Die B95 wird lahmgelegt Eine Chance für Espenhain

Espenhain im Süden von Leipzig hat die Chance sich neu zu erfinden. Zu DDR-Zeiten bekannt für die Umweltverschmutzung seines Braunkohlekombinats, verändern sich heute die Lebensbedingungen in der Gemeinde. Denn 2019 wurde das Teilstück der neuen Autobahn A72 fertiggestellt. Und aus den Tagebauen rund um Espenhain sind Seen und Naherholungsgebiete entstanden. Alles Faktoren, die den kleinen Ort aufwerten.

Lange teilte die B95 Espenhain
Bis heute teilt die B95 den Ort Bildrechte: Steffi Springer / MDR

Wenn sich ein Heimatort verändert – Gastwirt Peter Petters

Gastwirt Peter Petters
Gastwirt Peter Petters ist schon in Espenhain aufgewachen Bildrechte: Steffi Springer / MDR

Wer etwas über ein Dorf erfahren will, fragt am besten den Friseur, den Bäcker oder den Gastwirt des Ortes. In unserem Fall haben wir Peter Petters, den Betreiber der "Aspe" getroffen. Ein echtes Original. Der 77-jährige steht seit 30 Jahren hinter seinem Tresen mit direktem Blick auf die vierspurige Schnellstraße B95. Für ihn eine Rückkehr: 15 Jahre hat er in Leipzig gelebt und nach der Wende den Dorfgasthof übernommen. Espenhain war und ist immer seine Heimat geblieben: Aufgewachsen ist Peter Petters in der Werksiedlung des Braunkohlekombinats. Ab 1937 hatte sich Espenhain immer mehr vom Bauerndorf zum Industriestandort entwickelt – durch die Erschließung des ersten Tagebaus und der Braunkohleverarbeitung. Der Wirt macht, wie viele Espenhainer seine Lehre im Werk und gründet mit 17 den Jugendclub im Dorf.

In den Siebzigern erlebt er mit, wie die Dorfstraße zur vierspurigen Fernstraße ausgebaut wird. Als Anwohner und Wirt muss er sich mit dem zunehmenden Straßenverkehr arrangieren. Bis vor einem Jahr donnerten manchmal tausende Autos pro Tag an seiner Kneipe vorbei.  Dass viele jetzt dank neuer Autobahn um das Dorf und nicht mehr direkt durchfahren, das spürt der Gastwirt natürlich: es ist schon leiser geworden, aber es fehlen auch die Gäste. Für den Rentner im Unruhestand kein großes Problem, andere haben jahrzehntelang an der Bundesstraße gut verdient.

Die Stille hat einen Preis

Ilona Enge lebt seit vielen Jahren mit ihrem Gemüsestand von der Lauf- bzw. "Fahr"-kundschaft der B95. Im ersten halben Jahr nach Freigabe der A72 hatte sie nur halb so viel Umsatz.

Tankstellenbesitzer Jens Kutschke
Tankstellenbetreiber Jens Kutschke hofft auf eine Linksabbiegerspur Bildrechte: MDR / Steffi Springer

Ähnliche Erfahrungen machte Tankstellenbetreiber Jens Kutschke. Er hat die Tankstelle kurz vor der Autobahneröffnung übernommen – als zweites Standbein. Ans Schließen denken beide Unternehmer nicht. Anders eine ehemalige Institution im Ort: Die Fleischerei an der B95 hat seit Mai dicht gemacht – vor allem aus Altersgründen und wegen fehlender Nachfolge, aber nicht nur. Was viele ärgert: Die Straße teilt den Ort – auch ein Jahr nach der Autobahneröffnung. Seitenwechsel, Wenden – das ist nur für Ortskundige möglich. Dazu kommen zwei Autobahnabfahrten für eine 800-Einwohner-Gemeinde. Ortsvorsteher Heiko Anger weiß um das Problem. Die Bundesstraße soll zwar laut Landesamt für Straßenbau und Verkehr ab 2021 verkleinert werden: von vier bleiben dann zwei Spuren übrig plus Radweg. Aber bis dahin muss der Ort mit der B95 leben.

Der zweite Blick

Überhaupt, wer zieht in einen Ort, der auf den ersten Blick wenig idyllisch und attraktiv scheint? Und warum? Mediziner Annette Jahn ist vor knapp 30 Jahren nach Espenhain gekommen, um ihre Praxis zu eröffnen. Doch mittlerweile ist die Gemeinde Ortsteil der Nachbarstadt. Der alte Bürgermeistersitz mit Praxis und Gemeindesaal sollte verkauft werden. Schließlich greift Sohn Stephan zu. Als Familienprojekt wollen die Jahns nicht nur die Arztpraxis erhalten, sondern auch das Dorf beleben.

Die A72 in Espenhain
Die neue Autobahnabfahrt bei Espenhain Bildrechte: Steffi Springer / MDR

Wer verstehen will, was Espenhain lebenswert macht, muss hinter die Zäune blicken – vor allem im alten Dorfkern. Einige Einwohner haben sich hier ihr eigenes Reich geschaffen – abseits der Schnellstraße. Und ausgerechnet hier – wird es lauter. Denn das neue Autobahnteilstück führt nicht weit vom alten Dorfkern vorbei. Das Rauschen der Autobahn – je nach Windrichtung hörbar. Angelika Reichelt wohnt am Dorfrand und blickt übers Feld auf die A72. Wie groß die neue Lärmbelastung ist, bleibt im Dorf umstritten - die Rentnerin kann aber damit leben – auch, weil sie weiß, dass die Autobahn dem Ort neue Impulse geben kann - zum Beispiel dem Industriepark.

Weißer Sport, wo früher schwarzes Gold verarbeitet wurde

Helene Sommer auf dem Tennisplatz
Helene Sommer will ganz nach oben Bildrechte: MDR / Steffi Springer

Mit der neuesten Ansiedlung auf dem 66 Hektar großen Gewerbegebiet hatte bestimmt keiner gerechnet. Zwischen Recyclinghof und Wäscheoutlet ist in kürzester Zeit ein Tennisleistungszentrum entstanden. Aber auch traditionellere Betriebe, wie zum Beispiel ein großes Recyclingunternehmen, Dienstleister für Bergbauunternehmen und Edelmetallverarbeiter haben hier Arbeitsplätze geschaffen, wie der ehemalige Bürgermeister Jürgen Frisch betont. Der gelernte Elektromechaniker hat zugesehen wie sein Betrieb geschlossen wird, aber auch mitgestaltet, damit das Areal eine Perspektive hat. Einer seiner alten Arbeitsplätze gibt es heute noch – im Stellwerk des Pressnitztalbahnhofs Espenhain. Von hier werden Güter nach ganz Deutschland transportiert. Das Unternehmen hat seinen Ursprung in einem Dampflokverein im Erzgebirge. Als die Mitglieder eine berufliche Perspektive suchten, gründeten sie ein Eisenbahnunternehmen. Mittlerweile arbeiten dort 250 Menschen - 30 davon in Espenhain.

Espenhain verändert sich – wenn auch langsam. Vor dreißig Jahren galt der Ort noch als einer der dreckigsten der DDR – zumindest wenn der Wind den Kohledreck in die falsche Richtung wehte. Heute liegt das Dorf im Leipziger Neuseenland. Nur wenige Kilometer entfernt haben die Einwohner nun mindestens zwei Naheerholungsgebiete vor der Haustür, die selbst Touristen aus den Mittelgebirgen anziehen.

Konkurrenz am Badestrand

Hainer See
Neuseenland statt Mondlandschaft Bildrechte: MDR / Steffi Springer

Am Nordufer des Hainer Sees entsteht gerade neben dem Campingplatz eine neue Ferienhaussiedlung. Türkisblaues Wasser und weißer Sandstrand – wo einst der Braunkohleabbau Mondlandschaften hinterlassen hat. Bis vor 10 Jahren wurde der See geflutet. Er ist in Privatbesitz der Blauwasser GmbH und längst kein Geheimtipp mehr. Denn das Unternehmen will den See touristisch ausbauen und so bekommen die Espenhainer Konkurrenz vor der eigenen Haustür. Gastwirt Peter Petters lässt sich davon freilich nicht beirren. Regelmäßig fährt er zu seiner Lieblingsbadestelle und auch Autohausbesitzer Wolfgang Glaubitz profitiert vom Tourismus. Er vermietet einen Buggy und hilft mit seiner Werkstatt Liegenbleibern auf der Autobahn. Die Leipzigerin Ina Müller hat sich mit einer Kaffeebar am Strand einen Lebenstraum erfüllt.

Im Südraum von Leipzig verändert sich vieles. Espenhain liegt mittedrin und nah genug an der Großstadt, um auch für junge Familien attraktiv zu sein. Was sich wirklich mit neuer Autobahn, schmalerer Straße im Ort und den Seen ringsum verändert, das muss die Zeit zeigen. Bis die Veränderungen für alle spürbar sind, werden noch ein paar Jahre vergehen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 20. Oktober 2020 | 16:00 Uhr