Corona-Maßnahmen IHK Chemnitz fordert mehr Präsenzunterricht an Unis

Leere Hörsäle, Seminare im Videochat, sogar Prüfungen wurden online abgelegt. Wegen der Corona-Pandemie läuft der Hochschul-Alltag weitgehend digital ab. In einem offenen Brief an Sachsens Wissenschaftsminister Gemkow warnt die Industrie- und Handelskammer Chemnitz vor einem Attraktivitätsverlust der Hochschul- und Wirtschaftsstandorte.

Ein Professor hält in einem leerem Hörsaal eine Online-Video-Physik-Vorlesung
Ob Studierende in Sachsen an die Hochschulen zurückkehren können, hängt vom Infektionsrisiko ab. Bildrechte: dpa

An der Hochschule Mittweida ist gerade nicht allzu viel los. Nur vereinzelt sieht man Studierende auf dem Campus. Das liegt aber weniger an Corona als an den Semesterferien, stellt Rektor Ludwig Hilmer fest.

Tatsächlich habe man die 7.000 Studierenden der Hochschule aufgefordert, unter bestimmten Regeln nach Mittweida zurückzukehren: "Wir werden also im Wintersemester sehnlichst unsere Studierenden erwarten und wir werden bis zu 70 Prozent, falls Corona das zulässt, in Präsenz stattfinden lassen", sagt Hilmer.

IHK: Attraktivität der Standorte leidet

Die Kritik der Chemnitzer Industrie- und Handelskammer könne er deshalb nicht verstehen, sagt Hilmer. IHK-Geschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich hatte in einem offenen Brief an den Wissenschaftsminister gefordert, "dass alle Hochschulen ausnahmslos so viel wie möglich Präsenzveranstaltungen anbieten, dass alle Professoren so häufig wie möglich am Studienort sind, um mit den Studenten zusammenzuarbeiten, natürlich unter den Hygienegesichtspunkten."

Geschehe das nicht, leide sowohl die Attraktivität der sächsischen Hochschulen als auch die Wirtschaft in der Region. Außerdem könnten junge Leute auch gleich an eine Fernuni gehen, wenn das Studium sowieso digital sei, fürchtet Wunderlich. Das hieße, dass man die Studierenden an den Hochschulen verliere, aber auch in den Regionen mit ihrer Kaufkraft, mit ihrer Innovationskraft oder als Arbeitskraft in der Perspektive, sagt Wunderlich.

Forschungskooperationen mit Wirtschaft entscheidend

Die Kaufkraft von Studierenden sei tendenziell eher gering, sagt dagegen Joachim Ragnitz vom Dresdner ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Ein größeres Problem könne sein, dass Forschungsprojekte, die in Kooperation zwischen Hochschulen und der Wirtschaft häufig stattfänden, derzeit nicht so richtig funktionierten, vermutet Ragnitz.

Rektor Hilmer versichert, an der Hochschule Mittweida seien die Verbindungen zur regionalen Wirtschaft enger denn je. Daran ändere auch Corona nichts.

Gemkow: Lockerungen mit Augenmaß

Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow betont, dass die Hochschulen selbst entscheiden müssten, was jeweils sinnvoll und vertretbar sei. Natürlich wollten alle schnellstmöglich zum Regelbetrieb zurückkehren, aber es bleibe eine große Unwägbarkeit in der Entwicklung des Infektionsgeschehens.

Und so sei es Gebot der Stunde, auch weiterhin mit Augenmaß zu schauen, wie weit Lockerungen gehen könnten oder wo man doch weiterhin sagen müsse, dass ein Regelbetrieb eben nicht stattfinden könne, sagt Gemkow.

Gesundheitsschutz hat weiterhin Priorität

IHK-Geschäftsführer Wunderlich entgegnet hierzu, dass es in Schulen und Unternehmen doch auch gehe. Warum also nicht an den Hochschulen?

Weil man an Schulen die Infektionsketten viel leichter überwachen könne, sagt Rektor Hilmer: "Allein, wenn Sie nur nationale Studierende sehen, die kommen aus verschiedenen Bundesländern und wenn diese Gruppen sich dann nicht nur an der Hochschule, sondern auch am Abend durchmischen, dann ist es ein beständiger Import von Gefahren."

Der Gesundheitsschutz habe deshalb weiterhin Vorrang. Auch Wirtschaftsforscher Ragnitz sagt, ein erneuter Lockdown sei für die Wirtschaft in der Region sicher schlimmer als fehlende Studenten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. August 2020 | 08:08 Uhr

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