Eingangsbereich einer Agentur für Arbeit
Arbeitslos - wer ist das eigentlich noch und warum? Bildrechte: dpa

Langzeitarbeitslose Wer ist wirklich arbeitslos und warum?

Die Arbeitsagenturen weisen Monat für Monat immer weniger Arbeitslose aus. Das trifft zumindest zu, wenn man die Zahlen im Jahresvergleich betrachtet. Doch mehr als zwei Millionen Menschen sind eben doch noch arbeitslos. Stellt sich die Frage, wer diese Menschen sind und warum sie keine Arbeit haben?

von Thomas Matsche, MDR AKTUELL

Eingangsbereich einer Agentur für Arbeit
Arbeitslos - wer ist das eigentlich noch und warum? Bildrechte: dpa

Es ist ein Klischee, das sich hartnäckig hält. Viele Arbeitslose wollen gar nicht arbeiten. Sätze wie dieser, regen Kay Senius, Arbeitsagentur-Chef für Sachsen-Anhalt und Thüringen, furchtbar auf. Es gebe natürlich Menschen, die nicht arbeiten wollten, weiß Senius.

Aber deren Anzahl sei verschwindet gering. Senius sagt:

Wenn wir diese Gruppe mal festmachen an unserer Sanktionsquote. Das heißt, an dem Anteil derer, die leistungsrechtlich sanktioniert werden müssen, weil sie nicht ihren Verpflichtungen nachkommen, dann reden wir von einem Anteil, der nicht mal drei Prozent aller Leistungsberechtigten ausmacht.

Kay Senius, Chef der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt/Thüringen

Viele Arbeitslose durch Digitalisierung

Grundsätzlich werde es immer eine bestimmte Anzahl an Arbeitslosen geben, sagt Kay Senius. Dazu gehören saisonal Beschäftigte auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Auch bei konjunkturellen Dellen wie der Finanzkrise entsteht Arbeitslosigkeit.

Die größte Gruppe aber bilden Menschen, die bei Strukturveränderungen nicht mitkommen. Laut Senius spielt aktuell die Digitalisierung eine große Rolle: "Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die diese Veränderung nicht gestalten können und dadurch freiwerden, haben es besonders schwer wieder in den Arbeitsmarkt einzutreten", sagt der Agentur-Chef. Diese Menschen müssten ihre grundlegenden Kompetenzen an die Anforderungen der Wirtschaft wieder anpassen.

Geringeres Risiko durch Bildungsabschluss

Wer gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben will, braucht einen Bildungsabschluss. Wer keinen hat, hat ein dreifach höheres Risiko arbeitslos zu werden und zu bleiben, weiß Senius aus der Forschung. Schwierig ist es auch für Menschen mit Gesundheitsproblemen. Das sind etwa Schwerbehinderte oder Menschen, die wegen Krankheiten lange gefehlt haben.

Auch das Alter spielt eine Rolle: Ältere Menschen werden zwar seltener arbeitslos, so Senius. Aber wenn, dann kommen sie schlechter wieder in den Arbeitsmarkt rein. Wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, kann Langzeitarbeitslosigkeit die Folge sein.

Zahl der Langzeitarbeitslosen deutlich zurückgegangen

Das ist in Sachsen-Anhalt und Thüringen immer noch ein großes Problem. Doch hier hat sich etwas in den vergangenen zehn Jahren getan, erläutert Kay Senius: "Da hatten wir in Sachsen-Anhalt im Jahr 2008 mal 74.000 Langzeitarbeitslose. Heute haben wir in Sachsen-Anhalt 32.200 Langzeitarbeitslose. In Thüringen waren es vor zehn Jahren um die 53.000 Langzeitarbeitslose, heute sind es knapp 21.000."

In Sachsen ging die Zahl der Langzeitarbeitslosen ebenfalls von 96.200 im Jahr 2010 auf 52.700 im vergangenen Jahr zurück, bestätigt Frank Vollgold, Sprecher der sächsischen Arbeitsagentur auf Anfrage. Bei zwei bis zweieinhalb Prozent Arbeitslosigkeit sprechen die Forscher übrigens von Vollbeschäftigung.

Arbeitslosenquote teilweise unter zwei Prozent

In Süddeutschland melden Arbeitsagenturen bereits Werte von unter zwei Prozent. Soweit ist man im Osten noch nicht, sagt Arbeitsagenturchef Kay Senius. Doch nah dran. In Südthüringen liegt die Arbeitslosigkeit inzwischen bei um die drei Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. August 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2018, 22:30 Uhr

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12 Kommentare

05.08.2018 20:33 Kritischer Bürger 12

@Schöngeredet 5: +...Wenn in einer Familie ds ALG II "Taschengeld" ist, weil sie die Miete samt Betriebskosten erstattet bekommen, zur Tafel gehen, um Essen zu holen, kostenfrei den ÖPV nutzen etc., dann wird wohl keiner "unzumutbare" Arbeit annehmen....+
Unter diesen Voraussetzungen hätte ich gern gewusst wo Sie leben.
Mieterstattung und Nebenkosten, wie bei Eigentum Winterfeuerungsbeihilfen haben lt. SGB NUR BEGRENZTE bis ins Einzelne ausgerechnete & vom Jobcenter vorgerechnete Grundlagen. Es gab einstmals vor 2005 das ALhL ganz ausgezahlt wurden und davon Miete und Nebenkosten von den Bezieher entrichtet werden musste.
Hier in Sa.-Anh. ist es so das man für Tafeln oder Sozialkaufhäuser einen Ausweis vorlegen muss um in den Genuss von Essen bei den Tafeln oder Möbel beim Sozialkaufhaus kommen kann. Letzeres auch nicht Kostenlos sondern für einen geringen Preis da diese Möbel etc. aus zweiter oder dritter Hand kommen. Somit ist Ihre Ansicht ein wenig sehr überaltert.

05.08.2018 20:19 Fragender Rentner 11

Man braucht hier nur einen guten RA oder eben einen Arzt.

Oder wie hatte mein Vater Früher gesagt: Früh sich 5 Min. dumm stellen, reicht für den ganzen Tag. :-)

05.08.2018 19:15 einfach ein normaler Bürger 10

Beitrag von@6 verstehe ich etwas anders...trotz jahrelanger Krankheit,jetzt verrentet ist doch eher soziale Absicherung und keine Bestrafung und bietet trotzdem Chancen für gewünschte Entwicklung,bei soz.Hilfe und Eigeninitiative

05.08.2018 15:33 Mediator an Nr. 8 9

Entschuldigung, aber sie reden GEFÄHRLICHEN Unsinn! Eine psychische Erkrankung ist genau das was der Name sagt: Eine Krankheit und die gehört auch fachmännisch behandelt. So wie sie daher reden könnte man meinen, dass eine Depression so etwas wie eine kleine Verstimmtheit und Niedergeschlagenheit ist. Was glauben sie, wie sich solche Menschen ohne Hilfe von Fachleuten selbst helfen können? Das ist ähnlich aussichtsreich wie wenn ein Ertrinkender beschließt, dass er jetzt schwimmen lernt.

Psychische Erkrankungen nehmen immer mehr zu und katapultieren immer mehr Menschen aus dem ersten Arbeitsmarkt heraus, wenn sie es überhaupt erst einmal dorthin geschafft haben. Einige dieser Erkrankungen lassen sich gut medikamentös behandeln und so gibt es auch oft einen Weg zurück in die reguläre Beschäftigung. Unbehandelt oder in besonders schwerer Ausprägung verhindern psych. Erkrankungen aber massiv eine normale Erwerbstätigkeit.

05.08.2018 14:15 An S - Nr. 6 8

Warum suchen so viele Menschen Hilfe bei "Therapien"? Ich bin da immer skeptisch, denn jeder - wirklich jeder Mensch - hat einen Verstand. Wenn irgendwo irgendetwas nicht funktioniert, wird gleich eine psychische Störung vermutet und nach Therapien gerufen. Verlasst Euch doch nicht auf vermeintliche "Therapeuten", sondern lieber auf Euch selbst - meistens ist man selbst sein bester Therapeut.
Warum gibt es denn so viele Therapeuten (und so viele Chirurgen, Banker, Unternehmensberater etc.)? Weil diese einem meistens einreden, dass nur sie selbst wissen, was für andere Menschen gut ist - und richtig gut dabei verdienen.

05.08.2018 14:04 Mediator 7

@wirtz (2,3) und Schöngeredet(5):
Haben sie den Artikel überhaupt gelesen? Herr Kay Senius gibt darin sehr deutlich an, dass die Quote derer, die gar nicht arbeiten wollen, doch sehr gering ist und somit diese Erscheinung eher als Ausnahme den als Regel gelten muss.

@S(6): So wie sie ihre Vita schildern ist bei ihnen sicherlich mehr notwendig als ein "Therapieplatz" um sie in Arbeit zu bringen. Selbst nach einer erfolgreichen Therapie wird ihre Belastbarkeit sicherlich unter der eines gesunden Menschen liegen. D.h. den Schulabschluß nachholen und einen Beruf zu erlernen wird alles andere als einfach. Da diese Ausbildung dann vermutlich in einem beschützten Rahmen stattfindet, werden sie nach erfolgreichem Berufsabschluss auf eine Arbeitswelt treffen, die sie so noch nie kennengelernt haben.

Im übrigen geben die verschiedenen Kostenträger Unmengen an Geld aus um Menschen mit psychischer Behinderung zu rehabilitieren. Einfach so wird sicher niemand verrentet.

05.08.2018 13:11 S 6

Aufgrund jahrelanger psychischer Krankheit, keinem Schulabschluss oder Ausbildung, weil man keine Hilfe bekam und nun seit 1/1/2 Jahren erfolglos auf Therapieplatzsuche ist, werde ich jetzt zwangsverentet. Dann tauche ich in der Statistik auch nicht mehr auf. Klasse, oder? Dabei könnte mir Eine Therapie mit Sicherheit helfen, aber es gibt zu wenig Plätze. Das heißt, wenn man sich darum mal kümmern würde, könnte ich vielleicht in ein paar Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Ebenso wie viele andere Menschen auch. Berufswunsch und Therapiewille ist bei mir vorhanden. Aber die Bundesregierung verschönt lieber hinterlistig die Zahlen anstatt etwas für Asylbewerber, Rentner, Hartz 4 Empfänger, Arbeitnehmer und Selbstständige zu tun. Wäre wohl zu viel Arbeit Arbeitserlaubnis zu verteilen, kleine Betriebe zu unterstützen, bedingsloses Grundeinkommen oder Menschen einen anständigen Mindestlohn zu sichern.
So hacken wir aufeinander rum, neiden Menschen sogar ihr Hartz 4.

05.08.2018 11:24 Schöngeredet... 5

In der Arbeitslosenstatistik wird aber auch viel schöngeredet.
Was ist denn mit denen, die gar nicht arbeiten wollen, weil sie ALG II beziehen und sich in der sozialen Hängematte wohlfühlen?
Wenn in einer Familie ds ALG II "Taschengeld" ist, weil sie die Miete samt Betriebskosten erstattet bekommen, zur Tafel gehen, um Essen zu holen, kostenfrei den ÖPV nutzen etc., dann wird wohl keiner "unzumutbare" Arbeit annehmen.
Solange man in Deutschland Geld fürs Nichtstun bekommt, solange werden wir mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben....

05.08.2018 10:29 Fragender Rentner 4

Na heu, jetzt gibt es wohl richtige Arbeitslose und Geschönte?

05.08.2018 09:49 wirtz 3

Und das bei Vietnamlöhnen und Côte d’Azur Mieten usw. da bleit man doch lieber Hartzer mit gesundem Rücken als 250 Stunden und mehr zu arbeiten um das von früher zu haben und so denken viele.Man weiss ja warum das Drecksgeld gemacht wurde und für wen und wem man damit schädigen will und wer die Nutznießer sind.Nur die AFD