Halle Neustadt - ehemalige Gaststätte Gastronom.
Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Gasthofsterben Neue Chancen fürs Gastgewerbe in Mitteldeutschland

Das Wochenende verspricht bestes Wetter für einen Osterspaziergang. Da will man auch mal irgendwo einkehren. Das allerdings wird immer schwieriger. Nirgendwo sonst in Deutschland haben so viele Gaststätten zugemacht wie in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Binnen zehn Jahren schloss nach MDR-Recherchen mehr als jeder fünfte Betrieb. Trotzdem gibt es gelegentlich auch mal einen neuen Gasthof. Was machen diese anders? Und können ihre Konzepte auch Traditionshäusern helfen?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Halle Neustadt - ehemalige Gaststätte Gastronom.
Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Sebastian Sieber öffnet die Tür zum Waldschlösschen. Ein herrschaftliches Haus bei Nebra. Unter dem Spitzdach brüten Fledermäuse. Im Restaurant erinnern Gemälde an die Zeit, als im Haus der Kalibergbau verwaltet wurde. Als 2015 im ganzen Land Gasthöfe eingingen, fing Sieber an, ein Hotel daraus zu machen.

Das Gebäude sei gut als Hotel geeignet, weil es "von vornherein eine gewisse Ausstrahlung" gehabt habe, erzählt Sieber. Im Zusammenspiel mit dem anliegenden Naturpark, der Arche Nebra, der Unstrut und ihrem Radwanderweg sowie dem wachsenden Wassertourismus sei das für ihn eine gute Entscheidung gewesen.

Individualität als Trumpf

Siebers Konzept: Individuelle Gästezimmer und regionale Küche. Bei ihm gibt es Wildschwein mit Hagebuttensauce oder Zander mit Blutwurst. Das kostet allerdings auch etwas. Trotzdem sei es laut Jens Löbel von der Gewerkschaft "Nahrung Genuss Gaststätten" die richtige Herangehensweise gegen das Gasthofsterben.

Wenn ich etwas Gutes haben möchte, muss ich auch bereit sein, etwas tiefer in die Tasche zu greifen und höhere Preise durchsetzen.

Jens Löbel, Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten

Das müsse man auch den Gästen so mitteilen. Dann, glaubt Löbel, sei auch das Gasthaussterben in Zukunft irgendwann beendet.

Vor allem der ländliche Raum betroffen

Michael Schmidt, Präsident des Dehoga Sachsen-Anhalt, steht vor einer blauen Wand mit Logos des Verbands.
Michael Schmidt ist Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Dehoga Sachsen-Anhalt

Seit 2007 sind in Sachsen-Anhalt und Thüringen mehr als 20 Prozent aller Gaststätten eingegangen. In Sachsen machten mehr als 12 Prozent zu. Besonders oft trifft es den traditionellen Dorfkrug. Aber auch Wandergaststätten schließen. Häufig nur, weil sich kein Personal mehr findet. Wer überleben will, muss Angestellte dauerhaft binden, sagt Sachsen-Anhalts Dehoga-Präsident Michael Schmidt.

Er findet, dass "diese ständige Belastung, die es viele Jahre nach der Wende gegeben hat, dauerhaft nicht möglich ist". Auch deshalb müssten Arbeitgeber in einer Zeit, in der es sehr wenige Arbeitskräfte und Auszubildende gebe, vermehrt darauf achten, ihre vorhandenen Mitarbeiter gut zu behandeln.

Arbeitnehmersituation verbessern

Ohne klare Arbeitszeiten und gute Bezahlung seien die Leute schnell wieder weg, sagt Schmidt. Doch wer besser entlohnt, muss auch mehr einnehmen. Das schaffe nicht jeder, sagt Schmidt. Das Sterben werde weitergehen. Schmidt glaubt, dass der Wettbewerb zur Marktbereinigung noch nicht abgeschlossen sei und dass man in der klassischen Gastronomie "die nächsten fünf Jahre noch verlieren" werde.

Sebastian Sieber baut dagegen aus. Über den einnahmeschwachen Winter hat er sich mit Dinner-Shows, Familienfeiern und Catering gerettet. Der 34-Jährige steht zufrieden auf einem Gäste-Balkon.

Hinterm Haus haben wir ein kleines Tiergehege. Das ist für die ganze Familie ein guter Anreiz. Ziegen, Enten, Hühner, Gänse, Meerschweinchen – eigentlich alles da.

Sebastian Sieber, Hotelbetreiber

Fehlen nur noch die Gäste. Doch die werden kommen, sagt Sieber. Ab Karfreitag beginnen seine arbeitsreichsten Wochen des Jahres.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. April 2019 | 06:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 05:00 Uhr

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18 Kommentare

20.04.2019 10:45 frank d 18

@Mediator Ideologisch argumentieren sie Mein Herr.
Der Mindestlohn gilt im gesamten Osten in gleicher Höhe, korrekt? Also in der Boomtown Leipzig genau identisch wie im Mansfelder Land oder in den Dörfern im Harz. Wenn sie über die behaupteten Volkswirtschaftlichen Kenntnisse verfügen würden, dann sollten sie doch realisieren das in den Dörfern Wohnungsleerstand herrscht, also entweder ihr toller Mindestlohn muss in den Städten viel höher sein oder sie haben einen Fehler in ihrer These. Allerdings könnten sie einmal nachdenken wer eigentlich von ihrem Mindestlohn profitiert, bekanntlich der Lohn den die geringsten bekommen ohne Ausbildung grade nach der Probezeit. alle anderen verlangen mehr schon klar oder?
Wenn sie nun den Mindestlohn erhöhen dann müssten sie doch logisch konsequent alle Löhne anheben, ansonsten entwerten sie auf Dauer die Bildung sie "Experte". Aber lange rede kurzer Sinn es werden die Leistungen knapp. im Land der Verbalmoralapostel. Sapere aude

20.04.2019 10:34 frank d 17

@16 Ines H: Keine Frage es sind die Konsumenten welche am ende Kaufentscheidungen treffen. Allerdings fragen sie sich doch mal wie sich die von mir angesprochenen Kostenveränderungen bei den Großen auswirken und welche Wirkungen diese Änderungen bei kleinen Firmen im ländlichen Raum für Auswirkungen haben. Selbstverständlich gibt es auch unternehmerische Fehler, aber wenn unsere Bürokratieschaffenden ständig neue Regeln ersinnen wer wird stärker leiden? Wie kommt es, dass grade jetzt so viele Geschäfte aufgeben? Warum beschleunigt sich diese Entwicklung so? Wo doch all die Klimabewegten niemals mit dem Auto zum einkaufen fahren würden. Sapere aude

20.04.2019 07:27 Ines H. 16

@ frank d:

Diese kleinen Läden sind zugrunde gegangen, weil wir alle dort nicht mehr eingekauft haben. Da kannst du den Staat mal sauber raus lassen. Jeder der ein Auto hatte hat das doch am Samstag bei den Discountern vollgeladen und es nicht mehr akzeptiert, dass der kleine Laden vor Ort nur ein begrenztes Sortiment zu höheren Preisen anbietet.

Genau aus diesem Grund sind auch viele Ostmarken verschwunden. Die Verbraucher haben sich schlicht und ergreifend gegen sie entschieden. Deswegen geben Firmen auf und nicht wegen steigender Bürokratie!

Diese Prinzip gilt auch für die Kneipe um die Ecke. Wer lieber sein Bier für 80 cent allein zu Hause trinkt statt in der Kneipe für ein Vielfaches, der muss sich nicht wundern wenn die Kneipe irgendwann weg ist.

19.04.2019 20:39 Mediator an frank d(14) 15

Soll jetzt im Tante-Emma Laden nicht das Mindestlohngesetz gelten, damit der sich besser halten kann? Vielleicht drücken sie das nächste mal etwas deutlicher aus worüber sie sich eigentlich aufregen!

Irgendwelche seltsamen ideologischen Begriffe in den Raum schmeißen, unter denen sich kein Mensch etwas vorstellen kann, befördert keine Diskussion.

Welche Bürokratie halten sie denn in einem Tante-Emma Laden für entbehrlich? Werden sie doch mal konkret und outen sie sich mit ihren Ideen. Dass alles irgendwie immer noch mehr irgendwie schlimmer und irgendwie komplizierter wird, hilft ja wohl kaum in einer Diskussion.

19.04.2019 18:04 frank d 14

@13 Mediator: ja was haben nur die Kosten mit den Preisen zu tun. Wenn so ein Tante Emmaladen sagen wir mal 2 Halbtags Jobs anbietet und der Staat ständig in die Kosten eingreift. Natürlich neben dem ständigen Bürokratieaufbau der Moralschaffenden. Irgendwann, ist halt ende der Fahnenstange. Aber dann kommt sicher eine NGO mit ganz viel Steuergeld gepampert die BIOLäden mit Staatsangestellten schafft Namensvorschlag HO

19.04.2019 16:26 Mediator an frank d(12) 13

Was hat denn bitte die Lohnhöhe mit einem Tante Emma-Laden zu tun?

Wenn man einen kleinen Laden bei sich im Ort erhalten möchte, weil man sonst ohne Auto aufgeschmissen ist, dann erfordert das schlicht und ergreifend Solidarität mit diesem Laden. Ganz konkret bedeutet das, dass man dort regelmäßig einkauft, dass sich er Laden lohnt.

Nur von den Senioren, die nicht mehr zum Discounter im nächsten Oberzentrum fahren können kann so ein Laden schlicht und ergeifend nicht leben.

19.04.2019 14:52 frank d 12

Es trifft den gesamten ländlichen Raum und all dortigen Gewerbe. Reihenweise Tante Emmaläden die schließen, das alles weil die Moralbesoffenen mit Experten aber ohne jegliche Sachkenntnis Lohnhöhe und Kaufkraft nicht unterscheiden konnten. Am Schäbigsten ist das die Haltungsmedialtätigen welche das ganze bejubelten sich nicht schämen die Ergebnisse des eigenen Wahns zu bedauern. Sapere aude

19.04.2019 10:11 Bingo 11

Die Mehrwertsteuer müßte gesenkt werden, für Gaststätten .Warscheinlich gibt es hier keine Lobbyisten.

18.04.2019 18:43 frank d 10

Man kann es sich solange schön reden wie Mann will, es werden jene überleben die in der Lage sind höhere Preise an ihre Kunden weiterzugeben.
Denn alle haben zwar den großen Mund mit tollen hohen Löhnen, nur wollen halt viele die daraus resultierenden Preise nicht mehr bezahlen! Wie immer im Sozialismus werden zuerst die Leistungen knapp. All die tollmeinenden lernt schon mal Kochen. Oder gewöhnt euch an Fertig Nahrung.

18.04.2019 14:40 Mediator an Kathrin Pabst(7) 9

Jetzt ziehen sie mal nicht so dick vom Leder. Gastronomie ist ein Gewerbe wie jedes andere und da muss man nun einmal gewisse Nachweise führen. Als Unternehmer muss man eben mehr drauf haben als sein eigentliches Handwerk und das nennt sich Organisation, Verwaltung und nicht zuletzt eine effektive Abarbeitung der Bürokratie.

Der MDR betreibt übrigens nur eine Situationsanalyse und die ist völlig unabhängig davon, ob auch in anderen Staaten die Kneipendichte abnimmt oder wann ich zuletzt eine Familienfeier in einer Gaststätte abgehalten habe.

Und bei aller Liebe: Es ist nicht Aufgabe des MDR schöne Homestories über Thüringen zu bringen und den Blick vor den negativen Aspekten zu verschließen.