Altersarmut Renten-Vorsorgelücke bei Selbstständigen

Spätestens mit 67 Jahren geht es für Angestellte in Rente. Für die Selbständigen gilt das nicht. Wann sie in Rente gehen, hängt davon ab, was sie fürs Alter zurücklegen konnten. Vor allem Kleinselbständigen fällt es oft schwer, ausreichend anzusparen. MDR-Aktuell-Hörer Christoph Hofmann fragt, wie groß die Vorsorgelücke bei kleinen Selbständigen ist. Und wie der Staat sie vor Altersarmut schützen will.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Ein junger Mann sitzt vor einem Laptop und telefoniert dabei.
Gerade Kleinselbstständige haben Probleme, genügend fürs Alter vorzusorgen. Bildrechte: imago images / Westend61

Britta Awe steht hinter ihrer Kasse zwischen Rosen, Nelken und Löwenmäulchen. Seit 13 Jahren führt sie in der Leipziger Südvorstadt einen Blumenladen. Das ist gut fürs Karma, aber schlecht für die Rente.

Etwas anzusparen sei schwierig, sagt die 52-Jährige. Denn die Umsätze seien so unstet wie das Wetter: Das Frühjahr sei richtig gut, auch Weihnachten sei gut. Aber der Sommer sei durch die Temperaturen nicht so gut. "Dadurch ist es schwierig, jeden Monat den gleichen Betrag zurück zulegen. Im Sommer brauchen wir meistens das wieder auf, was man sich im Frühjahr zurückgetan hat. Und da bleibt nicht so viel für eine Altersvorsorge", sagt sie.

Selbständig ist nicht gleich selbständig

Wie der Blumenhändlerin geht es vielen kleinen Unternehmern. Nun ist selbständig nicht gleich selbständig. Manche können im Alter ihr Unternehmen verkaufen und davon leben, andere zahlen als Freiberufler in die Rentenkasse ein, manche tun nichts.

Wie sich das unter den 4,3 Millionen Selbständigen aufteilt, weiß Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: "Ich habe es mal untersucht und habe mal die zusammengezählt, die erstens in eine gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, das sind etwas mehr als 40 Prozent. Dann gibt es aber auch diejenigen, die haben eine private Rentenversicherung. Dann gibt es diejenigen, die haben eine Lebensversicherung in großem Umfang. Und dann gibt es diejenigen, die haben Vermögen, nicht zuletzt Immobilienvermögen."

Arbeitsminister Heil plant Rentenversicherungspflicht

Ohne größere Rücklagen oder Versicherung ist nach Einschätzung von Karl Brenke jeder sechste bis achte Selbständige. Es sind vor allem Freiberufler aus der Kreativwirtschaft, selbständige Haushaltshilfen, private Lehrer. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, ihnen zu helfen. Arbeitsminister Hubertus Heil plant eine Rentenversicherungspflicht.

Alle Selbständigen müssten dann in die gesetzliche Kasse einzahlen und würden fürs Alter Ansprüche erwerben. Beim Verband der Gründer und Selbständigen Deutschland sieht man das aber mit gemischten Gefühlen. Vorsitzender Andreas Lutz sagt, für die Selbständigen, die bereits vorsorgen, bringe eine Pflichtversicherung Probleme:

Wenn man Ihnen jetzt vorschreibt, plötzlich zwanzig Prozent ihres Gewinn in ein anderes Instrument zu tun, als das, was sie bisher bespart haben, also zum Beispiel haben Sie vielleicht eine Immobilie gekauft, die sie abbezahlen oder einen Rentenversicherungsvertrag privat abgeschlossen, dann bringt das ihre Altersvorsorge möglicherweise völlig durcheinander.

Andreas Lutz, Vorsitzender Verband Gründer und Selbstständige Deutschland

Belastung für Selbständige: Beide Anteile in die Rentenkasse

Lutz plädiert dafür, nur künftige Selbständige in die Pflichtversicherung einzubeziehen. Außerdem, sagt er, sollte diese Pflicht auch für Beamte oder Abgeordnete gelten. Die Rentenkasse würde das kräftig füllen. Aber wieviel hätten diejenigen, die zusätzlich einzahlen, am Ende davon? "Wir haben ein bisschen die Sorge, dass mit den zusätzlichen Zahlungen die Rentenversicherung erstmal für ein paar Jahre saniert ist. Das Geld geht ja dann erstmal direkt an die jetzigen Rentner", sagt Lutz. "Dass wir aber in einigen Jahren, wenn wir Selbständigen dann selbst Rente haben wollen, dass wir dann vor denselben Problemen stehen wie heute."

Dem Problem nämlich, dass in der gesetzlichen Rentenkasse zu wenig Geld ist. Dass es nicht alle Probleme löst, Selbständige pflichtzuversichern, zeigt das Beispiel der Volkshochschullehrer. Trotz Selbständigkeit müssen sie in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Rund zwanzig Prozent ihrer Honorare führen sie ab.

Das ist so viel, weil sie auch den Anteil übernehmen müssen, den bei Angestellten die Firma übernimmt. Da die Honorare an vielen Volkshochschulen aber sehr niedrig sind, bleibt nach Abzug aller Abgaben oft kaum noch etwas zum Leben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Juli 2019 | 05:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2018, 13:05 Uhr

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9 Kommentare

01.07.2019 17:00 Fragender Rentner 9

Gleich nach der Wende haben sich im Osten doch viele das auszahlen lassen was in der RV von ihnen drin war, nannte man es nicht Befreiung davon oder befreien lassen?

Sie hatten es doch auch in LVs oder RVs eingezahlt, was bekommen sie jetzt daraus als Auszahlungen jeden Monat?

Wie sieht die Auszahlung jeden Monat aus, als wenn sie in der GRV geblieben wären, mehr oder weniger?

01.07.2019 15:21 Querdenker 8

Zitat: „Lutz plädiert dafür, nur künftige Selbständige in die Pflichtversicherung einzubeziehen.“

*Wenn* die Selbständigen *nachweislich* eine reelle Chance auf die geplante Grundrente haben, dann wäre ich auch für die Pflicht . Aber nur dann. Das geplante Konzept der Grundrente sollte dahingehend überarbeitet werden. Wenn Selbständige dem Staat nicht auf der Tasche gelegen haben, dann sollte das auch mit berücksichtigt werden. Ansonsten ist das einfach nur ein Sparmodell des Staates.

Andere Länder haben es besser gelöst, als dieser neoliberale Unsinn in Deutschland. In Dänemark gibt es z.B. eine „Volksrente“ (siehe „Alterssicherung in fünf europäischen Ländern Masterarbeit“).

01.07.2019 15:06 Querdenker 7

Zitat: „Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, ihnen zu helfen. Arbeitsminister Hubertus Heil plant eine Rentenversicherungspflicht.“

Sparmodell vom Staat. Selbständige werden zur Einzahlung verpflichtet und am Ende werden viele mit nicht einem Cent mehr dastehen, wenn man alles zusammen rechnet. Wenn die nicht eingzahlt haben werden die nicht von der geplanten „Grundrente“ (35 Beitragsjahre) was haben und die Ansprüche später unter Existensminimum oft liegen. Der Staat hat also erst mal ggf. Geld gespart, dadurch das diese Kleinselbständigen nicht arbeitslos waren und nun soll am Ende auch noch mal Geld gespart werden. Damals war es zur Agenda 2010 für den Staat attraktiv, wenn Leute in die Selbständigkeit gingen (Ich-AG). Die tauchten dann auch nicht mehr in der Statistik bei den Arbeitslosen auf.

01.07.2019 11:50 Wo ist das Lobbyregister? 6

@01.07.2019 10:34 Fragender Rentner

(Vermute, dass es bei vielen keine Versorgungslücke sein wird, sondern eher ein riesen Loch.
Die Hauptsache war ja das sie aus der Arbeitslosenstatistik verschwanden)

Exakt das war das Motiv hinter "Werde dein eigener Chef" und nichts sonst charakterisiert die Schröder/Merkelsche Scheinpolitik zugunsten ihrer Klientele besser als das.

Eine mangelnde Binnennachfrage und diverse andere typische Erscheinungen gesellschaftlich deutschen Wirtschaftsverständnisses machen eine Vorsorge der meisten Kleinselbstständigen unmöglich oder schwer. Da hilft eine "Verpflichtung" GAR NICHTS. Das ist nichts weiter als Funktionärsgeschwätz.

01.07.2019 10:50 wwdd 5

Wenn meine Selbständige Frau mit von meiner Rente leben muß, zahlen wir keine Steuern. Das will der Staat wohl nicht. Wie es bei den Sofortrentnern in ihrem Kinder- und Babyladen geht, bekommt sie ja auch mit. Viele Kinder, viel Zeit und viel Unordnung schaffen ist da angesagt. Gekauft wird wenig und immer ständig wird gehandelt.

01.07.2019 10:34 Fragender Rentner 4

Vermute, dass es bei vielen keine Versorgungslücke sein wird, sondern eher ein riesen Loch.

Die Hauptsache war ja das sie aus der Arbeitslosenstatistik verschwanden und man hat sie nicht gleichzeitig verpflichtet für Alter vorzusorgen.

Nur ist das Problem nicht erst heute aufgetaucht sondern geht es schon über Jahre leider so !!!

01.07.2019 09:51 Wo ist das Lobbyregister? 3

@01.07.2019 09:06 dresdner

(Wer sich selbständig gemacht hat, trägt auch die Risiken der Vorsorge für das Alter selber,)

Zu diesem Zwecke sollte ein Sozialsystem entsprechende Optionen vorsehen - das genaue Gegenteil ist in Deutschland der Fall. Der Genosse Heil, der hier "helfen will" (MDR...), ist ein Funktionär genau DER Partei, die diesen Zustand mit voller Absicht herbeigeführt hat. Statt nach 16 Jahren Kohl eine echte und zukunftsfähige Sozialreform auf die Beine zu stellen, haben die sog. "Sozialdemokraten" (und Grünen!) das exakte Gegenteil getan: Sie haben ein neokonservatives, marktreligiöses System namens Agenda2010 über das Land gebracht, zugleich eine desaströse Wirtschaftspolitik mit typisch deutschen Elementen betrieben und stehen jetzt mitsamt ihrer Komplizen vor einem Scherbenhaufen. Und #2 erinnert sich ganz richtig: "Werde dein eigener Chef" sollte die Selbstständigenquote erhöhen - ohne jede politische Vorsorge...

01.07.2019 09:12 Max W. - "Unsere Werte" eben 2

Na, DAS sind ja mal echte Neuigkeiten... Danke SPD, Danke für's weitermachen, Merkel-CDU. Ach ja: Und Danke "Grüne".

Auch das eine "verpasste" politische Chance nach 16 Jahren Kohl'schen Stillstandes - dafür Agenda2010 für die neuen Klientele der beiden "Volksparteien". Die daran, wie vorgesehen, auch schwer verdienen.
Wie hiess es noch von Seiten der "Arbeitsagentur" anno 2004ff? "Werde dein eigener Chef" grinste es bundesweit von Plakaten herunter.

Was den wahlberechtigten "Rest" angeht: Die offiziellen Sozialstatistiken sagen dazu alles Notwendige mehr als nur hinlänglich aus. Und die Lage wird sich aus leicht nachvollziehbaren Gründen weiter verschlechtern, da wollen wir uns nichts vormachen.

Ich empfehle einen regelmässigen Blick auf lobbycontrol de - man will ja schliesslich wissen, wie Politik in Schland geht... Aktuell im Blickfeld: Die FürDenProfit. Aber das ist ja auch nicht neu.

01.07.2019 09:06 dresdner 1

Das Thema ist in der Tat nicht einfach zu lösen. Wer sich selbständig gemacht hat, trägt auch die Risiken der Vorsorge für das Alter selber, denn er ist eigenverantwortlich tätig. Auf der anderen Seite würde eine Einzahlungspflicht in die gesetzliche Rentenkasse zu einer gewissen Klärung führen, denn wer keine Möglichkeit hat zu sparen, der sollte auch kein Selbständiger sein. Letzte Anmerkung. Ich bin selber berufliche selbständig tätig und zahle in die Kasse als Pflichtmitglied ein und sehe die Vorteile eher, als die Nachteile, da die privaten Versicherungen immer weniger an Rendite erwirtschaften können. Der Staat darf aber die Beamten nicht vergessen. Hier sollte es ähnlich wie in Österreich eine gemeinsame Deckung geben, aber ohne die frühzeitigen Rentenbeziehungen vor 60 Altersjahren. Der Rentenbezug sollte einheitlich auf 65 Jahre festgesetzt werden - ohne Sonderregeln.

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