Paar sitzt vor der Anlage im Grünen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Senioren Hohe Nachfrage nach betreutem Wohnen

Betreute Wohneinrichtungen für hilfsbedürftige Senioren sind in Mitteldeutschland sehr gefragt und der Bedarf steigt stetig. Doch die Plätze sind rar und Wartezeiten mitunter lang. Auch finanzielle Unterstützung zu bekommen ist nicht einfach.

von Anna Wulffert

Paar sitzt vor der Anlage im Grünen
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Im Haus "Löwenherz" in der Leipziger Südvorstadt können Senioren stündliche Betreuungsleistungen buchen. Meistens geht es dabei um Hilfe beim Einkaufen im Supermarkt, sagt der Pflegemanager Falk Vonderlin. "Manchmal braucht auch jemand neue Geranien für den Balkon, oder er will ein Käffchen am Cospudener See trinken, weil er jahrelang nicht mehr am Wasser war."

Neben dem "Löwenherz" koordiniert Pflegemanager Vonderlin noch zwei weitere Häuser in Leipzig, insgesamt sind das 170 Wohneinheiten mit Betreuungsmöglichkeiten. In den mitteldeutschen Bundesländern gibt  es laut dem Kuratorium Deutsche Altenhilfe (KDA) insgesamt 26.000 solcher Wohnungen für Senioren – 13.600 in Sachsen, 7.500 in Sachsen-Anhalt und 4.900 in Thüringen. Bundesweit sind es etwa 264.000.

Hilfe über Service-Pakete

Der Begriff "Betreutes Wohnen" ist nicht geschützt. Dahinter verbergen sich viele verschiedene Angebote. "Man spricht in der Wissenschaft mittlerweile eher von Service-Wohnen. Das sind Haushalte, in denen man Hilfe oder Unterstützung bekommt, ohne pflegebedürftig zu sein",  erklärt Andreas Hoff, Professor für Soziale Gerontologie an der Hochschule Zittau-Görlitz. Die Hilfe könnten die Mieter oftmals in Service-Paketen buchen und zum Beispiel über eine Grundgebühr bezahlen.

Bislang kann aber nur ein Bruchteil der Senioren in Einrichtungen in Wohnungen mit zusätzlichen Service-Angeboten leben. Laut KDA und einer Hochrechnung des Forschungsinstituts empirica stehen derzeit in Sachsen und Sachsen-Anhalt nur für 1,4 Prozent der älter als 65-Jährigen Wohneinheiten mit Betreuungsmöglichkeiten bereit. In Thüringen ist die Versorgungsquote bundesweit mit 1 Prozent am niedrigsten. Spitzenreiter ist Hamburg mit 3,6 Prozent.

DRK bestätigt hohen Bedarf in Mitteldeutschland

Den hohen Bedarf am betreuten Seniorenwohnen in Mitteldeutschland bestätigen auch die Landesverbände des Deutschen Roten Kreuzes in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das liegt laut dem DRK Sachsen unter anderem an der demografischen Entwicklung. Altersexperte Andreas Hoff nennt dazu die veränderte Familienstruktur als Faktor für die steigende Relevanz. "Kinder ziehen in die Stadt und können sich nur noch in eingeschränktem Maße um ihre Eltern kümmern. Das traditionelle familiäre Pflegemodell trägt nicht mehr."

Wartezeiten bis zu drei Jahre

Die starke Nachfrage spürt auch Pflegemanager Falk Vonderlin in Leipzig. Für die 170 betreuten Wohneinrichtungen der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB), die Vonderlin koordiniert, sind momentan etwa 250 Interessenten auf der Warteliste. Die Wartezeit läge bei etwa zweieinhalb bis drei Jahren. "Ich sage jedem Interessenten, er soll sich bei so vielen Einrichtungen wie möglich melden", so Vonderlin. Auch die Statistik des KDA belegt langes Ausharren. Die Hälfte der Interessenten wartet ein Jahr oder länger auf eine Wohnung in einer betreuten Einrichtung.

Dabei ist die Finanzierbarkeit dieses Wohnmodells nicht so einfach. Laut KDA kostet die durchschnittliche Miete in einer 54 qm großen betreuten Seniorenwohnung mit Servicepauschale rund 720 Euro. Allerdings: Die Rentenbezüge in den ostdeutschen Bundesländern für Männer liegen derzeit durchschnittlich bei 1.068 Euro, Frauen bekommen 855 Euro. Das bedeutet, Männer müssten fast 70 Prozent ihrer Rente für ihre Wohnung inklusive Betreuung ausgeben. Frauen müssten sogar 85 Prozent ihrer Rente aufwenden, um in einer Wohnung mit Betreuung unterzukommen.

Die Demografie als Chance

Finanzielle Unterstützung zu bekommen, ist dabei mitunter nicht leicht. "Es ist unklar, wer verantwortlich ist", erklärt Altersexperte Hoff. Betreutes Wohnen setze bei Hilfebedürftigkeit an, also vor dem Eintritt einer Pflegebedürftigkeit. Dafür sei die Pflegeversicherung nicht zuständig und deshalb gebe es von dort kein Geld. "Ist es Aufgabe der Kommunen, der Vermieter, der Familienangehörigen, der Landes- oder der Bundesregierung?", fragt Hoff.

Die hohe Zahl an alten Menschen in Mitteldeutschland begreift der Görlitzer Wissenschaftler indes als Chance für das Seniorenwohnen. "Bis 2030 wird es Orte bei uns geben, wie zum Beispiel im Erzgebirge, wo bis zu 45 Prozent älterer Menschen leben. Im sächsischen Durchschnitt sind es etwa 30 Prozent. Wir werden da dem Bundesdurchschnitt zehn Jahre voraus sein. Wir könnten Pilotprojekte für die Versorgung in Deutschland gestalten."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 16. April 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 22:34 Uhr