Ärzte auf dem Land Junge Ärzte: lieber angestellt als selbstständig

Wer im ländlichen Raum einen Arzt sucht, hat es schwer. Viele Praxen schließen, weil die Inhaber in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Das liegt nicht nur daran, dass junge Ärzte lieber in Großstädten arbeiten, sondern auch immer seltener Lust auf eine eigene Praxis haben. In der Oberlausitz geht man deshalb einen neuen Weg, um Praxen zu retten.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Blick in ein Sprechzimmer einer Arztpraxis
Der Mangel an Ärzten auf dem Land ist nichts Neues. Die Oberlausitz versucht nun eine neue Strategie, um junge Ärzte auf das Land zu locken und so Praxen zu retten. Bildrechte: dpa

Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Frauenarztpraxis: kleiner Wartebereich und an den Wänden hängen Baby-Fotos. Behandelt wird hier, im sächsischen Großröhrsdorf, seit 25 Jahren. Und doch hat sich jüngst etwas geändert. In der Praxis arbeitet kein selbständiger Arzt mehr, sondern es behandeln zwei Angestellte.

Anstellung birgt mehr Sicherheiten

Eine davon ist Anja Lange. Sie konnte sich Selbstständigkeit aus verschiedenen Gründen nur schwer vorstellen. Zum einen bestehe ein wirtschaftliches Risiko, da eine Übernahme mit Kosten verbunden sei, erklärt die Ärztin. Zum anderen habe eine Anstellung auch ihre Vorteile: "Man hat seine geregelten Arbeitszeiten, man hat seinen Urlaub, man braucht keine Angst haben, dass man, wenn man mal krank ist, einen Verdienstausfall hat."

Angestellt ist Lange bei den Oberlausitz-Kliniken, die die Frauenarztpraxis vom ehemaligen Inhaber gekauft und sie ihrem medizinischen Versorgungszentrum als Außenstelle angegliedert haben.

Aufkaufen ermöglicht vielfältigere Behandlung

Eine junge Frau
Kristin Bartke erklärt, warum es wichtig ist, dass Krankenhäuser mit Arztpraxen zusammenarbeiten. Bildrechte: MDR/ Ralf Geißler

Insgesamt haben die Kliniken schon 18 Praxen übernommen, für die sich kein selbstständiger Nachfolger fand. So sichere man die Versorgung in der Oberlausitz, sagt Handlungsbevollmächtigte Kristin Bartke. Die Klinik helfe sich damit aber auch selbst.

Bartke betont, dass ein Krankenhaus auf die Zusammenarbeit mit Arztpraxen angewiesen sei, da nur so Vor- und Nachsorge gesichert werden könnte. Sie erklärt, dass das Krankenhaus noch so gut sein könne, "aber wenn ich ringsherum keine Zuweiser und keine Nachsorge für meine Patienten habe, dann bricht das auch irgendwann mal zusammen."

Immer weniger selbstständige Ärzte

Mit der Übernahme von Arztpraxen folgen die Oberlausitz-Kliniken einem Trend. Junge Ärzte wollen vermehrt angestellt sein. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der selbstständigen Ärzte in Sachsen um fast 500 reduziert. Aktuell sind nur noch 5.200 Ärzte selbstständig.

Trend hin zur Anstellung

Die Zahl der Angestellten dagegen steigt. Das bringt allerdings ein Problem mit sich, sagt Ärztekammerpräsident Erik Bodendieck. Ein Selbstständiger arbeite auch mal sechzig Stunden die Woche, ein Angestellter regulär nur vierzig.

Das würde dazu führen, "dass der angestellte Arzt weniger Patientinnen und Patienten behandelt als der niedergelassene Arzt", erklärt Bodendieck. Wenn diese Entwicklung weiter voranschreitet, müsse sich das Gesundheitswesen darauf einstellen, warnt Bodendieck, denn dann brauche man mehr Ärztinnen und Ärzte in der Versorgung.

Übernahmen sichern auch Patienten-Versorgung

In der Frauenarztpraxis Großröhrsdorf, wo früher nur ein Arzt behandelte, sind es jetzt zwei. Der Zweite ist der ehemalige Inhaber Norbert Domke.

Ein Mann neben einer Frau
Norbert Domke und Anja Lange kümmern sich nun zu zweit um die Patienten. Beide sind bei den Oberlausitz-Kliniken angestellt. Bildrechte: MDR/ Ralf Geißler

Er hat lange einen Nachfolger gesucht und war froh, als die Klinik ihm die Praxis abkaufte.

Domke ließ sich direkt wieder anstellen, für drei Jahre noch, um die neue Kollegin einzuarbeiten. Er freue sich über die Übernahme, denn so gehe es für seine Patientinnen nahtlos weiter. Für Domke fühle es sich auch so an, als würde er sein Erbe weitergeben – auch wenn sich das etwas trivial anhöre, ergänzt er.

Mehr Freiheiten als Selbstständiger

Er selbst sei immer gern selbstständig gewesen, sagt Domke. Vor allem die größere Freiheit gefiel ihm. Hinter dem Empfang hängt ein Gemälde. Domke hat es mal auf einer Reise entdeckt, gekauft und an die Praxiswand genagelt. Als Angestellter, sagt er, dürfe man so etwas natürlich nur noch mit Erlaubnis.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Mai 2019 | 10:07 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Mai 2019, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

10 Kommentare

06.05.2019 15:23 Phrasenhasser 10

Es ist wohl eine allgemeine "Seuche", dieser momentane Hang junger Generationen zum Teilbeschäftigt-Sein. Auch bei Arztstellen soll dieser Trend längst erkennbar sein. Eine Landarztpraxis ist jedoch nur mit vollem Einsatz zu bewältigen. Ich könnte mir vorstellen, dass aber doch wenigstens der Ehemann eine derartige Stelle besetzen kann, wenn schon die Ehefrau, falls auch Ärztin, sich aufgrund der Kindererziehung gern einer Halbtagsstelle widmet. Gibt es nicht sogar einen Land-Bonus für Ärzte? Was also ist bloß so schrecklich an gesunder Luft, tollem Grundstück und sehr vielen dankbaren Patienten?

05.05.2019 22:54 Kyra Ludwig 9

Laut Studien versorgen angestellte Ärzte nur 75% der Fälle, die ein freiberuflicher niedergelassener Arzt versorgt! Man brauch also viel mehr Ärzte für diese Konzepte, um Patienten versorgen zu können.
Kliniken sind doch daran nur interessiert, da die angestellten Ärzte als Zuweiser fungieren! Das Hauptgeschäft wird dann stationär gemacht.
Die Gründe, dass keiner in Niederlassung gehen möchte, sind ganz andere: schlechtes Honorar, Budgets, Regresse und damit finanzielle Nöte bis hin zur Insolvenz!
Das will kein junger Arzt/Ärztin!

05.05.2019 21:22 Zeitgeist 8

Volles Verständnis, was nützt die Kohle wenn die Freizeit zum sinnvoll ausgeben fehlt. Oder die eigenen Kinder da wenig Zuhause schon Onkel / Tante sagen.

05.05.2019 20:52 nilux 7

Eine junge Ärztin möchte vielleicht auch Kinder bekommen und ein Privatleben haben. Leute wie Ärztekammerpräsident Erik Bodendieck scheinen nur noch wenig vom realen Leben seiner eigentlich zu vertretenden Ärzte mit zu bekommen.
Im Sinne einer medizinischen Grundversorgung sind zwei Ärzte oder Ärztinnen in Teilzeit besser als ein Niedergelassener.

05.05.2019 13:51 Carolus Nappus 6

Warum da weniger IGeL verkauft werden, erschließt sich mir nicht ganz. Sicher wollen die Betreiber auch Geld verdienen. Die Kohle für die Einrichtung, das Gehalt nebst Lohnfortzahlung im Urlaub, an Feiertagen, im Krankheitsfall usw. usf. muss ja irgendwoher kommen. Auch wenn ich statt 2 nun 3 Ärzte einstellen muss, um auf das gleiche Arbeitsvolumen zu kommen.

Wenn da in Thüringen eine allgemeinärztliche Konzentration vorliegt, sind es eben keine Polikliniken oder deren Nachfolger. Bestenfalls sind das dann Ärztehäuser oder so eine Art Ambulatorium. Aber vielleicht kann man mit solche Wortschöpfungen noch ein paar Stimmen irgendwelcher DDR-Nostalgiker abfassen.
Keine Ahnung warum, aber anscheinend löst die Erinnerung an Mangelversorgung heimelige Gefühle aus. Vielleicht ist es aber auch einfach nur Alzheimer?

05.05.2019 12:52 Mediator 5

Das ist doch ein gangbarer Weg. Auch vielen alteingesessenen selbständigen Ärzten wird mit der Zeit und dem Alter klar, dass sie zwar reichlich Kohle, aber nur wenig Freizeit haben. Die Bundeswehr suchte ja auch eine Zeit lang verzweifelt Ärzte und etliche selbständige Ärzte wechselten darauf hin dorthin und leisteten fortan zu festgelegten Konditionen und Zeiten die Versorgung in den Kasernen. Damit wurden richtige Militärärzte frei für die Versorgung in den Auslandseinsätzen.

Warum also sollten Hausärzte nicht auch in einem Angestelltenverhältnis arbeiten? Bleibt nur die Frage danach, wer der Träger der Praxis dann ist.

05.05.2019 11:28 part 4

Der Nachteil als angestellter Arzt: man kann weniger IGel- Leistungen verkaufen und die Arbeitszeit bestimmt der Klinikkonzern, oftmals bis zum Umfallen, dafür übernimmt die Abrechnungsbürokratie geschultes Personal. Den Nachfolger der Polikliniken gibt dagegen wieder in einigen Thüringer Städten, wobei hier aber der reine Schwerpunkt auf der allgemeinärztlichen Konzentration liegt.

05.05.2019 10:11 Wikreuz 3

Ein nieder gelassener Arzt ist ein Unternehmer!
Unter 12 Stunden tägliche Arbeit funktioniert eine Praxis selten.
Nach 1991 war der Verdienst gut....dann kam1996 Herr Seehofer mit Lahnstein ( statt Geld nur noch (Punkte). …. Dann kam eine Budgetierung mit der Folge der teilweisen Sprechstundenreduzierung...… Für viele Ärzte war dann eine Anstellung günstiger als eine Niederlassung...….. Der Staat wollte diese Entwicklung !
Ist dies schlecht ?

05.05.2019 09:54 Versuch! 2

Versucht es doch mal mit Polikliniken. Das hat in der DDR viele Jahre funktioniert.

05.05.2019 07:01 Carolus Nappus 1

So ändern sich eben die Zeiten. Angesichts der überbordenden Bürokratie und dem unkalkulierbaren Haftungsrisiko (nicht etwa, weil man Behandlungsfehler begeht, sondern schlicht, weil man zuvielen Patienten die richtige Behandlung zukommen lässt) kann das aber auch kaum jemand den jungen Ärzten verdenken.
Vielleicht sollte dort mal die Politik ansetzen und nicht immer nur darüber nachdenken, wie man noch mehr Nachfrage schafft ohne die Finanzierung zu klären.