Fleischindustrie vor Umbruch Vom Ferkel zum Nackensteak: Die Spur des Fleisches in Mitteldeutschland

Schlachthöfe gelten inzwischen bundesweit als Brutstätten für das Coronavirus. Die Kritik an den Arbeitsbedingungen wächst – und damit der Druck auf Politik und Wirtschaft, endlich zu handeln. Für Fleischindustrie und Viehwirtschaft könnte das große Auswirkungen haben, auch im Osten.

Gedrängt stehen Schweine am Futtertrog im Stall eines Mastbetriebes.
Im Gegensatz zu Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es in MItteldeutschland eher wenige Viehwirte – dafür aber mit mehr Schweinen pro Betriebe. Bildrechte: dpa

Die Corona-Ausbrüche in den Schlachthöfen in Deutschland haben ein Schlaglicht auf die Fleischindustrie geworfen. Diskutiert wird über die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, Zerlegebetrieben und Standorten zur Weiterverarbeitung. "Die ganze Schlachtbranche hat ein Problem", sagte Alfons Balmann dem MDR. Er ist Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle und Leiter der dortigen Abteilung für Strukturwandel.

Schon seit Jahren stehe die Branche in der Kritik, sagt Balmann. Dennoch hätten die Akteure es versäumt, die Branche zu reformieren und die prekären Arbeitsverhältnisse mit den Werkverträgen zu beenden. Balmann erwartet, dass sich Fleischindustrie und Viehwirtschaft nun zwangsläufig verändern werden. Jahrelang habe man in Deutschland über Billiglöhne zu Dumpingspreisen schlachten und sich so einen internationalen Wettbewerbsvorteil sichern können. Das werde nun nicht mehr möglich sein. Er hält es für möglich, dass sich dadurch die Produktionskosten für Schweinefleisch in Deutschland um etwa fünf Prozent erhöhen.

Was sich auf den ersten Blick nach wenig anhört, könnte laut Balmann Auswirkungen auf den ganzen Wirtschaftszweig haben. "Irgendjemand muss dafür zahlen", sagt er. Entweder werde das Fleisch teurer oder die Einbußen würden an die Landwirte weitergegeben.

Osten: wenige Betriebe, viele Schweine

Kommen auf Fleischindustrie und Viehzüchter also Veränderungen zu? Es wäre zumindest nicht der erste Transformationsprozess. "Die Agrarstruktur hat sich schon nach der Wende dramatisch verändert", sagt Balmann. Die Schweinebestände seien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nach dem Ende der DDR um rund 60 Prozent zurückgegangen.

"Wir haben eine ganz andere Struktur hier als im Westen", sagt dazu Eberhard von Borell dem MDR. Von Borell forscht an der Universität Halle-Wittenberg zu Tierhaltung und Nutztierökologie. Es gebe im Osten zwar weniger Betriebe – dafür aber mit jeweils mehr Schweinen. Laut dem Thünen-Institut in Braunschweig kamen in den alten Bundesländern im Jahr 2019 durchschnittlich 591 Schweine auf einen Viehhalter. In den neuen Bundesländern waren es hingegen 2.015 Schweine pro Betrieb, also fast viermal so viele.

Nach der Wende wurden viele der LPGs als Agrargenossenschaften oder GmbHs weitergeführt. Auch viele Niederländer kamen, sagt Alfons Balmann. Ein Beispiel sei Adrianus Straathof. Gegen den Holländer war 2015 ein bundesweites Tierhaltungsverbot ausgesprochen worden. Zuvor hatte es Berichte über katastrophale Haltungsbedingungen in dessen Ställen unter anderem im sachsen-anhaltischen Gladau gegeben.

Billiges Fleisch, Druck auf Viehzüchter

Insgesamt gibt es bundesweit einen Trend zu weniger Betrieben mit mehr Schweinen. Von 2010 bis 2019 sank die Zahl der Schweinhalter bundesweit um ein Drittel, wie aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Der Osten ist bei der Viehhaltung aber eher Peripherie, die Zentren der Schweinemast liegen vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – also dort, wo zahlreiche Coronainfektionen im Hauptwerk von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück die Diskussion um prekäre Bedingungen in der Fleischindustrie erst in Gang brachten.

Bei der Schweinezucht lag Sachsen-Anhalt im Mai 2020 laut Statistischem Bundesamt mit rund 1.120.000 gehaltenen Tieren klar vor Sachsen (rund 640.000 Tiere) und Thüringen (etwa 665.000 Tiere). Dennoch: Alleine in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden zusammen fast 60 Prozent der rund 26 Millionen Schweine in der Bundesrepublik gehalten.

Doch nicht nur die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen und Zerlegebetrieben sondern auch die Haltungsbedingungen in den Ställen stehen seit Jahren in der Kritik. "Schweinefleisch ist noch immer sehr billig, der Druck auf die Viehbetriebe enorm", sagt Eberhard von Borell. Bei einem Preis von ungefähr 1,50 Euro pro Kilo Fleisch für die Betriebe sei es sehr schwierig, rentabel zu arbeiten.

Mitarbeiter eines Schlachthofs zerlegen Schweine
In den Schlachthöfen und Zerlegebetrieben werden viele Mitarbeiter nur über Werkverträge beschäftigt. Bildrechte: dpa

Um das System zu ändern, nutze kein teures Fleisch, stattdessen fordert von Borell klare Rahmenbedingungen und höhere Mindeststandards wie tierfreundliche Stallungen. "Ich erhoffe mir, dass die Politik ein Zeichen setzt und die Standards anhebt", sagt von Borell. Denn teureres Fleisch würde nicht unbedingt für bessere Bedingungen in den Ställen sorgen, stattdessen könnte das Geld auch an anderer Stelle in der Wertschöpfungskette hängen bleiben. Andersherum würden höhere Standards zwar das Fleisch verteuern, aber eben auch für bessere Bedingungen für die Tiere sorgen.

Seit Jahren werde darüber debattiert, es passiere aber nichts. "Die Folge ist, dass kaum noch jemand investiert und die Stallanlagen immer älter werden", sagt von Borell. Im Osten seien viele Anlagen noch aus DDR-Zeiten und würden unter Bestandsschutz stehen. Sonst würden diese heute teilweise keine Genehmigung mehr bekommen. Neben strikteren Rahmenbedingungen fordert von Borell daher auch ein eine verstärkte Investitionsförderung für Betriebe mit erhöhten Tier- und Umweltschutzstandards.

Deutschland ist Schweinehalterland

Insgesamt wird in Deutschland immer noch weitaus mehr Schweine-, als etwa Rinder- oder Geflügelfleisch produziert, laut Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung weit mehr als die Hälfte. Im vergangenen Jahr wurden in der Bundesrepublik rund 55 Millionen Schweine geschlachtet, davon wurden fast 52 Millionen in Deutschland gehalten.

Auch dort zeigt sich ein Konzentrationsprozess. Während etwa in Sachsen kaum noch in größeren Mengen geschlachtet wird, nahm die Zahl in Sachsen-Anhalt kontinuierlich zu, wie aus Zahlen des Landesamtes für Statistik hervorgeht: Waren es dort im Jahr 2007 noch fast 2,9 Millionen geschlachtete Schweine, lag die Zahl 2019 schon bei gut 4,6 Millionen. Der allergrößte Teil davon (rund 4,5 Millionen) entfiel auf den Burgenlandkreis, in dem die Tönnies-Schlachterei liegt. Deutlich wird damit auch: Die Große Mehrheit der geschlachteten Schweine wurde aus anderen Bundesländern oder Staaten nach Sachsen-Anhalt gebracht. Für genaue Zahlen war Tönnies nicht zu erreichen.

LKW stehen auf dem Gelände des Fleischkonzerns Tönnies in Weißenfels.
Der Tönnies-Schlachthof in Weißenfels. Im Jahr 2019 wurde hier rund 4,5 Millionen Schweine geschlachtet. Bildrechte: dpa/MDR

Zahlen des Thünen-Instituts zeigen zudem, wie sich das Verhältnis von Schlachtmengen und Schweinefleisch in den vergangenen 20 Jahren verändert hat: Während der Verbrauch sank, stieg die Schlachtmenge an. Insgesamt nahm der Export von Fleisch – insbesondere von Schweinefleisch – aus Deutschland in den vergangenen 20 Jahren massiv zu, auch wenn es zuletzt wieder einen leichten Rückgang gab.

Für Professor von Borell nicht unbedingt ein Makel, schließlich würden etwa in China, einem der Hauptabnehmer von Schweinefleisch aus Deutschland, andere Teile des Tieres gegessen als in Deutschland. So würde das komplette Tier verwertet.

Insgesamt lag der sogenannte Selbstversorgungsgrad in Deutschland bei Fleisch im vergangenen Jahr bei 114 Prozent, bei Schweinefleisch etwas höher. Der Selbstversorgungsgrad zeigt das Verhältnis von Verbrauch und Produktion. Würde er bei 100 Prozent liegen, würde also genau so viel Fleisch in Deutschland erzeugt werden, wie hierzulande auch gegessen wird. Liegt er höher, gibt es mehr Fleisch, als tatsächlich gegessen wird.

In Deutschland wird also wesentlich mehr Fleisch produziert, als verbraucht wird – der Überschuss wird hauptsächlich ins Ausland exportiert. Anders ist es in Mitteldeutschland: Dort wird laut Alfons Balmann etwa so viel Fleisch produziert, wie auch verbraucht wird.

Branche vor Umbruch

Doch wie geht es nun weiter? Balmann erwartet, dass Schweinehalter in Deutschland vermehrt aufgeben und Arbeitsplätze verloren gehen. Die Schweinehaltung werde sich verstärkt nach Osteuropa verlagern. Große Probleme sieht er für die ländlichen Regionen aber nicht. Ohnehin kämen auf Grund des demographischen Wandels schon heute viele der Arbeitskräfte in Tierhaltung und Schlachtung aus Osteuropa.

Eberhard von Borell beobachtet zudem, dass die Landwirtschaftsbetriebe schon jetzt oft keine Arbeitskräfte aus der Region bekommen. Deshalb müsse die Arbeit attraktiver werden. Eine Möglichkeit sei auch eine stärkere Vermarktung von regionalem Fleisch. Bisher sei es immer um Effizienz gegangen, die Leidtragenden seien Arbeitskräfte und Tiere gewesen, das müsse sich in jedem Fall ändern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. Juni 2020 | 10:00 Uhr

3 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 21 Wochen

Mal so am Rande:
Nackensteaks sind die am belastesten Regionen beim Schwein. Da kommen meist Spritzen und Injektionen rein. Ist eine relativ schmerzarme Region beim Tier und von dort verteilt sich das Zeug gut und gleichmäßig. Deswegen billiges (minderwertiges) Fleisch und gesucht im Kühlregal. Mahlzeit!

Kritiker vor 21 Wochen

+...Schlachthöfe gelten inzwischen bundesweit als Brutstätten für das Coronavirus....+
WIESO??? Brutstätte ist nach wie vor unbekannt irgendwo in China gewesen und das kann man nicht mal so locker auf die Fleischwirtschaft hier in Europa oder hier in D "ummünzen"!
Verbreitungsrelevant,wäre da zutreffender als Beispiel.Nur damit wird die Politik bei der Wirtschaft kaum auf Gegenliebe stoßen,wenn da bessere Lebens,- und Arbeitsbedingungen eingefordert werden.Eher wird sich die Wirtschaft,wie immer schon,auf Umgehungsmöglichkeiten besinnen UND FINDEN! Bleibt letztendlich ggf. höhere Preise für bessere Arbeits.- & Lebensbedingungen der Mitarbeiter an den Endkunden weiter zu geben, was bedeutet: Weniger Einkauf von Seiten der Endkunden, höhere Preise wegen weniger Absatz und letztendlich Abbau von Arbeitsplätzen wegen der ach so tollen Wettbewerbswirtschaft in diesem Land D im Vergleich zu Europa & der ganzen Welt! Wie ist doch da ein Sprichwort: Die Katze beißt sich in den eigenen...naja!

Bernd_wb vor 21 Wochen

das einzige was helfen kann waeren klare Standards zu formulieren, und diese umzusetzen. Klar wenn es dan Mitbewerber gibt die solche Standards im Ausland nicht einzuhalten brauchen wird es kompliziert. Heisst es braucht europaweiote Standards. Alles andere hilft den Tieren wenig. Klar man kann selbst entscheiden Bio Fleisch zu kaufen. Aber kaeme die "Tierwohlabgabe'und diese auch noch mal bei BioFleisch wuerden hier die Kaeufer 2mal zahlen und sich eventuell das Bio Fleisch nicht mehr leisten koennen.