Kindern eine feste Arbeit zu finden “, erklärt sie. Trotz Wirtschaftsboom - die jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts in Polen liegt seit 1992 fast immer über der deutschen. Doch es gebe auch in ihrer Heimat deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land.

"In den größeren Städten kann man eine Arbeit finden", sagt die Polin. Sie bemühe sich, auch in den restlichen Monaten des Jahres etwas in ihrer Heimat zu finden. Doch das sei schwer, obwohl sie eine Ausbildung zur Technikerin absolviert habe. So lebe sie mit ihren drei Töchtern in einer 50-Quadratmeter-Wohnung. "Das ist schon eng"“, sagt sie leicht gequält.  

Zudem ist das Lohnniveau immer noch deutlich niedriger als das deutsche. In Polen lag das Durchschnittseinkommen 2018 bei knapp über 11.000 Euro, in Deutschland ist es mehr als das Dreifache. Alicja bekommt noch weniger: In ihrer Heimat verdiene sie mit Mindestlohn nur etwa 400 Euro im Monat, in Deutschland erhalte sie das in einer Woche.

Höherer Lohn allein reicht nicht aus

Dafür arbeitet sie auch mal zwölf Stunden am Tag. "Wenn die Erdbeeren reif sind, müssen sie vom Feld", sagt Alicja in sehr gutem Deutsch. Das hat sie in der Schule und in ihrem Jahr als Au-Pair gelernt. Die Arbeit macht ihr offensichtlich Spaß. An ihren Händen sind ein paar kleine rote Flecken von der Erdbeer-Kontrolle, doch kein Schmutz. Das weiße T-Shirt strahlt. Sie erntet nicht selbst, sondern weist die 19 Polen und 30 Rumänen ein. Neben ihrem Job als Vorarbeiterin kümmert sie sich auch um die Akquise von Saisonarbeitern.

"Viele kommen seit vielen Jahren", sagt die schlanke Frau. Einige Rumänen nähmen extra ihren Jahresurlaub, wenn sie eine Anstellung in ihrer Heimat haben. Zum einen locke das Geld – und das ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. "Der Lohn hat sich fast verdoppelt", erklärt Geschäftsführer Imhofe. Es ist auch der Mindestlohn, der für mehr Attraktivität sorgt.

Mann bei der Spargelernte
Die körperlich fordernde Arbeit erledigen vor allem Rumänen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch der Chef sagt, dass er inzwischen mehr bieten müsse, um ausreichend Arbeiter zu finden. Dabei suche er schon immer weiter im Osten Europas. Früher setzte Imhofe fast nur Polen auf den Feldern ein, inzwischen ist etwa die Hälfte der Arbeiter aus Rumänien. "Auch deshalb haben wir eigene Busse für den Einkauf und einen Arztservice", sagt er. Dabei müssten die Erntehelfer keine Zuzahlungen leisten. "Die körperlich fordernde Arbeit machen die Rumänen, die leichtere Arbeit, wie etwa Spargelreinigung, machen Polen."

Es lässt sich nicht mehr alles verkaufen

Doch einige pflücken auch Erdbeeren. Dennoch sei die Feldarbeit für die Menschen eine willkommene Abwechslung. "Du musst an nichts denken, außer die rote Frucht muss vom Feld", sagt Vorarbeiterin Alicja. Das mache den Kopf frei. Zudem werde inzwischen auch weniger gepflückt als früher und es werde auch nicht nach gepflückter Menge gezahlt. Sie sagt, es liege auch daran, dass inzwischen um die Kunden gekämpft werden müsse und sich nicht mehr – wie früher – alles verkaufe.

Darauf ist Erntehelferin Alicja zu sehen
Die Arbeit ist für Alicja eine willkommene Abwechslung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So machen die Saisonarbeiter an diesem Tag auch bereits um 10 Uhr Schluss mit der Ernte, obwohl noch viele rote Beeren an den Sträuchern hängen. "Es ist zu warm", sagt Alicja. Die Frucht werde weich und ließe sich nicht mehr lagern. Jetzt werde noch etwas Unkraut gezupft und dann war es das für diesen Tag.

In diesem Moment klingelt ihr Telefon. Ihre jüngste Tochter ruft an. "Sie ist gerade aufgestanden", erklärt sie. Wenig später kommt die inzwischen Zwölfjährige von der Unterkunft aufs Feld – einen roten Gummiball unter dem Arm. "Die Kleine braucht mich gerade jeden Tag". Dafür gebe es sogar eine Absprache mit dem Direktor der Schule ihrer Tochter. Es gebe in der Heimat private Probleme – auch deshalb sei die Abwechslung so willkommen.

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 12:00 Uhr

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10 Kommentare

12.06.2019 11:57 kleinerfrontkaempfer 10

Das schaffen dann GPS gesteuerte Maschinen in der Landwirtschaft 4.0. Der Bauer läßt es per Computer regnen und schneien und Vogelstimmen imitieren. Rehbock, Feldhase und Lerche erscheinen per Computerhologramm auf dem Feld. Gülle fließt mit Lavendenduft von der Agrochemie auf die Felder und den Rasen. Jeden Abend ein Sonnenuntergang aus dem Festplattenspeicher im Büro des Hofes.
Welch schöne heile Welt kann das werden.

12.06.2019 07:59 Joachim Lissner 9

Es gibt nun bei uns so viele deutsche Hartz 4 Empfänger,die man auf den Feldern zum arbeiten heranziehen könnten .Da braucht man doch keine Saisonarbeiter aus Osteuropa zum arbeiten .Seis drum ,ich denke deshalb,das einige deutsche Arbeitslose zu faul sind bzw.keine Lust haben 12 Stunden Knochenarbeit zu leisten

12.06.2019 05:08 optinator 8

Da wir in einer Solidargemeinschaft leben, sollten Alle die davon profitieren, herangezogen werden.
Arbeit ist ja auch ein Bedürfnis, es gibt Menschen die für das Recht auf Arbeit streiken.

11.06.2019 23:22 Bernd L. 7

Ich finde, die vielen jungen GrünInnen und KlimahüpferInnen, die noch nie in ihrem Leben in einem Job tätig waren, könnten hier einspringen und ein paar Arbeitswochen absolvieren, wäre gut fürs Klima. Das haben wir früher als Studenten auch getan. Es hätte auch eine heilsame Wirkung, man würde die "normale" Arbeit von Menschen schätzen lernen.

11.06.2019 21:04 Spottdrossel 6

Selbstpflückplantagen, der Kunde pflückt seine Erdbeeren selber. Oder noch besser: Der vormalige Kunde baut seine Erdbeeren im eignen Garten an. Statt Spargel wächst im Gemüsegarten die Schwarzwurzel.

11.06.2019 20:29 heribert54 5

@1, @2
Mehr gibt es nicht zu sagen.

11.06.2019 19:55 Fragender Rentner 4

Das waren noch Zeiten als wir die Rüben verziehen konnten oder zum kartoffellesen gingen und bekamen auch noch Geld für diese Beschäftigung.

Nicht nur Geld, sondern auch noch Bemmen/Schnitten mit Fett usw.

11.06.2019 19:29 frank d 3

Warum nicht wie früher die Studenten? sie gefallen sich doch zur Zeit so in ihrer Hybris. Da könnten sie doch mal alle Zum rübenhacken raus damit der diesel im Stall bleiben kann. Schon damit die Studenten nicht dauernd um die Welt fliegen für den Klimaschutz. wäre es eine Win win Situation. auch die Medienschaffenden könnten sich da engagieren. Feldarbeit spart auch das solarium sowie das Fitnessstudio. Sapere aude

11.06.2019 19:00 Walter 2

Die Antwort ist doch ganz einfach!

Arbeitslose und Hartz Empfänger zum Mindestlohn! Dafür reicht jede Qualifikation.

Oder sind diese Menschen vielleicht doch zu faul?

11.06.2019 13:28 Dieter 1

Sollten da nicht die vielen jungen Männer aus Nahost etc einspringen? Sie bekommen doch sonst Geld für ihre bloße Anwesenheit.