Ersatz für Kohlestrom Leuna erweitert für 145 Millionen Euro seine Gaskraftwerke

In spätestens 18 Jahren soll in Deutschland aus Gründen des Klimaschutzes das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen. Milliarden Tonnen an CO2 können durch den Kohleausstieg eingespart werden. Doch was dem Klima hilft, stellt die Energiewirtschaft vor ein Problem: Wo soll künftig der Strom herkommen, wenn weder Wind weht, noch die Sonne scheint? Die Antwort: aus Gaskraftwerken. Weil deren Bestand nicht ausreicht, wird nun auch in Mitteldeutschland neu gebaut.

In Leuna bei Leipzig sitzen nicht nur Unternehmen der Chemie-Industrie. Auch Gaskraftwerke stehen dort und beliefern die Region mit Strom. Mit dem Kohleausstieg verändert sich deren Bedeutung.
In Leuna bei Leipzig sitzen nicht nur Unternehmen der Chemie-Industrie. Auch Gaskraftwerke stehen dort und beliefern die Region mit Strom. Mit dem Kohleausstieg verändert sich deren Bedeutung. Bildrechte: imago images/Olaf Döring

Aus Leuna kommt Chemie. Das weiß jeder. Doch Leuna beliefert Mitteldeutschland auch mit Strom. Denn im Chemiepark stehen zwei Gaskraftwerke, die sowohl Unternehmen als auch Haushalte versorgen. Eines der Kraftwerke will die Betreibergesellschaft des Chemieparks, Infraleuna, ab April deutlich erweitern. Sie baut einen neuen Kraftwerksblock für 145 Millionen Euro.

Geschäftsführer Christoph Günther begründet den Neubau damit, dass er am Standort wachsenden Energiebedarf sehe, sowohl bei Bestands- als auch bei Neukunden. Auch gebe es am Strommarkt Bedarf an zusätzlicher Kapazität. "Das hängt damit zusammen, dass sehr viele Kraftwerke in den letzten Jahren stillgelegt wurden. Und weitere Kraftwerke zur Stilllegung anstehen."

Drei Braunkohle-Kraftwerke in der Region gehen vom Netz

Mit dem Kohleausstieg gehen in Mitteldeutschland die Kraftwerke Boxberg, Schkopau und Lippendorf vom Netz. Danach soll Strom möglichst aus erneuerbaren Energien kommen. Doch wenn diese nicht liefern, müssten Gaskraftwerke einspringen, sagt Kerstin Andrae, Hauptgeschäftsführerin im Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Die Erneuerbaren Energien übernehmen Schritt für Schritt die Energieversorgung in Deutschland.

Kerstin Andrae Hauptgeschäftsführerin Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft

Dabei gebe es aber eine schwankende Stromproduktion. Deswegen brauche es zur Absicherung hochflexible Kraftwerke. "Hochflexibel heißt: Die können schnell angeschaltet und schnell herunter gefahren werden. Das leisten moderne Gaskraftwerke." Sie seien zudem klimaverträglicher als Kohlekraftwerke, wenn auch nicht klimaneutral.

Laut Andrae gibt es allerdings ein Problem. Für den Kohleausstieg gebe es einen Plan, für den Zubau von Gaskraftwerken nicht. Damit am Ende ausreichend Strom zur Verfügung steht, fordert die Verbandsvertreterin einen staatlichen Bonus für den Bau der Gaskraftwerke: "Wir haben ein Zeitproblem, wir müssen schnell umbauen."

Um das zu tun, müsse es Anreize für die Unternehmen geben, fordert Andrae. "Es geht nicht darum, dass wir Mittel dafür wollen, damit die Unternehmen die Taschen voll haben. Sondern Investitionen in hocheffiziente Gaskraftwerke sind Investitionen in das Gelingen der Energiewende."

Tatsächlich könnte es bald einen entsprechenden Bonus geben. Laut dem Entwurf des Kohleausstiegsgesetzes sollen ihn Betreiber von Kohlekraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung erhalten, die auf Gas umrüsten.

Gaskraftwerke: etwa 20 Prozent Zuwachs nötig

Zwei Mitarbeiter der EnBW schauen einen Gaskessel im Neubau des Gaskraftwerkes Gaisburg der EnBW an.
Mitarbeiter begutachten einen Gaskessel eines Kraftwerksneubaus im baden-würrtembergischen Gaisburg (Archivbild) Bildrechte: dpa

Doch wie viele zusätzliche Gaskraftwerke benötigt Deutschland durch den Kohleausstieg? Die Denkfabrik Agora Energiewende habe nachgerechnet, sagt deren Sprecher Christoph Podewils. "Wir haben aktuell in Deutschland knapp 30 Gigawatt an Gaskraftwerken. Und bis 2030, wenn die Hälfte des Kohleausstiegs und auch der Atomausstieg Geschichte sein werden, dann brauchen wir noch mal sechs Gigawatt mehr – also 20 Prozent noch mal obendrauf."

Ein Gigawatt, veranschaulicht Podewils, entspreche etwa der Leistung eines sehr großen Kraftwerks. Den Bedarf könne man aber nicht in sechs große Gaskraftwerke übersetzen, "da würde man dann viele kleinere Anlagen vorziehen."

Der Kraftwerksblock in Leuna bekommt eine mittlere Größe. Er soll am Ende 120 Megawatt Leistung haben. Das würde reichen, um 300.000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Den größeren Teil werden allerdings die Chemiebetriebe in Leuna abnehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. März 2020 | 05:00 Uhr

1 Kommentar

Altmeister 50 vor 9 Wochen

Im mdr- Artikel "Gas könnte bei Energiewende helfen", v. 6. Mai 2019 wurde zu Gaskraftwerken ausgeführt:
" Das sind dann aber nicht mehr diese klassischen Groß-Kraftwerke, wie wir sie früher kannten, sondern eher kleine Motoren überall übers Land verteilt, die dann eher wenige hundert Stunden im Jahr laufen und nicht mehr rund um die Uhr."
Patrick Graichen, Denkfabrik Agora Energiewende.

Ein Jahr hat aber 8736 Std.
Das ist für mich der Supergau für jede Investition, weshalb z. Zt. etliche Gaskraftwerke stillgelegt oder nicht gebaut werden.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Arbeiten die Angestellten der Kraftwerke im wesentlichen im Biogarten des Werksgeländes und werden bei Flaute mittels Alarm an die Schaltstellen gerufen ? Oder spielen die die meiste Zeit Halma und Mau Mau ?