Ein Arzt misst in einer Praxis einer Patientin den Blutdruck.
Selbstständige Ärzte wollen eine eigene Gewerkschaft gründen. Bildrechte: dpa

Kassenärzte in Sachsen IG Med will als Gewerkschaft für Ärzte auftreten

Niedergelassene Ärzte in Deutschland wollen eine eigene Gewerkschaft gründen. Ein ungewöhnliches Unterfangen – schließlich sind sie alle in gewisser Weise selbstständige Unternehmer. Doch überbordende Bürokratie, gedeckelte Honorare und Rückforderungen führen bei einem Teil der Ärzte zu Frust. Auch deswegen gibt es seit Mitte 2018 "Interessengemeinschaft Medizin". In Zukunft möchte die IG Med die Rolle der Gewerkschaft für Ärzte übernehmen. Auch in Sachsen gibt es einen IG Med - Landesverband.

von Ine Dippmann, MDR AKTUELL Landeskorrespondentin Sachsen

Ein Arzt misst in einer Praxis einer Patientin den Blutdruck.
Selbstständige Ärzte wollen eine eigene Gewerkschaft gründen. Bildrechte: dpa

Seifhennersdorf, im südöstlichen Zipfel Sachsens, kurz vor der tschechischen Grenze. Kyra Ludwig behandelt hier als Neurologin viele ältere Menschen, sie kommen mit Schmerzsyndrom und Rückenbeschwerden, Parkinson und Demenz. Heute ist das Wartezimmer leer, nur eine Reinigungskraft schiebt den Staubsauger über den Gang der Praxis. Die Neurologin sitzt allein im Sprechzimmer: "Meine Praxis hat heute geschlossen, weil ich nicht mehr in Bereiche kommen möchte, dass mir eine neue Rückforderung droht." Die gäbe es, wenn Ludwig zu viele Patienten versorge.                                                                                  

Rückforderungen wegen zu vieler Patienten

2011 hat sich Kyra Ludwig als Ärztin niedergelassen. 2016 sind ihre Abrechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung aufgefallen. Die Vereinigung monierte, dass Ludwigs Abrechnungen nicht plausibel seien und verlangte in einem Rückforderungsverfahren Geld zurück. Ludwigs abgerechnete Zeiten und Leistungen lagen weit über dem Durchschnitt ihrer Fachgruppe. Für die Neurologin sei es schwer zu erklären, wie man 1500 oder 2000 Patienten versorgen könne:

Ein Frau mit kurzen schwarzen Haaren steht vor einem Bild und schaut in die Kamera. Es sit die Fachärztin für Neurologie, Kyra Ludwig. Sie hat ihre Praxis in Seifhennersdorf.
Kyra Ludwig hat die IG Med in Sachsen mitgegründet. Bildrechte: Kyra Ludwig

Hier in den unterversorgten Gegenden sitzen so viele Patienten im Wartezimmer, wir versorgen sie rund um die Uhr. Wir können sie ja nicht wegschicken.

Kyra Ludwig, Fachärztin für Neurologie

Die Kassenärztliche Vereinigung hat vier Jahre rückwirkend die Abrechnungen von Kyra Ludwig geprüft. Die entstandene Rückforderungssumme ist sechsstellig, es werde noch Jahre dauern, sie abzuarbeiten. In diese Situation kämen Ärzte immer wieder – vor allem solche, die viele Hausbesuche machen und technische Leistungen abrechnen.

Kassenärzte teilen sich Budget

Ein Stethoskop liegt 2005 auf mehreren Geldscheinen.
Heckemann: Kassenärzte stehen "moralischen in der Pflicht" sorgsam mit dem Gesamtbudget umzugehen. Bildrechte: dpa

Klaus Heckemann, der Präsident der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen, weist die Kritik zurück: "In Sachsen wird kein Arzt irgendeinen Plausibilitätsregress bekommen, alleine wegen der hohen Zahl der Patienten, die er behandelt." Es gäbe erst Probleme, wenn die große Zahl der Patienten mit überdurchschnittlich vielen Leistungen behandelt werden. Das so bezogene Honorar stehe eigentlich anderen Ärzten zu, erklärt Heckemann. So gebe es ein Budget für die Gesamtvergütung aller Kassenärzte. Somit stehe jeder Einzelne in der moralischen Pflicht ordentlich mit dem Budget umzugehen, betont der Präsident der Kassenärztlichen Vereinigung.

IG Med als Gewerkschaft für Ärzte

Zuletzt habe die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen pro Jahr rund 0,2 Prozent der Gesamthonorare zurückgefordert. Dennoch seien viele Ärzte unzufrieden, sagt Kyra Ludwig. Man fühle sich von den bestehenden Organisationen wie Landesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung nicht mehr vertreten.

Sie hat deshalb den Landesverband der IG Med in Sachsen mitbegründet. Diese Interessensgemeinschaft, die seit Mitte vergangenen Jahres bundesweit agiert, will künftig als Gewerkschaft für Ärzte auftreten. Langfristiges Ziel sei unter anderem ein völlig neues System der Honorierung.

Landesärztekammer: Pauschale Abrechnung nicht sachgerecht

Damit ist die IG Med allerdings gar nicht so weit weg von den Forderungen der Landesärztekammer Sachsen entfernt. Deren Präsident Erik Bodendieck, stößt ins gleiche Horn:

Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer
Erik Bodendiek sieht das Vorgehen der IG Med skeptisch. Bildrechte: Slaek

Ärztinnen und Ärzte müssen sachgerecht honoriert werden. Eine pauschale Abrechnung kann keine sachgerechte und fachgerechte Honorierung sein.

Erik Bodendieck, Präsident der Landesärztekammer Sachsen

Für Ärztinnen und Ärzte müsse es eine Gebührenordnung geben, die betriebswirtschaftlich berechnet wird, fügt Bodendieck hinzu. Zuletzt habe es aus der Ärzteschaft selbst Widerstand gegen eine neue, von der Bundesärztekammer entwickelte Gebührenordnung gegeben.

Dass nun mit der IG Med ein neuer Spieler auf das Feld kommt und versucht, Forderungen gegenüber der Politik durchzusetzen, sehe er eher skeptisch, sagt Erik Bodendieck. Es wäre gut, man könne mit einer Stimme sprechen, so der Präsident der Landesärztekammer.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Februar 2019 | 07:17 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2019, 07:17 Uhr

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4 Kommentare

01.02.2019 08:47 Frank 4

Logische und richtige Reaktion auf ein völlig krankes System und die Reformunwilligkeit der Verantwortlichen.

01.02.2019 07:12 Silvio 3

Nachtrag zu meinem Komentar: Natürlich soll die bedarfsgerechte Hornorierung verhindern, dass übermässig gut verdienende Ärzte noch mehr verdienen. Das "nicht" hatte sich wohl in den Satz eingeschlichen.

01.02.2019 07:07 Silvio 2

Vorab möchte ich einwerfen, dass Ärzte im Vergleich zum Grossteil der Bevölkerung nach Abzug der allerdings doch immensen Betriebsausgaben für Krankenversicherung und Mitarbeiter (immerhin verdient der Arzt ja nur als Einziger das Geld und muss im Krankheitsfall seine Angestellten allein weiter bezahlen) sicher sehr gut verdienen. Das dieses aber speziell bei den Hausärzten nicht mit einer 40 Stunden getan ist, wird oft übersehen. Die dabei auflaufende Bürokratie und Regulierung (Rückzahlungen) sind eine Frechheit. Daher ist die Idee mit der Gewerkschaft sinnvoll. Ich plädiere dafür, dass Hornorarerhöhungen nicht wie bisher mit der Giesskanne verteilt werden, sondern bedarfsgerecht festgelegt werden. Das verhindert, dass übermässig hoch vergütete Mediziner nicht noch mehr bekommen. Leider wird das in Deutschland nicht funktionieren, da Irgendwer wieder auf Gleichbehandlung klagen wird.

01.02.2019 05:21 vigilando ascendimus 1

Recht haben die Ärzte