In der Produktionsstätte der August Storck KG in Ohrdruf bei Gotha kontrolliert eine Mitarbeiterin 2009 die Qualität von Waffeln.
Am Band im Storck-Werk ist Naschen erlaubt. Bildrechte: dpa

Storck in Ohrdruf Wie Firmen auf dem Land Fachkräfte gewinnen

Deutschlands Städte boomen. Leipzig, Dresden oder Erfurt wachsen. Doch auf dem Land geht die Bevölkerung immer weiter zurück. Für die Unternehmen in Kleinstädten wird das zum Problem, denn sie finden keine Mitarbeiter mehr. Im thüringischen Ohrdruf sitzt ein Süßwarenhersteller, der trotzdem wachsen will. Er beschäftigt fast so viele Mitarbeiter wie Opel in Eisenach und stellt jetzt sogar noch einmal ein.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

In der Produktionsstätte der August Storck KG in Ohrdruf bei Gotha kontrolliert eine Mitarbeiterin 2009 die Qualität von Waffeln.
Am Band im Storck-Werk ist Naschen erlaubt. Bildrechte: dpa

Der Wetterdienst meldet 30 Grad, bei Enrico Sachse beginnt derweil das Weihnachtsgeschäft. Der Personalchef der Storck Süßwarenfabrik in Ohrdruf läuft durch eine klimatisierte Halle.

Faire Löhne, Naschen erlaubt

Die 1.700 Mitarbeiter produzieren hier Knoppers und Merci-Schokolade. "Die Mitarbeiter, die hier an der Anlage stehen, könnten sich theoretisch den ganzen Tag vom Band bedienen und nach Lust und Laune Knoppers essen", erklärt Sachse.

Naschen, so viel man mag – Das ist ein Lockmittel, mit dem Storck weitere 100 Angestellte sucht. Das entscheidende seien aber die Löhne, sagt Sachse.

Enrico Sachse, Personalchef von Storck in Ohrdruf
Enrico Sachse Bildrechte: Ralf Geißler

Wir bezahlen zu 100 Prozent nach Tarif im Flächentarifvertrag der Süßwarenindustrie für Ostdeutschland. An der Stelle sind wir auch vergleichbar mit unseren Werken in Berlin und Halle in Westfalen.

Enrico Sachse Personalchef von Storck Ohrdruf

Außerdem stehe dem Personal ein Physiotherapeut fünf Tage in der Woche zur Verfügung. Dazu habe man präventiv für alle Mitarbeiter ein "Rückenmobil", ein mobiles Fitness-Center nur für den Rücken.

Gewerbegebiet soll Wachstum für Ohrdruf bringen

Gelände der Storck AG im Gewerbegebiet Ohrdruf
Das Gelände der Storck AG in Ohrdruf. Bildrechte: imago/Bild13

Man muss etwas bieten, um gute Leute hierher zu locken, vierzig Kilometer südwestlich von Erfurt. In der Vergangenheit ist Ohrdruf geschrumpft. Die Bevölkerung wurde immer älter. So wie Storck wirbt auch Ohrdrufs Bürgermeister Stefan Schambach um Zuzügler. Zum Beispiel mit freien Kitaplätzen.

Einer seiner Vorgänger baute Anfang der neunziger Jahre das Gewerbegebiet am Stadtrand auf. Dort sitzt nicht nur Storck. Brandt bäckt Zwiebäcke und Hermes betreibt ein Versandzentrum. Die Firmen wachsen.

Bürgermeister Schambach hofft auf Trendwende

Ohrdruf, Rathaus auf dem Markt
Im Rathaus in Ohrdruf hofft man auf Wachstum. Bildrechte: imago/Karina Hessland

Aus dem Wachstum schöpft Stefan Schambach Hoffnung. "Wenn man sich dem Trend des Schrumpfens widersetzen kann, ist das schon der erste Schritt." Schambachs Ziel ist den Trend umzukehren. Wenn das Gewerbegebiet weiter wachse und die Stadt als Standort interessant bleibe, sei das Ziel auch realistisch.

Manche Wirtschaftsforscher halten das für ausgeschlossen. Der ländliche Raum gilt als siechende Gegend. Der Demografie-Bericht der Bertelsmann-Stiftung sagt für Ohrdruf weiteren Bevölkerungsverlust voraus. Minus zwölf Prozent bis 2030.

Junge Generation könnte Land attraktiv finden

Doch Totgesagte leben länger. So sieht es Sibylle Stippler vom arbeitgebernahen Institut der Wirtschaft in Köln. Sie sagt, man dürfe die Generation, die jetzt auf den Arbeitsmarkt stößt, nicht unterschätzen.

Die Generationen, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen, vertreten auch andere Werte. Nachhaltigkeit, ökologische Aspekte und ein Faible fürs Land spielen mitunter eine Rolle.

Sibylle Stippler Institut der Wirtschaft Köln

Stippler meint, junge Familien merken inzwischen, dass das Leben in den Städten immer teurer wird. Wenn man diese Zielgruppe anspricht, könne man punkten.

Personalsuche auch in Großstädten

Deswegen empfiehlt Stippler den Firmen auf dem Land auch in Städten nach Personal zu suchen. Auch Storck sucht bundesweit. Die meisten Angestellten kommen aber noch aus dem näheren Umfeld. Das dürfte auch am Mitarbeiter-Anwerbe-Programm liegen. Jeder Angestellte, der einen Bekannten in die Firma holt, erhält eine Prämie von 500 Euro.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Juni 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019, 05:00 Uhr

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