Streikende von Amazon
Streikende von Amazon in Leipzig. Bildrechte: MDR/Gesine Schöps

Kein Tarifvertrag Fünf Jahre Streik für Tariflohn bei Amazon in Leipzig

Alle paar Monate wird bei Amazon in Leipzig gestreikt. Mal stehen ein paar Dutzend Mitarbeiter vor der großen Lagerhalle, mal sind es reichlich 200. Der erste Streik bei Amazon ist diese Woche fünf Jahre her. Und so alt ist auch folgende Forderung der Streikenden bei Amazon: ein Tarifvertrag. Seit Mittwochnacht wird bei Amazon wieder gestreikt. Denn einen Tarifvertrag haben die Beschäftigten immer noch nicht. Bringt das Streiken überhaupt noch etwas?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Streikende von Amazon
Streikende von Amazon in Leipzig. Bildrechte: MDR/Gesine Schöps

Streiks in mehreren europäischen Ländern

Thomas Schneider will nicht aufgeben. Der Gewerkschaftssekretär hat früher einen Lebensmittelladen geleitet. Er weiß, dass die Arbeitsbedingungen im Handel hart sind.

Umso wichtiger ist es ihm, dass der größte Versandhändler Tariflohn zahlt. Und so organisiert Schneider schon fünf Jahre lang die Streiks bei Amazon Leipzig: "Natürlich wirkt das manchmal so wie ein Igel-und-Hase-Lauf. So ist es aber nicht. Wir erleben, dass der Kampf bei Amazon ja nicht nur allein eine Sache von Leipzig oder Bad Hersfeld ist. Sondern es ist auch ein Kampf, der mittlerweile europäisch und global geführt wird. Die polnischen Kollegen organisieren sich, in Italien wird gestreikt, in Frankreich wird gestreikt."

Gratis Tee statt Tarifvertrag

Man habe Amazon bereits verändert, betont Schneider. In Leipzig gibt es jetzt ein kleines Weihnachtsgeld, eine ordentliche Klimaanlage und neue Pausenräume mit gratis Tee. Doch die Hauptforderung, einen Tarifvertrag, verweigert das Unternehmen hartnäckig.

Amazon betont, die vielen, kleinen Streiks täten gar nicht weh – auch, weil sich stets nur eine Minderheit daran beteilige. Schlecht für das Image sind sie aber wohl doch. Nach fünf Jahren Streik stecken beide Seiten in einer Pattsituation. Das bestreitet auch Amazon-Sprecher Stephan Eichenseher nicht. Er könne an der Stelle schlecht sagen, wo der Impuls herkommen müsste, um diese Pattsituation aufzulösen.

Ich glaube aber, das große Problem ist, dass der Handelstarifvertrag vollkommen veraltet ist. Da wird noch vom Flakhelfer gesprochen und von der Kaltmamsell. Und das ist natürlich nicht der Rahmen, in dem sich die modernen Arbeitsplätze im Online-Handel tatsächlich abbilden lassen.

Stephan Eichenseher Amazon-Sprecher

Streiken für einen Cent mehr pro Stunde

Eichenseher findet, Amazon bezahle längst gut. Ein Angestellter in Leipzig verdient pro Stunde 12,22 Euro. Ein Angestellter im Einzelhandel mit ähnlichen Aufgaben bekommt nur einen Cent mehr.

Lohnt es sich wirklich, für diesen Cent zu streiken? Unbedingt, findet Heiner Dribbusch von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Denn es gehe um etwas Grundsätzliches: "Es ist ja überhaupt nicht einzusehen, warum die Konkurrenz, zum Beispiel der Otto-Konzern, selbstverständlich tarifgebunden ist, aber Amazon einfach für sich entscheidet: Nein, wir wollen das nicht. Also ich denke, bei Amazon muss man eines sehen: Der Hintergrund ist in meinen Augen ein rein ideologischer. Im Grunde genommen: Was der Amazon-Konzern hier fährt, ist eine prinzipielle Gewerkschaftsfeindlichkeit, die auch aus anderen Ländern berichtet wird."

Dribbusch sagt, man könne einen Tarifvertrag an die Bedürfnisse eines Unternehmens anpassen. Verdi solle nicht aufgeben. Einen kleinen Sieg hat die Gewerkschaft vorige Woche errungen. Da waren in Leipzig Betriebsratswahlen. Viele Betriebsräte sahen die Streiks bislang mit Skepsis. Jetzt sitzen in dem Gremium überwiegend Verdi-Mitglieder.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Mai 2018 | 06:38 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2018, 09:06 Uhr

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3 Kommentare

16.05.2018 16:17 OHNEWORTE 3

In einem Land,wo grossse Weltpolitik gemacht wird , da kann man doch nicht erwarten,dass die Chefin sich mit Amazon anlegt ....... ,vielleicht bekommt sie dort einen Aufsichtsratsposten ????? Sigi der EX-Aussendienstler hat sich nun auch bei Siemens eingefunden ....... Das klappt wie eine Vermittlung vom Arbeitsamt .....

16.05.2018 13:44 Hans Wurst 2

"Dribbusch sagt, einen kleinen Sieg hat die Gewerkschaft vorige Woche errungen. Da waren in Leipzig Betriebsratswahlen. Bislang hat der Betriebsrat die Streiks nicht unterstützt. Jetzt sitzen dort überwiegend Verdi-Mitglieder."
Der Betriebsrat bestand (trotz vorheriger Falschmeldung) vorher schon überwiegend aus Verdi-Mitgliedern, aber nicht alle Mitglieder unterstützen alle Ziele und Vorgaben, die aus dem Gewerkschaftshaus in der Karl-Liebknecht-Straße kommen und waren auch zu Zeiten eines Streikes für die Belegschaft da, die sie gewählt hatten. Ein Betriebsrat soll neutral sein und die Interessen der Arbeitnehmer und die die Interessen des Betriebes im Auge behalten. Es soll ja Betriebe geben, die von Gewerkschaften kaputtgestreikt wurden, so dass dann mit Lohnverzicht und Nullrunden wie bei Otto versucht wird, die vorher gefährdeten Stellen zu erhalten. Manchmal ist ein wenig Augenmaß recht sinnvoll und blinder Aktionismus einfach nur dumm.

16.05.2018 10:27 Fragender Rentner 1

So ein US-Konzern darf sich halt in Europa vieles erlauben. :-(

Und wer hat dies wohl zugelassen? :-(((