Nach Lockerungen Gastwirte hoffen auf Touristen-Ansturm

Hotels und Gaststätten dürfen wieder öffnen. Gleichzeitig wird vielen klar, dass der Urlaub in der Ferne womöglich ausfällt. An den Küsten und in Bayern steigt schon die Zahl der Buchungen. In Mitteldeutschland gibt es bisher aber noch keine erhöhte Nachfrage - mit einer Ausnahme.

Blick auf einen See, ganz klein ist eine Gruppe Flamingos im Wasser zu erkennen
Ist doch auch ganz schön: der Werbeliner See in der Nähe von Leipzig Bildrechte: Stadt Delitzsch/pixabay

Alles putzen, ein Hygienekonzept entwerfen und es mit den Mitarbeitern absprechen, die Speisekarte verkleinern: Britt Gorny hatte in den Tagen vor der Wiederöffnung viel zu tun. Ihr Hotel Saigerhütte in Olbernhau im Erzgebirge hat sie mit ihrem Mann Markus direkt am vergangenen Freitag wieder geöffnet. "Wir haben die beiden Häuser in den letzten Wochen brachliegen lassen. Bei uns haben nur ein paar Geschäftsreisende übernachtet. Jetzt fangen wir erst mal klein an und schauen, wo die Reise hingeht", sagt Britt Gorny. Niemand wisse derzeit, ob die Menschen schon wieder bereit sind für einen Besuch in der Gaststätte oder für einen kurzen Urlaub im Erzgebirge.

Die vergangenen Wochen waren hart für das kleine Hotel, das in aufwendig restaurierten Fachwerkhäusern aus dem 16. Jahrhundert untergebracht ist. "Wir haben aufs Jahr gerechnet etwa ein Viertel unseres Umsatzes verloren. Und neue Buchungen gibt’s noch nicht in dem Maße, wie wir uns das erhoffen", sagt Britt Gorny. "Vielleicht buchen ja viele noch kurzfristig, wenn an der Ostsee alles ausgebucht ist." Sie ärgert sich, dass sie auch jetzt noch Absagen für die nächsten Tage bekommt. Dabei empfange die Saigerhütte doch schon wieder Gäste. Einige Reiseveranstalter seien extrem vorsichtig.

Vor allem kleine Betriebe und einige Hotels noch zu

Endlich wieder Gäste am Tisch bewirten statt ihnen Essen zum Mitnehmen zu verpacken, Urlauber begrüßen statt ihnen am Telefon absagen zu müssen: Diese Chance lassen sich derzeit nur wenige Wirte und Hotelbetreiber entgehen, wie eine Umfrage des MDR bei den Hotel- und Gaststättenverbänden (Dehoga) von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und bei der Gastronomen-Initiative "Leere Stühle" zeigt. "Zehn bis 15 Prozent der Betriebe machen in Sachsen noch nicht auf. Oft sind das kleine Unternehmen und für die rechnet sich der Aufwand nicht, den sie für das Öffnen und für das Einhalten der Regeln stemmen müssen", sagt Kathleen Parma, Gründerin der Initiative "Leere Stühle".

Aber auch manche größere Hotels öffnen erst in ein paar Wochen, weil sie zunächst eine ausreichende Zahl an Zimmern sicher vermieten müssen. Bis vor wenigen Tagen stand noch nicht genau fest, wann und wie das Gastgewerbe wieder öffnen darf. Entsprechend zurückhaltend buchten die Gäste. "Wenn die Hotels jetzt direkt aufmachen, stehen nicht fünfzig Gäste vor der Tür," , sagt Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Thüringen (Dehoga). Die Hotels brauchen erst 40 oder 50 Prozent Auslastung und die Zimmer müssen sie je nach Markt und Reisefreudigkeit erstmal verkaufen."

Bisher noch kein Buchungsansturm

Die Branche weiß, dass bei einem starken Anstieg bei den Corona-Infektionen und einem zweiten Lockdown die ganze Arbeit für die Wiederöffnung vielleicht umsonst war. Abschrecken lassen will sich aber niemand. "Wir müssen positiv in die Zukunft blicken. Jetzt stehen wir mit dem Rücken zur Wand, weil die Kosten weiterlaufen und viele keine Rücklagen haben", sagt Dirk Ellinger. Entsprechend groß ist die Hoffnung, dass über Pfingsten und im Sommer viel mehr Menschen als sonst Urlaub im Thüringer Wald, im Harz, im Erzgebirge oder im Elbsandsteingebirge machen.

Hotels, Pensionen und Anbieter von Ferienwohnungen in Mitteldeutschland hoffen auf einen Touristenansturm in den nächsten Ferien. Doch anders als Gastwirte im Norden und im Süden spüren sie ihn bisher noch nicht. Zumindest gebe es Stand jetzt nicht überdurchschnittlich viele Anfragen und auch immer noch Absagen, so die befragten Verbände. "Was wir aber schon merken in Sachsen-Anhalt: Wir waren ja bisher eher Kurzurlaubs-Gebiet. So für drei, vier Nächte. Jetzt haben wir aber die ersten Anfragen, auch bei uns, wo gleich wochenweise gebucht wird", sagt Michael Schmidt. Der Präsident der Dehoga Sachsen-Anhalt betreibt selbst das "Gasthaus zur Tenne" in Naumburg.

Erhöhte Nachfrage nach Zielen in Mitteldeutschland

Rein von den Zahlen her spricht aber sehr viel für einen vergleichsweise erfolgreichen Sommer für Hotels und Ferienhaus-Anbieter - auch in Regionen weit weg von Meer, Bergen und Seen. "Man kann das nur überschlagen: Rund ein Drittel der Deutschen macht traditionell im Land Urlaub, das wären etwa 17 Millionen Urlaubsreisen. Aber was ist mit den anderen mehr als 50 Millionen Urlaubern? Das kann schon unter normalen Verhältnissen nicht aufgefangen werden und schon gar nicht, wenn Hotels wegen Abstandsregeln runterfahren müssen", sagt Dominik Rossmann, Tourismusforscher und Dozent in München und in Innsbruck.

Offenbar ziehen die Buchungszahlen außerhalb der beliebtesten Ferienregionen am Meer und in den Bergen jetzt schon leicht an, auch wenn das Gastgewerbe das bisher noch nicht registriert. Darauf deutet eine Auswertung der Suchmaschine Hometogo für den MDR an. Die Suchmaschine vergleicht 1.300 Anbieter von Ferienhäusern, Hotels und Ferienwohnungen in Deutschland. "Wir sehen in unseren Daten eine erhöhte Nachfrage nach Zielen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: Wer jetzt ein Ferienhaus oder eine Ferienwohnung für die Sommerferien sucht, der zahlt in Sachsen-Anhalt 27 Prozent, in Sachsen 23 Prozent und in Thüringen 34 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum", sagt Hometogo-Sprecher Jonas Upmann. Wer im Sommer beispielsweise in den Harz will, sollte jetzt schnell noch buchen. Für die Preiserhöhungen gibt es laut Jonas Upmann zwei Gründe: Vermieter bieten die Unterkünfte eventuell teurer an als im letzten Jahr. Wegen einer höheren Nachfrage könnten zudem günstigere Häuser oder Wohnungen schon früher gebucht sein als im letzten Jahr.

Mit Ruhe und Entschleunigung werben

Buchen wegen der Corona-Einschränkungen viel mehr Touristen als in anderen Sommern ihren Urlaub in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, ist das aus Sicht der Hotelbetreiber und Gastwirte kein Problem. Die drei Bundesländer schreiben keine so genannte "Auslastungsminimierung" vor, bei der nur eine bestimmte Zahl von Zimmern vermietet werden darf. Auch "Karenztage" zwischen der Abreise von Gästen und der Anreise der nächsten Urlauber aus Hygieneregeln sind keine Pflicht. Damit muss die Branche zumindest in diesem Punkt nicht noch weitere Umsatzverluste hinnehmen. "Was bringt es denn, ein Hotel voll auszulasten, wenn die Gäste dann nur in Schichten essen gehen können, die Sauna nicht besuchen können und dann oft auf dem Zimmer sind? Das kann schnell zu unzufriedenen Gästen führen", sagt Tourismusforscher Dominik Rossmann.

Derzeit ist auch noch völlig offen, ob Gäste in den drei Bundesländern Freibäder oder Badeseen nutzen können. Die Lage der Ferienziele abseits der Urlaubshotspots könnte aber ein Vorteil sein, sagt der Forscher: "Ich würde mit der Natur werben, mit dem guten Essen, mit Entschleunigung. Man kann zur Ruhe kommen, die Natur genießen und die Seele baumeln lassen. Das ist wichtig gerade."

Personalproblem könnte sich nach Corona nochmal verschärfen

Gastwirte und Hotelbetreiber in Mitteldeutschland gehen davon aus, dass sie auch von den Mitarbeitern her gut für den erhofften Urlauberandrang gerüstet sind. Dabei fiel vor dem Corona-Lockdown immer auch das Wort "Personalmangel", wenn es um das Gastgewerbe im Osten ging. Lange, anstrengende Arbeitstage und eine Bezahlung auf Mindestlohnniveau schreckten viele ab. Laut Bundesagentur für Arbeit waren im März in Sachsen-Anhalt und Thüringen je 900 Stellen nicht besetzt, in Sachsen fehlten 1.200 Köche und Kellner. Die Dunkelziffer war sogar noch höher, viele offene Stellen wurden nicht gemeldet. "Wenn ein Koch gesucht wurde, hat es im Schnitt zwölf Monate gedauert, bis die Stelle wieder besetzt wurde. Hochgerechnet konnten 2.000 bis 3.000 Stellen nicht besetzt werden", sagt Michael Schmidt von der Dehoga Sachsen-Anhalt. "Jetzt sehe ich eher Mitarbeiter, die auf dem Markt sind. Gute Mitarbeiter, sehr gute Köche, die entlassen wurden", sagt Kathleen Parma von "Leere Stühle".

Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der als offen gemeldeten Stellen im April richtiggehend eingebrochen. Eine Jobbörse wie etwa in der Landwirtschaft sei daher auch nicht nötig, sagen die Verbände. Doch das Personal-Problem könnte nach der Corona-Pandemie noch viel größer sein als vorher: Entlassene Mitarbeiter orientieren sich um. Auszubildende werden in der Krise nicht eingestellt, weil sie einfach zu viel kosten. "Wir erarbeiten gerade ein Konzept, mit dem die Unternehmen ihre Mitarbeiter möglichst halten können", sagt Axel Klein von der Dehoga Sachsen. Dafür sei aber Unterstützung vom Land, etwa in Form von Hilfsfonds, dringend nötig.

Britt Gorny von der Saigerhütte hat ihr Team aus 18 Mitarbeitern bisher komplett durch die Corona-Krise bringen können – mit Kurzarbeitergeld. Das heißt: Maximal 67 Prozent vom Nettolohn. Sie wisse, was für einen Einschnitt das für ihr Team bedeutet: "Unsere Mitarbeiter sind selten krank. Die wissen, was es heißt zu arbeiten. Und die werden jetzt fürs Nichtarbeiten bestraft. Aufstocken kann ich nicht, so viel Puffer hat kein ostdeutsches Unternehmen." Ihre Mitarbeiter sollen sich nach dem vorsichtigen Neustart erst einmal abwechseln. So könne jeder auch mal arbeiten und die Stunden normal abrechnen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Mai 2020 | 13:30 Uhr