Luftaufnahme von Abrissdorf Pödelwitz, 2013.
Die Ortschaft Pödelwitz bei Leipzig. Bildrechte: dpa

Kohleausstieg Neue Chance für Pödelwitz?

Die Kohlekommission wird voraussichtlich am Freitag ihr Abschlusspapier beschließen. Dass Deutschland aus der Kohle aussteigen wird, ist sicher. Was fehlt ist das Datum. Doch ob nun 2030 oder 2040, wie viel Sinn macht es, dass für die Braunkohle noch Dörfer geopfert werden? In Mitteldeutschland sind es drei Orte, die der Braunkohle noch weichen sollen: Mühlrose in der Lausitz sowie Pödelwitz und Obertitz bei Leipzig. Bekommen diese Dörfer mit dem Kohleausstieg noch eine Chance?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Luftaufnahme von Abrissdorf Pödelwitz, 2013.
Die Ortschaft Pödelwitz bei Leipzig. Bildrechte: dpa

Schon von weitem ist sie sichtbar, die romanische Kirche von Pödelwitz. Daneben der Friedhof, eine alte Eiche, Bauernhöfe. In dem Dorf, 22 Kilometer vor Leipzig, wohnt Jens Hausner. Womöglich wird er einer der letzten, die wegen der Braunkohle umziehen müssen.

Denn 500 Meter hinter seinem Zaun beginnt der Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Hausner sagt: "Ja, dieser Tagebau hat eine Laufzeit, eine genehmigte bis 2040. Und die Mibrag plant jetzt darüber hinaus eine Tagebauerweiterung, die gerade dieses Dorf und auch meinen Hof in Anspruch nehmen soll. Und das geht gar nicht."

Eine komplizierte Geschichte

Hausner kämpft in einer Bürgerinitiative für sein Dorf. Ob er Erfolg haben wird, ist unklar. Denn diese Kohlegeschichte ist kompliziert. Eigentlich sollte Pödelwitz längst abgebaggert sein. Doch nach der Wiedervereinigung wurde entschieden, dass das Dorf bleiben kann. Die Kohlebagger gruben daran vorbei, machten Lärm und Staub.

Und dann wandten sich einige Pödelwitzer an den Kohlekonzern Mibrag. Ob man nicht doch über eine Umsiedlung reden könne. Es gab viele Gespräche, die Professor Andreas Berkner vom Regionalen Planungsverband Westsachsen moderiert hat. Berkner erklärt: "Es waren damals 142 Bürger in Pödelwitz und es sind alle, die mindestens 16 waren, gefragt worden. Und das Ergebnis dieser Befragung war, dass rund 80 Prozent der Pödelwitzer eine Umsiedlung entweder begrüßt oder zumindest nicht rundweg abgelehnt haben."

Gibt es eine Perspektive?

Berkner half, einen Vertrag aufzusetzen, der Entschädigungen regelt. Achtzig Prozent der Bewohner verließen Pödelwitz, bekamen von der Mibrag ein neues Haus. 20 Prozent blieben, unter ihnen Jens Hausner. Er sagt: "Wir sorgen auch dafür, dass das Dorf auch so aussieht, als wäre es komplett bewohnt. Wir haben auch noch ein sehr gutes Dorfleben, wir machen eigentlich mehr Veranstaltungen wie vorher in dem Ort, machen Dorffeste, Weihnachtsfeiern. Auch um zu zeigen, dass das Dorf eine Perspektive hat."

Doch hat es diese Perspektive? Die Mibrag hat für die Umsiedlung, die auf die Initiative der Pödelwitzer zurückging, einen geschätzt niedrigen zweistelligen Millionenbetrag ausgegeben. Nun will sie an die Kohle unter dem Ort ran. Über den Antrag muss das Sächsische Oberbergamt entscheiden. Professor Andreas Berkner sagt, er könne die Heimatliebe der verbliebenen Pödelwitzer verstehen. Trotzdem sei auch die Forderung des Unternehmens nachvollziehbar.

Ein möglicher Weg

Berkner erklärt: "Wenn man die Kohle unter Pödelwitz liegen lassen würde, würden auch nachfolgende Generationen damit nichts mehr anfangen können. Also es ist einfach eine Frage des Bundesberggesetzes, dass man solche Flickenteppiche oder Restfelder nicht hinterlässt, sondern einen Rohstoff gewinnt, wenn er vorhanden ist. Immer unter der Voraussetzung, dass die entsprechenden Entscheidungen dafür zustande kommen."

Will man Pödelwitz erhalten, sagt Berkner, müssten noch einmal Millionen fließen: um Leute zurückzuholen, das Dorf wieder zum Blühen zu bringen. Möglich sei das schon. Das zeige das Beispiel Dreiskau-Muckern. Der Ort südlich von Leipzig sollte einst dem Tagebau Espenhain weichen. 1989 lebten dort nur noch 50 Leute. Heute sind es fast wieder 500.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Januar 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 05:00 Uhr

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9 Kommentare

26.01.2019 18:02 Eulenspiegel 9

Hallo Theodor Dienert 8
„....ja und dann gab es ja noch die emmissionsfreie Kernkraft“
Ich glaube da sind sie nicht auf den neusten Stand. Denn seit wir in unserem Land ein Krebskataster haben wissen wir das es um allen Nuklearanlagen im Land eine signifikant gestiegene Krebsrate gibt. Also ganz so emissionsfreie kann ihre Atomkraft nicht sein. Das Krebskataster sprich nämlich dagegen.

25.01.2019 21:43 Theodor Dienert 8

....ja und dann gab es ja noch die emmissionsfreie Kernkraft. Da jedoch in Japan ein „Sack Reis umgefallen ist“ hat Frau Merkel die Kernkraft aus Sicherheitsgründen in unserem Land abgeschafft.
Trotz, dass uns die Russen unsere Uranvorkommen in Sachsen und Thüringen als „großer Bruder“ geraubt haben lagern noch große Mengen im Boden, also noch viel saubere Energie, wenn man es richtig macht. ...und das Paradoxe daran ist, dass in den Ländern um Deutschland neue AKW‘s gebaut werden und wir diesen sauberen Strom kaufen....

25.01.2019 19:47 Eulenspiegel 7

Hallo Wir-retten-die-Welt 3
„Und Dtl. verpulvert Milliarden für die CO2-Reduzierung (4.Stelle hinterm Komma zu)“
Also ihnen würde es besser gefallen wenn Deutschland jedes Jahr diese Summe für CO-Zertifikate ausgeben müsste.

25.01.2019 14:29 Spottdrossel 6

Schafft erst mal die technischen Voraussetzungen in ausreichender Stückzahl und für die breite Bevölkerung bezahlbar! Was nutzt eine Null Emissionen Infrastruktur, wenn dann gefühlt 90 Prozent der Bevölkerung in Wellblechbuden vor Müllfefeuerchen hockt, weil einfach die Nutzung der supersauberen Infrastruktur unbezahlbar ist.

25.01.2019 12:34 stefan 5

@1
fragt man allerdings, ob man bereit wäre einen Tagebau vor der Haustür zu haben, oder seinen Wohnort zu verlassen für den Tagebau. Oder ob man statt der Windradanlage ein Kohlekraftwerk in Wohnortnähe haben möchte. Steigt die Zustimmung zum Ausstieg auf 98 %

25.01.2019 10:55 Jens 4

"Innovative" Jobs in der Solarindustrie... Ah, ha.... 1? 5? 30??

[Liebe User,
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25.01.2019 09:54 Wir-retten-die-Welt 3

Es geht ums WELTKlima. Wo sind die Grünen und Greenpeace wenn man sie braucht?
Und Dtl. verpulvert Milliarden für die CO2-Reduzierung (4.Stelle hinterm Komma zu)
https://www.mdr.de/heute-im-osten/projekte/kohle-polen-tschechien-klimagipfel-katowice104.html

25.01.2019 09:18 Alfred O. 2

Bisher sehe ich nur daß die Kohlekommission die dreckige Braunkohle erhalten will,da legt sich unser Ministerpräsident so richtig rein,wenn er so aktiv für dsie Solarindustrie gewesen wär,gäb es heute dort genügend innovative Jobs für die Kumpel .

25.01.2019 07:40 Moritz Hase 1

Wenn 6 von 10 Deutschen den schnellen Kohleausstieg wollen, dann liegt das nur daran, dass die Fragestellung suggestiv ist. Fragt man hingegen, ob man zugleich auch auf die individuelle Nutzung eines PKW verzichten würde oder sich ein E-Auto anschaffen, so sähe das schon ganz anders aus. Fragte man gar, ob eine Windkraftanlage statt dessen in direkter Wohnortnähe zum Ausgleich errichtet werden sollte, wird man noch einen von zehn Deutschen zu einem "JA sofort" bringen!