Faktencheck Macht ein schneller Kohleausstieg den Netzausbau überflüssig?

Umweltministerin Anja Siegesmund warnte bei MDR AKTUELL vor Übereifer beim Netzausbau: "Die Netzinfrastruktur ist bundesweit nicht an ihrer Auslastungsgrenze. Deswegen ist es eigentlich die Pflicht des Bundes, auch hier vor Ort zu erklären, warum nicht Alternativen wie beispielsweise ein beschleunigter Kohleausstieg mindestens genauso im Vordergrund stehen wie die Diskussion um den beschleunigten Netzausbau." Könnte ein schneller Kohleausstieg manche Leitung vielleicht überflüssig machen?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Thüringen ist das Land der Burgen, Berge und Stromtrassen. Das planen zumindest die großen Netzbetreiber. Nahezu jede wichtige Trasse soll das Bundesland dereinst queren. Bei Anwohnern sorgt das für Ärger. So hoffen vor allem die Grünen, dass ein schneller Kohleausstieg manche Leitung überflüssig macht.

Pläne für Kohleausstieg noch unausgereift

Die Energieökonomin Claudia Kemfert nährt diese Hoffnung: "Die Thüringer Argumentation ist durchaus nachvollziehbar. In Thüringen wurde eine große Stromtrasse schon gebaut. Die hat auch zu einer Entlastung beigetragen. Jetzt geht es auch darum, dass man einen Kohleausstieg so schnell wie möglich umsetzt. Hierfür sind bisher wenige Szenarien angefertigt worden, was ein schneller Kohleausstieg für Auswirkungen auf die Netze hätte."

Das privat finanzierte Ökoinstitut sieht das ähnlich. In einer Studie schreibt es, ein schneller Kohleausstieg sei in den Ausbauplänen fürs Stromnetz nicht berücksichtigt. Womöglich würde manche Trasse obsolet. Allerdings schreibt das Institut auch: Dafür würden andere Trassen nötig.

6.000 Kilometer Übertragungsleitungen fehlen

Für den Magdeburger Energieprofessor Martin Wolter steht fest, in Summe gebe es zu wenig Leitungen. "Wir haben in Deutschland ein sehr starkes Nord-Süd-Gefälle. Im Norden haben wir zu viel Energie und im Süden zu wenig. Wenn ich jetzt im Süden ein Kohlekraftwerk abschalte, dann verschärfe ich das Problem dadurch. Ich brauche eigentlich noch mehr Leitungen, welche den Strom aus dem Norden in den Süden bringen."

Laut Netzentwicklungsplan fehlen in Deutschland knapp 6.000 Kilometer Übertragungsleitungen. Wolter hält die Berechnungen für realistisch. Auch Stefan Mischinger von der Deutschen Energie-Agentur sagt, der Ausbau müsse viel schneller gehen. Ein Indiz dafür: Immer häufiger müssen Kraftwerke mangels Netzkapazität gedrosselt werden.

Später Netzausbau kostet viel Geld

Das kostet laut Mischinger viel Geld: "Da müssen Betreiber entschädigt werden. Damit wären wir bei Kosten für das Netzengpass-Management. Die haben sich im letzten Jahr auf 1,4 Milliarden Euro belaufen. Da kann man schon sagen, wenn der Netzausbau früher gekommen wäre, hätten wir jetzt weniger Kosten aus der Engpassvermeidung. Die Höhe der Kosten ist auch ein Indikator dafür, dass es schneller voran gehen muss."

Dass ein schneller Ausstieg aus der Kohle am Leitungsbedarf viel ändert, glaubt Mischinger nicht. Denn die Energiewende passiere auf zwei Ebenen. Einmal regional mit kleinen Anlagen vor Ort, aber eben auch überregional mit großen Windparks vor allem in Nord- und Ostdeutschland. Deren Energie müsse transportiert werden.

Deutschland braucht definitiv neue Leitungen

Professor Wolter pflichtet dem bei: "Wir werden nicht pauschal sagen können, das Netz wird durch den Ausstieg aus der Kernenergie oder der Kohle generell entlastet. Sondern wir werden eine völlig neue Belastungssituation sehen. Strecken, die jetzt hoch belastet sind, werden vielleicht weniger stark belastet. Dafür werden dann andere Strecken, die im Augenblick noch nicht so hoch belastet sind, noch stärker belastet."

Man könne manche bestehende Trasse sicher noch verstärken, sagt Wolter. Doch unterm Strich komme Deutschland um neue Leitungen nicht herum.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. August 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2018, 05:00 Uhr

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11 Kommentare

28.08.2018 23:39 Leepzscher 11

Die Frau ist Magister in Philosophie. Sie weiß also nicht, von was sie redet.
Wenn nachts kein Wind weht, erzeugen wir keinen sauberen Strom.
Falls wir aus Kernenergie und Kohle aussteigen, brauchen wir tatsächlich keine Leitungen. Wir sind dann technisch tot.
Nur für unsere Grünen Denker käme der Strom dann aus der Steckdose (Franz. Atomstrom oder polnischer Steinkohle)

28.08.2018 19:40 Eulenspiegel 10

Also ich denke was hier zu erkennen ist: Das Ganze ist eine sehr komplexe und gleichzeitig eine sehr diffizile Angelegenheit bei der man keine allgemeine Aussagen machen kann. Aber das größte Problem dabei sind die ganzen Profitmaximierern für die jeder investierte Euro ein Euro weniger Gewinn bedeutet. Genau diese Gruppe möchte an liebsten jedes Kraftwerk nach dem es abgeschrieben ist noch 100 Jahre einfach so weiter laufen lassen.

28.08.2018 17:27 O-Liner (3. V.) 9

Wenn ich schon das Wort "Faktencheck" lese...

28.08.2018 17:22 Querdenker 8

Zitat: „Ich brauche eigentlich noch mehr Leitungen, welche den Strom aus dem Norden in den Süden bringen.“

Der Osten unseres Landes bezahlt einen großen Teil der Energiewende und die Bayern bekämpfen indirekt Windenergie.

siehe „berliner zeitung Fünf Jahre Energiewende Ostdeutschland trägt die Kosten“

siehe „br Fast keine neuen Windkraftanlagen mehr in Bayern“

28.08.2018 16:36 Harry 7

Also, Freunde, die Baerbock Annalena hat es doch gesagt: das Netz ist der Speicher! Da ist es doch nur grün und logisch, das die Abschaltung von Kohlekraftwerken in NRW und Brandenburg die Fernleitungen zu den Windparks in S-H überflüssig macht. Weil, wie der Özdemir Cem gesagt hat, wir genügend Kilobyte erneuerbare Energie erzeugen.

28.08.2018 15:45 Klaus Pfister 6

Kohle und Erdoel sind von der Natur erzeugte Materialien die zur Energie/StromErzeugung unentberlich vorhanden sind!
Dasselbe ist die Kernenergie Erzeugung, alles sind Natuerliche Beststandteile!
Der allgemeine politische Wahnsinn diese Stoffe NICHT zur Stromerzeugung anzuwenden ist TOTAL IRRSINNIG!

28.08.2018 13:46 Horst 5

"Wenn ich jetzt im Süden ein Kohlekraftwerk abschalte"

Welche Kohlekraftwerke gibt es denn in Süden? Zumindest Braunkohlekraftwerke gibt es nur in der nördlichen Hälfte von Deutschland.

Übrigens bezeichnend für Deutschland, dass fast 2 Jahrzehnte nach beginn der Energiewende noch darüber diskutiert wird, wie der Strom vom Produktionsort zum Verbraucher kommt. Das ist das Ergebnis der Energiepolitik von CDU/CSU und ihren beiden Koalitionspartnern. Ein Versagen, dass besonders aus dem Einfluss von Lobbyisten resultiert.

Und wir waren mal berühmt für unsere Ingenieurskunst. Einfach nur traurig.

28.08.2018 09:48 Erna 4

Man muss sich einfach mal mit den Fakten befassen. Früher wurden Kraftwerke dort gebaut, wo der Strom gebraucht wurde. Die Hochspannungsleitungen sollten Ausfälle/Wartungen einzelner Kraftwerke ausgleichen. Jetzt werden Windräder ausgerechnet im Norden mit geringer Bevölkerungs- und Industriedichte oder massenweise im Osten hingebaut, wodurch die neuen Leitungen erst notwendig werden. Im Westen und Süden sieht es dagegen relativ mau aus und die klugen Bayern haben mit der 10h Regel den weiteren Ausbau einen intelligenten Riegel vorgeschoben. Das Abschalten von Atom- oder Kohlekraftwerken ändert an der Notwendigkeit neuer Trassen überhaupt nichts.

28.08.2018 09:32 W. Merseburger 3

Ein schneller Ausstieg aus Kernenergie und Kohleverstromung ist doch ganz einfach und kein Problem. Als reiches und finanziell sehr starkes Land kaufen wir dann den Strom aus unseren EU-Nachbarländern. Das wäre sogar gut, denn es gibt selbsternannte Fachleute, die sagen dürfen, dass der Kohlestrom die Leitungen für Windstrom gegenwärtig verstopft. In obigem Artikel stehen ja auch zwei Meiningen sich gegenüber; wir haben ein ausreichendes Stromnetz, müssen nur aus Kohlestrom aussteigen, und es fehlen 6000 km Stromnetz. Was soll der interessierte Laie nun glauben?

28.08.2018 08:30 Bernd L. 2

Ich habe in einem Artikel gelesen (sinngemäß): "Welches Land würde gleichzeitig aus Kohle und Atomenergie aussteigen? Jedenfalls keines mit Vernunft bzw das noch alle Tassen im Schrank hat."
Ich denke das trifft es. Ob Deutschland dazu gehört- da bin ich mit momentan nicht sicher.