Ein Schweiߟer arbeitet an einem Stahlsegment für einen Windradturm.
Die Hälfte aller ausländischen Arbeitnehmer in Sachsen sind Fachkräfte. Bildrechte: dpa

Arbeitsmarkt Über 50.000 EU-Ausländer arbeiten in Sachsen

In Deutschland zu arbeiten, ist für viele Menschen auf der Welt ein Traum. Zumindest EU-Bürger können ihn sich auch erfüllen. Vor acht Jahren hat Deutschland seinen Arbeitsmarkt geöffnet - deutlich später als die meisten anderen EU-Staaten. Insbesondere Sachsen hatte Sorge, dass Hunderttausende Einwanderer kommen und Alteingesessenen die Jobs wegnehmen. Vor der Europawahl ziehen wir Bilanz.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Ein Schweiߟer arbeitet an einem Stahlsegment für einen Windradturm.
Die Hälfte aller ausländischen Arbeitnehmer in Sachsen sind Fachkräfte. Bildrechte: dpa

Es sind mehr als 50.000 EU-Bürger, die in Sachsen eine Arbeit gefunden haben - festangestellt und sozial versichert. Einer von ihnen ist Bartosz Drobniuch. Der Pole heuerte in einem Lausitzer Möbelwerk an. Dort werden Modelle für Ikea produziert, erklärt Drobniuch in fließendem Deutsch.

Die Fahnen von Deutschland, der Europäischen Union (EU) und von Polen wehen am deutsch-polnischen Grenzübergang in Frankfurt (Oder)
Die meisten Beschäftigten in Sachsen kommen aus Polen. Bildrechte: dpa

Weil der Verdienst in Deutschland besser sei als in Polen, habe er sich für die Arbeit im Ausland entschieden. Im Möbelwerk sei er nicht der erste Ausländer gewesen. Etwa 20 Prozent der Angestellten seien Polen. Durch Zeitarbeitsfirmen und Leiharbeit machen Polen sogar 50 Prozent der Belegschaft aus. Einen so hohen Ausländeranteil haben nur wenige Firmen. Doch die Zahl der Angestellten aus anderen EU-Staaten wächst stetig. Im Jahr 2011, als der deutsche Arbeitsmarkt geöffnet wurde, arbeiteten in Sachsen 8.600 EU-Bürger. Zweieinhalb Jahre später hatte sich die Zahl verdoppelt.

Die Hälfte arbeitet als Fachkraft

Die größten Zuwächse gab es in den vergangenen beiden Jahren. Im Frühjahr 2019 dürften etwa 50.000 EU-Ausländer in Sachsen beschäfftigt worden sein. Und die Mehrheit übe keineswegs nur Hilfstätigkeiten aus, sagt Lars Fiehler von der IHK Dresden.

Die Hälfte der ausländischen Arbeitnehmer seien Fachkräfte, haben also eine abgeschlossene Berufsausbildung. Ungefähr jeder Dritte arbeite als Hilfskraft. Die restlichen 15 Prozent setzen sich aus Arbeitnehmern mit akademischen Abschluss, ein paar Meistern und Technikern zusammen, erklärt Fiehler.

In Sachsen vor allem Osteuropäer beschäftigt

Die mit Abstand größte Gruppe unter den EU-Beschäftigten in Sachsen stellen die Polen. Es folgen Tschechen, Rumänen, Ungarn und Italiener. Jedes EU-Land ist vertreten. Selbst aus Malta gibt es sieben Beschäftigte in Sachsen. Die Unternehmen betonen, jeder Einzelne werde gebraucht.

Deutsches Arbeitsrecht erschwert Arbeitsbeginn für Ausländer

Und doch sei der Start für viele kompliziert, sagt DGB-Landesvorsitzender Markus Schlimbach. Viele haben Schwierigkeiten mit der Krankenversicherung oder der Arbeitszeitabrechnung in Deutschland. Auch die Regelung im Falle einer Schwangerschaft einer Arbeitnehmerin sei vielen nicht klar.

Markus Schlimbach, Vorsitzender Deutscher Gewerkschaftsbund Sachsen.
Schlimbach ist Vorsitzender des DGB Sachsen. Bildrechte: Markus Schlimbach

Für viele ausländische Arbeitnehmer, die über die Grenze pendeln, ist das Arbeits- und Sozialrecht in Deutschland ein Buch mit sieben Siegeln.

Markus Schlimbach Deutscher Gewerkschaftsbund Sachsen

Arbeitgeber übergehen Mindestlohn

Manche Unternehmer würden diese Unerfahrenheit ausnutzen, kritisiert Schlimbach. Leona Bláhová teilt diesen Eindruck. Sie leitet die Beratungsstelle für Ausländische Beschäftigte in Sachsen. Finanziert vom Wirtschaftsministerium berät sie Ausländer in arbeitsrechtlichen Fragen.

Obwohl Arbeitnehmer einen Arbeitsvertrag nach Mindestlohn abschließen, bekommen manche deutlich weniger Gehalt ausgezahlt. Vor allem Zimmermädchen arbeiten oft mehr Stunden als im Arbeitsvertrag festgelegt, kritisiert Bláhová. Doch auch andere Beschäftigte und Leiharbeiter seien von solchen unlauteren Methoden betroffen.

In den meisten Fällen genüge ein einfacher Brief an den Arbeitgeber, sagt Bláhová. Viele würden dann einlenken. Manchmal müsse aber auch ein Rechtsanwalt helfen. Unterm Strich, sagt Bláhová, sei es wichtig, das Arbeitsrecht für alle durchzusetzen. Nur dann seien auch die Deutschen vor "Lohn-Drückerei" geschützt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Mai 2019 | 05:07 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 05:00 Uhr

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11 Kommentare

16.05.2019 15:19 Fragender Rentner 11

Wie steht es weiter Oben, dass die meisten Leiharbeiter sind oder in Zeitarbeiterfirmen arbeiten.

Oder: Arbeitgeber übergehen Mindestlohn

Da ist es kein Wunder wenn sie keine genaue Erfassung der Arbeitszeit wollen und es schlecht finden !!! :-(((

16.05.2019 11:37 Mane 10

Und wieviele Deutsch arbeiten im Ausland der EU.?

16.05.2019 11:25 Gaihadres 9

@Nr.4: Die polnische Arbeitslosenquote ist von 10% auf derzeit 3,80% gesunken. Die inhaltliche Erfassung der Statistik kenne ich aber nicht. Die Arbeitslosenquote wäre aber deutlich höher, wenn viele Polen nicht in Deutschland arbeiten würden. Aber insgesamt ist das ganze nicht ohnehin nicht auf wenige Faktoren beschränkt. Die Frage ist generell zwar nicht unberechtigt, aber die ganze Verquickung der EU ist inzwischen so weit fortgeschritten dass ein Prozess des Zusammenwachsens der Wirtschaft erkennbar ist.

16.05.2019 11:17 Gaihadres 8

@Nr.1: Es geht im gesamten Artikel allein um sozialversicherungspflichtig beschäftigte EU-Bürger in Sachsen, die aus dem Ausland stammen. Folglich bezieht sich die Fachkraftquote auch auf diese Personengruppe. @Nr.3: Ihr Lokalpatriotismus in allen Ehren, aber Ihr Beitrag zeigt mir eine Menge Unverständnis der Sachlage. Zum einen arbeiten viele Ausländer in Bereichen, für die Sie keine einheimischen Kräfte finden werden. Klassisch wäre da Erntehelfer. Es wurde oft genug versucht Deutsche für diese schwere Arbeit zu begeistern - leider Fehlanzeige. Ein großer Sektor ist der ärztliche Dienst - was glauben Sie, wie viele Ärzte Inzwischen polnische Wurzeln haben? Es gibt einfach zu wenig Ärzte. Da können Sie gern glauben, dass wir viele Stellen mit Deutschen besetzt bekämen - aber die Realität sieht oft anders aus, denn nur weil wir Arbeitslose haben, ist das kein Indikator dafür, dass diese auch die richtigen Abschlüsse zum Besetzen der Stellen haben. Oder den Anforderungen gewachsen sind.

16.05.2019 10:54 winfried zu (3)007 7

Ich habe eine vergleichbare "zuerst das Hemd und dann der Rock"-Prioritäten-Reihenfolge wie Sie.
Meine Reihenfolge: ICH ... meine Familie ... DE ... EU ... Rest der Welt.
Die derzeitige Politik handelt nach meiner Wahrnehmung umgekehrt.

16.05.2019 10:27 winfried 6

Titel >>Über 50.000 EU-Ausländer arbeiten in Sachsen<<
Foto im Artikel "Ausländische Ärzte auf dem Land oft unentbehrlich".

Ein sichtbarer Widerspruch. Für mich (k)ein kleines Propaganda-Geschmäckle.

16.05.2019 09:55 SZ Rentner 5

50000 EU-Ausländer arbeiten schön und nun wäre schön zu wissen wieviele liegen in der sozialen Hängematte es gibt immer zwei Seiten .

16.05.2019 09:35 Bernd 4

also wer in Sachsen Urlaub macht hat es wohl schon selbst erlebt ohne Personal aus Tschechien oder Polen würde es nicht funktionieren. Und klar die muessen das verdienen was der Tarif festlegt. Aber ich frage mich, bringt das nicht auf der anderen Seite der Grenze einen Mangel an arbeitskraeften. Und dann haette es eben auch etwas negatives. Waere auch so, man arbeitet in Deutschland und zahlt dort Steuern aber lebt in Tschechien wo die Orte sehen muessen wo sie das Geld fuer die Infrastruktur herbekomme.

16.05.2019 09:05 007 3

Über 50.000 EU-Ausländer arbeiten in Sachsen!

Das ist ein Zeichen völlig missratener- falscher Arbeitsmarkt u Sozialpolitik. Das schlägt durch bis in die Familien, die Kinderplanung, die Geburtenrückgänge, was den sonst. Gegenrechnung; wie viele Sachsen sind Arbeitslos? Legen wir diese Zahlen übereinander können wir sehen was in diesem Land falsch läuft. Darauf, dass hier in Sachsen 50.000 EU-Ausländer arbeiten kann niemand stolz sein, sondern sollte uns zu denken geben u wach rütteln. Also mir Patriot ist das Hemd immer noch nähre als der Rock. Zuerst kommen die Einheimischen dann die Gastarbeiter. Bei den Politikern scheinbar nicht, die haben mit uns Einheimischen fertig. Ich werde den Verdacht nicht los, in DE soll mit aller Macht der soziale Unfriede geschürt werden ...

16.05.2019 08:37 Gerd Müller 2

Das sind die sogenannten Arbeitsmigranten aus EU-Ländern, die für billiges Geld schuften.
Es kommen aber auch Sozialmigranten aus diesen Ländern, gibt es dafür auch Zahlen?
Weil die wahrscheinlich die Sozialleistungen, die Leistung der Arbeitsmigranten bei weitem übersteigt.
Warum wird immer nur positiv über Ausländer berichtet aber von uns Deutsche die Arbeitsleistung kaum gewürdigt?
Der MDR sollte in Betriebe gehen und fragen ob es Probleme gibt, Stimmungen und Meinungen wiedergegeben oder ob alles gut ist. Journalisten müssen im kleinen anfangen, um großes aufzudecken!